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Mit Porsche und Karmann: VW wächst in neue Dimensionen

Mit einem großen Konzernumbau rüstet sich Volkswagen zum Angriff auf Marktführer Toyota - und investiert in den nächsten drei Jahren mehr als 25 Milliarden Euro. Auch Porsche und Karmann gehören bald zur VW-Familie. Doch reibungslos fielen die Entscheidungen dafür offenbar nicht.

Von Gregor Haake

Mit dem Einstieg beim Osnabrücker Cabriospezialisten Karmann, neuem Spitzenmanagement und der Integration von Porsche bereitet sich Volkswagen auf den Kampf mit Toyota und General Motors um die Weltmarktspitze vor. Der Aufsichtsrat stimmte zudem der Erweiterung des Vorstandes um Audi-Chef Rupert Stadler sowie Investitionen in die Autosparte von 25,8 Mrd. Euro binnen drei Jahren zu.

Für das Engagement bei Karmann wird VW in den kommenden Wochen eine neue Tochtergesellschaft gründen. Sie soll ab 2011 eine Fahrzeugproduktion aufnehmen. Bis 2014 sollen nach den aktuellen Planungen über 1000 Arbeitsplätze gesichtert werden. VW erwirbt von Karmann Maschinen, Anlagen und Grundstücke. Es sei auch ein neues Fahrzeugprojekt geplant.

Mit der neuen Perspektive für Karmann und den Autostandort Osnabrück kommt VW der im Konzern starken IG Metall sowie dem Land Niedersachsen entgegen. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) stammt aus der Karmann-Stadt und hatte dem Konzern bei der Abwehr der Porsche-Attacke geholfen. Das Land hält eine Sperrminorität von 20 Prozent an VW. Als Gefälligkeit habe nun Chefaufseher Ferdinand Piëch das finanziell überschaubare Karmann-Engagement genehmigt, sagen Branchenexperten.

Derzeit sind beim Osnabrücker Zulieferer noch gut 900 Menschen beschäftigt, die nicht bereits die Kündigung erhalten haben. Davon fertigen 300 Cabriodächer. 2007 arbeiteten bei Karmann weltweit noch rund 7000 Menschen.

Die Einigung zum Engagement von VW bei Karmann wurde möglich, nachdem die Eignerfamilien Battenfeld, Bold und Karmann ihre Blockadehaltung aufgaben. Der Deal drohte lange Zeit an ihren Preisvorstellungen zu scheitern. Sie forderten angeblich gut 60 Millionen Euro für die Immobilien und Maschinen, VW war aber nur bereit, höchstens die Hälfte zu zahlen. Eine Einigung über den Preis und genauen Umfang des Geschäfts ist Kreisen zufolge aber noch nicht erfolgt.

25,8 Milliarden für die Autosparte

Der Ausichtsrat segnete auch die Investitionsplanung für die kommenden Jahre ab. Volkswagen investiert demnach auch in der Krise in neue Modelle, sparsame Antriebe und Produktionsanlagen. In den nächsten drei Jahren sollen in die Autosparte 25,8 Milliarden Euro fließen.

Davon entfallen den Angaben zufolge knapp 20 Milliarden Euro auf Sachinvestitionen, allein die Hälfte davon in Deutschland. "Die Automobilindustrie steht vor großen wirtschaftlichen und technologischen Herausforderungen. Mit Investitionen in neue Modelle, innovative Technologien und neue Werke setzt der Volkswagen Konzern seine langfristige Wachstumsstrategie mit Nachdruck fort", sagte Konzernchef Martin Winterkorn.

VW will den Absatz auch im nächsten Jahr trotz des schwachen europäischen Marktes mit vielen neuen Modellen hoch halten. Das Management rechnet mit Auslieferungen wie im Vorjahr von etwa 6,2 Millionen Fahrzeugen. Die Hoffnungen richtet der Konzern dabei vor allem auf den Markt in China und eine Erholung in den USA.

Offenbar zwei Gegenstimmen im VW-Aufsichtsrat

Auch die Übernahme von Porsche kam voran. Der VW-Aufsichtsrat stimmte Durchführungsverträgen zu einer im August vereinbarten Grundlagenvereinbarung mit dem Sportwagenbauer zu.

Allerdings soll die Abstimmung im Kontrollgremium des Wolfsburger Konzerns in der Nacht zum Freitag nicht einstimmig gefallen sein, meldeten mehrere Medien. Zwei Aufseher hätten gegen den Deal gestimmt: der Präsident der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Roland Oetker, und RWE-Chef Jürgen Großmann, schrieben der "Spiegel" und das "Handelsblatt". Die Risiken, die sich für VW aus der Porsche-Übernahme ergebe, habe aber auch noch weitere Aufsichtsratsmitglieder bewegt, hieß es.

Am Freitagabend gab auch der Porsche-Aufsichtsrat seine Zustimmung zu den Verträgen. Der Abschluss stelle einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg zum integrierten Automobilkonzern dar, der im Laufe des Jahres 2011 Realität werden solle, teilte der Sportwagenbauer mit.

Den Plänen zufolge kauft VW in einem ersten Schritt 49 Prozent an der Porsche AG. Dem Stuttgarter Sportwagenhersteller fließen durch den VW-Einstieg voraussichtlich noch bis Jahresende 3,9 Mrd. Euro zu, die teilweise zum Schuldenabbau genutzt werden sollen.

Winterkorn und Pötsch statt Wiedeking und Härter

In den Durchführungsverträgen werden laut VW organisatorische, strukturelle und rechtliche Details der Zusammenführung beider Unternehmen verbindlich geregelt und die einzelnen Schritte festgelegt. VW bestätigte auch Informationen der "FTD" vom Donnerstag, wonach Audi-Chef Rupert Stadler in den Vorstand von VW aufrückt. Als neuer Konzern-Vertriebschef wurde der Österreicher Christian Klingler in den Vorstand berufen, er leitete bisher den Vertrieb der Marke VW.

VW will für rund vier Milliarden Euro mit knapp 50 Prozent beim Sportwagengeschäft von Porsche einsteigen. Dazu plant der Wolfsburger Konzern eine Kapitalerhöhung im ersten Halbjahr 2010. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung am 3. Dezember sollen die Aktionäre zustimmen. 2011 sollen Volkswagen und Porsche miteinander verschmelzen. Der Stuttgarter Autobauer wird als zehnte Marke in den VW-Konzern eingegliedert.

Porsche hatte sich mit der ursprünglich geplanten Übernahme von VW massiv verhoben und einen riesigen Schuldenberg angehäuft. Auch die Porsche Holding SE plant daher etwa Anfang 2011 eine Kapitalerhöhung. Außerdem wird das österreichische Autohandelsgeschäft von Porsche an den Wolfsburger Konzern verkauft.

Der frühere Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und sein Finanzvorstand Holger Härter mussten Ende Juli wegen der Belastungen durch die missglückte Übernahme von VW gehen. Der Aufsichtsrat der Porsche SE hatte bereits im August beschlossen, dass VW-Chef Martin Winterkorn neuer Vorstandsvorsitzender der Dachgesellschaft werden soll. Neuer Finanzchef wird VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch.