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Nachfolger von Strauss-Kahn als IWF-Boss: Schwellenländer geben Europa Kontra

Wer wird Nachfolger von Dominique Strauss-Kahn beim IWF? Die EU fordert einen Europäer, die Schwellenländer haben etwas dagegen. Die Kanzlerin soll die Favoritin aus Frankreich unterstützen.

Kaum ist der inhaftierte Dominique Strauss-Kahn zurückgetreten, ist das Gerangel um den Nachfolger des IWF-Chefs in vollem Gange. Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert eine schnelle Entscheidung und soll angeblich die französische Finanzministerin Christine Lagardere als Kandidatin unterstützen. Dagegen könnten die aufstrebenden großen Schwellenländer etwas haben, die auch auch beteiligt werden wollen.

Seit Jahrzehnten gilt eine Machtteilung zwischen Europäern und US-Amerikanern: Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) kommt aus Europa, die Weltbank-Spitze wird von einem Amerikaner besetzt.

Für EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso ist die Sache daher klar: Weil die EU-Staaten zusammen der größte Beitragszahler des IWF seien, sollten sie gemeinsam einen Kandidaten aufstellen, erklärte eine Sprecherin Barrosos am Donnerstag. Die Konsultationen darüber seien bereits im Gang. Auch Merkel untermauerte die Forderung, dass erneut ein Europäer den Vorsitz beim Währungsfonds übernehmen sollte. Zu möglichen Kandidaten äußerte sie sich nicht. Laut "Handelsblatt" unterstützt sie aber die Favoritin: Christine Lagarde, eine fachlich anerkannte Landsfrau Strauss-Kahns. Der 55-Jährigen droht allerdings in Frankreich ein Verfahren wegen Amtsmissbrauchs. Neben ihr ist als europäischer Bewerber unter anderen der ehemalige Bundesbankchef Axel Weber denkbar - und die "Bild"-Zeitung brachte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ins Spiel.

Was die Schwellenländer fordern

Merkel begründete den europäischen Anspruch unter anderem mit den anhaltenden Problemen in der Euro-Zone. Außerdem sei der Franzose Strauss-Kahn vor Ablauf seiner regulären Amtszeit zurückgetreten. Möglicherweise seien die Schwellenländer für dieses Argument zugänglich.

Das erscheint allerdings zweifelhaft. China ging am Donnerstag in die Offensive. "Im Prinzip glauben wir, dass Schwellen- und Entwicklungsländer an der obersten Führung beteiligt sein sollten", sagte die Sprecherin des Außenministeriums, Jiang Yu. China sei stets der Meinung gewesen, dass der IWF Stellen nach den Prinzipien der Unparteilichkeit, der Transparenz und den Fähigkeiten der Kandidaten besetzen sollte, sagte die Sprecherin. China ist mittlerweile die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und hat nach Japan und den USA die meisten Stimmen im IWF.

Auch Brasilien pocht auf einen Nachfolger aus dem Kreis der Schwellenländer - hat die Chinesen aber offenbar nicht auf der Rechnung. "Wir glauben, dass Indien und Brasilien gute Optionen wären", sagte ein Regierungsvertreter, der anonym bleiben wollte, der Nachrichtenagentur Reuters. Brasiliens Finanzminister Guido Mantega ist der Meinung, der nächste IWF-Chef solle auf Grundlage seiner Eignung und nicht seiner Nationalität ausgewählt werden. Brasilien gehört zu den zehn größten Kapitalgebern des IWF und verfügt über entsprechend viele Stimmrechte. Generell fordern die Schwellenländer gemäß ihrer wachsenden Bedeutung für die Weltwirtschaft mehr Mitspracherecht im IWF.

Und die USA?

Bleiben noch die USA. Gegen ihren Willen wird niemand IWF-Chef. Sie sind größer Geldgeber des Fonds und vereinen deshalb mit 16,7 Prozent auch die meisten Stimmenrechte. Da wichtige Entscheidungen wie die Besetzung des Chefpostens mit einer Mehrheit von 85 Prozent getroffen werden müssen, verfügen die USA über eine Sperrminorität. Finanzminister Timothy Geithner machte klar, dass die USA wie bisher den stellvertretenden Chef stellen werden. Derzeit besetzt John Lipsky diesen Posten, will ihn aber am 31. August nach fünfjähriger Amtszeit abgeben. Ein Statement zum Chefposten gibt es aber aus Washington noch nicht.

Der IWF ist in der weltweiten Finanzkrise zu einem der wichtigsten Krisenhelfer aufgestiegen. Gerade in der Bewältigung der Euro-Schuldenkrise spielt der Währungsfonds eine wichtige Rolle. Auf den nächsten IWF-Chef warten große Herausforderungen. Ein Ende der europäischen Schuldenmisere ist noch lange nicht in Sicht, und auch in den USA verschärft sich die Haushaltslage. In vielen Schwellenländern droht zudem wegen des rasanten Wirtschaftswachstums eine Inflation.

ben/AFP/Reuters/DPA / DPA / Reuters