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Milliardengeschäft Müll Der Kampf um die Wertstofftonne


Der Gelbe Sack geht, die Wertstofftonne kommt. Doch Kommunen und Abfallwirtschaft streiten, wer sich die "Rosinen" aus dem Müll picken darf. Der Verbraucher bleibt dabei auf der Strecke.
Von Peter Neitzsch

In Deutschlands Küchen sieht es aus wie auf dem Wertstoffhof: In einer Ecke stapelt sich das Altpapier, in einer anderen stehen leere Dosen und Flaschen - Pfandflaschen und solche fürs Altglas. Neben der Spüle: der Gelbe Sack, ein kleiner Eimer für Biomüll, ein großer für Restmüll. Leere Batterien, alte Medikamente, Spraydosen und selbst Energiesparlampen müssen extra entsorgt werden. Gefragt, was sie für die Umwelt tun, nennen zwei Drittel der Deutschen: Mülltrennen.

Fast 64 Prozent des Mülls hierzulande wird wieder aufbereitet. Das ist Rekord. Doch wir sind nicht nur Weltmeister darin, unseren Abfall zu sortieren, wir sind auch ehrenamtliche Mitarbeiter einer Industrie, die jährlich rund 56 Milliarden Euro umsetzt.

Bisher finanzierte sich das System über Abfallgebühren und den Aufschlag für Verpackungen mit dem Grünen Punkt. Doch das ändert sich gerade, denn im Müll stecken Rohstoffe - und die werden teurer: Recycelte Abfälle machen bereits heute 13 Prozent der Rohstoffe in Deutschland aus. Gegenwert: neun Milliarden Euro. Und künftig soll es noch mehr werden.

Die neue Wertstofftonne enthält wertvolle Metalle

Nach den Plänen der Bundesregierung soll bis 2015 eine neue Wertstofftonne den Gelben Sack ersetzen. In den neuen Tonnen sollen neben Verpackungen auch Kunststoffe und Metallgegenstände aus dem Haushalt entsorgt werden. Das soll die Recyclingquote erhöhen und macht die Tonne noch wertvoller. Kommunen und private Abfallwirtschaft streiten deshalb darüber, wer künftig an den "Rosinen" im Müll verdienen darf - die Kommunen wollen nicht länger die Entsorgung des Restmülls stemmen und das lukrative Recyclinggeschäft den Privaten überlassen.

Vor allem Rot-Grün regierte Länder kritisieren, dass das neue "Kreislaufwirtschaftsgesetz" der Regierung private Müllentsorger begünstigt, und stoppten das Gesetz im November im Bundesrat. Anders als von der Regierung vorgesehen, wollen sie privaten Entsorgern nur dann den Zuschlag etwa für die Altpapiersammlung geben, wenn diese "messbar und gewichtig" besser sind als die Kommunen. Aus Sicht der Koalition würde eine solche vage Klausel dagegen fairen Wettbewerb verhindern. Eine Lösung soll im Februar im Vermittlungsausschuss gefunden werden.

Müllverbrennungsanlagen sind nicht ausgelastet

"Bei der ganzen Debatte geht es darum: Wer bekommt was", sagt der Leiter des Fachbereichs Abfallwirtschaft an der Universität Kassel, Klaus Wiemer, stern.de. "Jeder will die Metalle haben, weil die am meisten wert sind." Doch nicht nur Kupfer und Stahl steigen im Preis, auch für Plastikabfälle wird mehr gezahlt, je teurer Erdöl ist. "Die ganze Abfallwirtschaft hängt an den Energie- und Rohstoffpreisen", sagt Wiemer. Wenn die steigen, lohne sich auch die Entsorgung.

Private Entsorger, die den Großteil der modernen Recyclinganlagen betreiben, werfen den Kommunen vor, ihnen ginge es nur um die Auslastung der Müllverbrennungsanlagen. Von 50 Millionen Tonnen Hausmüll werden nur noch 20 Millionen verbrannt. "Der Bundesrat hat sich klar von dem Ziel verabschiedet, möglichst viele Abfälle einem hochwertigen Recycling zuzuführen", beklagt sich der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungswirtschaft, Peter Kurth.

Der Verband kommunaler Unternehmen wehrt sich gegen den Vorwurf: Die Kommunen hätten massiv in Rauchgasreinigung, Kraft-Wärme-Kopplung und Metallrückgewinnung investiert, sagt der Verbandsgeschäftsführer Hans-Joachim Reck. Die Verbrennungsanlagen würden eine "sichere, umweltfreundliche und effiziente energetische Verwertung der Abfälle" gewährleisten.

Wettlauf um Wertstoffe im "Berliner Tonnenkrieg"

Einer der Player im Recyclinggeschäft ist das Unternehmen Alba (Jahresumsatz: rund 2,7 Milliarden Euro), das in Berlin eine der leistungsfähigsten Abfallsortieranlagen Europas betreibt: "120.000 bis 130.000 Tonnen werden hier pro Jahr sortiert", sagt Alexander Gora, Leiter des Alba-Werks. Milch-, Chips- und Safttüten, Raviolidosen und Bierbüchsen rasen über die Bänder. Infrarotgeräte scannen den Müll, Magneten ziehen Metall heraus, durch einen Luftzug wie im Kamin werden Folien abgesogen. Zum Schluss wird der sortierte Müll zu riesigen bunten Ballen gepresst und verkauft.

Alba entsorgt alle Gelben Tonnen im Raum Berlin und von 400.000 Haushalten eine "Gelbe Tonne Plus". Sie ist quasi ein Vorläufer der bundesweit geplanten Wertstofftonne, über die auch Legosteine, Bratpfannen oder defekte Haushaltsgeräte mitgesammelt werden können. "Dem Magneten ist es egal, ob er eine Getränkedose oder eine Bratpfanne rauszieht", sagt Werksleiter Gora. Bis zu sieben Kilo pro Einwohner und Jahr an Wertstoffen sollen so zusätzlich wiederverwertet werden - ein Viertel mehr als bisher.

Als die Berliner Stadtreinigung feststellte, wie lukrativ das Geschäft angesichts knapper werdender Rohstoffe ist, stellte sie eine eigene orangene Wertstofftonne auf. Hierhin können auch Holz, Elektrokleingeräte und Datenträger gesammelt werden. Nach einem Gerichtsentscheid sind die Alba-Tonnen nun nur noch geduldet; mit dem Hauptsacheverfahren wird noch gewartet bis das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz in Kraft ist.

"Das Mülltrennen ist im Grunde überflüssig"

Der "Berliner Tonnenkrieg" illustriert, dass es vor allem um eins geht: viel Geld. An den Verbraucher denkt niemand. Denn auch die neue Wertstofftonne wird der Sortiererei im Haushalt kein Ende bereiten. Im Gegenteil: Das neue Abfallgesetz schreibt ab 2015 vor, dass Biomüll, Papier, Metall, Kunststoff und Altglas getrennt gesammelt werden müssen. Dabei kommt es eigentlich darauf an, was hinterher mit dem Müll geschieht: Ein wesentlicher Teil der Edelmetalle bleibt, laut Abfallexperte Wiemer, in der Schlacke der Verbrennungsanlagen zurück. "Darüber regt sich niemand auf, aber wehe ein Joghurtbecher landet in der falschen Tonne - dann kommt der Blockwart."

Könnte man das Vorsortieren im Haushalt vollständig durch spätere Sortierung mithilfe moderner Anlagen ersetzen? Kein Problem meint Wiemer. Ob Wertstofftonne oder Gelber Sack, das Mülltrennen sei überflüssig geworden: "1990 war es richtig und konsequent, das Duale System einzuführen, aber mittlerweile leben wir in einer anderen Zeit und sind technisch viel weiter." Der Bauingenieur hätte am liebsten "eine Mischtonne, in die ich alles werfen kann - einschließlich Batterien." Schließlich habe nicht jeder ein Reihenhaus mit Schuppen zum Müllsammeln.

Möglich wäre das bereits heute. Wenn Altpapier, Altglas und Biomüll getrennt gesammelt werden, könne der restliche Müll bereits heute problemlos im Nachhinein sortiert werden, erläutert Wiemer. "Das Duale System neigt zum Selbstmord. Nur wegen der Mülltrennung gibt es heute solche leistungsfähigen Sortieranlagen, die Mülltrennung mittlerweile überflüssig gemacht haben."

Von Peter Neitzsch (mit DPA)

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