Neuer Siemens-Chef Peter Wer?


Der neue Siemens-Chef Peter Löscher kennt die ganze Welt - nur kennt die Welt ihn nicht. Bei Siemens begegnet man dem großen Unbekannten mit Skepsis, schon gibt es im Konzern die ersten Eifersüchteleien.

Als sich die schweren Türen der noblen Konzernzentrale von Siemens endlich öffnen, legt sich ein Murmeln über das wartende Grüppchen auf dem Wittelsbacher Platz in München. Der rechts muss es sein. Oder doch nicht? Und erst als Peter Löscher ans Mikrofon tritt, sind auch die letzten Zweifel ausgeräumt. Das ist er, der Neue. "Ich reihe mich heute in die Reihe von 475.000 Siemensianern ein", sagt der grauhaarige Mann in einem österreichischen Singsang. Ein bisschen leise. Ein bisschen unbeholfen. Und dann sagt er noch, dass er stolz ist. Auf seinen neuen Job.

"Leicht wird es für Löscher nicht"

Seit Sonntag ist also klar, wer den krisengeschüttelten Siemens-Konzern ab dem 1. Juli führen wird. Und mit der Präsentation des 49-Jährigen ist dem Aufsichtsratschef Gerhard Cromme eine dicke Überraschung gelungen. Namen kursierten in den vergangenen Wochen ja so einige, aber den gebürtigen Österreicher hatte niemand auf der Rechnung. Doch "Löscher bringt vieles mit, was jetzt bei Siemens gebraucht wird", sagt ein Siemens-Kenner. Der scheidende Chef Klaus Kleinfeld hätte sich vermutlich für einen anderen Nachfolger entschieden. Denn als er vor Kurzem gefragt wurde, welche Voraussetzungen der neue Siemens-Boss mitbringen soll, zählte er neben "internationalen Erfahrungen" und der "Leidenschaft für Technologie" auch intime Kenntnisse des weitverzweigten Siemens-Konzerns zu den nötigen Qualifikationen.

Löscher arbeitete in den vergangenen Jahren für Hoechst in Spanien, Großbritannien und Japan; er war für Aventis in Japan, arbeitete für den Kontrastmittelhersteller Amersham in London, wechselte nach der Amersham-Übernahme durch General Electric zum großen US-Konzern und war zuletzt für den US-Pharmariesen Merck tätig. Der Österreicher kennt die ganze Welt. Nur Siemens - Siemens kennt er nicht. "Leicht wird es für ihn nicht - so ganz ohne Hausmacht von New Jersey nach München zu kommen, ist schon gewagt", sagt ein führender Siemens-Manager.

Doch einen Vorteil hat die Jungfräulichkeit auf jeden Fall: In die Schmiergeldaffäre ist der neue Vorstandschef ganz sicher nicht verwickelt.

Unterstützung der Arbeitnehmer nötig

Der erste Gang führte Löscher zu den Arbeitnehmervertretern. Denn er braucht deren Unterstützung - auch in Zukunft. "Löscher hat den Arbeitnehmervertretern zugesagt, dass es unter seiner Führung keine Kahlschlagpolitik in Deutschland und anderswo geben wird", sagte Gesamtbetriebsratschef Ralf Heckmann.

Mit dem deutschen Mitbestimmungsprinzip ist Löscher allerdings ebenso wenig vertraut wie mit der Firmenkultur bei Siemens, ihrer verzweigten und oft unüberschaubaren Hierarchie von Vorständen und Bereichsfürsten. "Jemand, der hier von außen hinkommt, läuft das Risiko, dass man ihn auflaufen lässt", sagt ein Siemensianer.

Ohne Komplikationen dürfte das auch bei Löscher nicht ablaufen. Der Mann hat eine reine Pharma-Vita. Der Gesundheitsbereich ist bei Siemens aber nur eine von zehn Geschäftssparten - wenn auch eine der größten, seit Siemens sein Geschäft mit Computertomografen und Röntgenapparaten im vergangenen Jahr mithilfe von Milliardeninvestitionen um den Diagnostikbereich ergänzt hat.

Zu verdanken hat die Sparte ihren Aufschwung Professor Erich Reinhardt, einem der erfolgreichsten Siemens-Bereichschefs. Er war es, der mit Siemens-Technologiechef Hermann Requardt für die jüngsten strategischen Weichenstellungen in der Medizintechniksparte von Siemens zuständig war. Schon wird befürchtet, dass es zwischen dem 49-jährigen Neuling und dem 60-jährigen, altgedienten Reinhardt künftig krachen könnte. "Das ist ein Schlag ins Gesicht von Reinhardt und Requardt", meint ein Insider. "Es ist ihr strategisches Verdienst, die Medizintechnik durch den Zukauf der Diagnostik in Richtung Pharma erweitert zu haben. Jetzt bekommen sie jemanden vor die Nase gesetzt, der nicht nur de facto vom Hauptwettbewerber General Electric kommt, sondern in der Hierarchie nicht mal so weit oben wie Reinhardt war."

Da könnte es von Vorteil sein, dass Löscher bei der Integration unterschiedlicher Auffassungen und Kulturen jede Menge Erfahrung mitbringt. Der Betriebswirt studierte in Wien und Hongkong. Seine spanische Frau Marta lernte er in Großbritannien kennen. Die drei Kinder sind in den USA geboren. Sein Herz schlägt für den Fußballklub FC Barcelona.

Schwer dürfte es für ihn trotzdem auch in den anderen Siemens-Bereichen werden. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Klaus Kleinfeld, der im Laufe seiner 20-jährigen Siemens-Karriere die unterschiedlichen Konzernfelder kennengelernt hat, ist Löscher auf Gesundheit spezialisiert. Mit anderen traditionellen Siemens-Feldern wie dem Kraftwerksbau, Anlagen zur Energie-Übertragung, das Geschäft mit Automatisierungsanlagen und großen Infrastrukturprojekten ist Löscher bislang nicht in Berührung gekommen. "Er wird sich hier einarbeiten und dabei das Vertrauen der Siemensianer gewinnen müssen, wenn er Erfolg haben will", sagt ein Manager.

Lange Zeit, sich auf die neue Herausforderung vorzubereiten, blieb dem Österreicher nicht. Erst am vergangenen Samstag war Löscher aus den USA nach München gekommen, um sich den beiden Lagern im Aufsichtsrat zu präsentieren. Am Ende ging alles sehr schnell. Und das musste es auch. Wochenlang gerieten immer neue Namen potenzieller Kleinfeld-Nachfolger an die Öffentlichkeit - je mehr Zeit verging, desto nervöser wurden Anleger und Analysten. Am liebsten hätte Cromme seinen Aufsichtsräten Linde-Chef Wolfgang Reitzle präsentiert. Doch der sagte dankend ab.

Schwerer Schlag für Merck & Co

Während draußen immer wieder neue Namen kursierten, sondierte Cromme im engsten Kreis. Niemand sollte wissen, wen der Aufsichtsratschef auf seiner Liste hatte. "Dass es gelungen ist, die Personalie in den vergangenen Tagen geheim zu halten, ist schon eine Leistung", heißt es bei Siemens.

Für Merck & Co ist der Weggang Löschers ein schwerer Schlag. Der US-Pharmakonzern hatte sich viel von dem Österreicher versprochen, den er erst vor einem Jahr von General Electric abgeworben hatte. Merck hatte eigens für Löscher die neue Position des Präsidenten für den weltweiten Vertrieb von Human-Arzneimittel eingerichtet. "Für diese entscheidende Position haben wir jemanden mit Erfahrung in der Pharmaindustrie und der nachgewiesenen Fähigkeit, Wachstum und Wandel zu generieren, gesucht. Wir haben diese Person in Peter Löscher gefunden", lobte Konzernchef Richard Clark den neuen Mann, auf den er jetzt schon wieder verzichten muss.

Ob Löscher der richtige Mann für Siemens ist, wird sich erst zeigen. Eines hat Cromme mit dessen Verpflichtung zumindest abgewendet: dass er selbst - wenn auch nur vorübergehend - den Konzern leiten muss. Ausgerechnet mitten in der Schmiergeldaffäre stand der Weltkonzern seit Wochen ohne arbeitsfähigen Vorstand da. Und daran ist Cromme nicht ganz unschuldig. Gemeinsam mit führenden Aufsichtsräten wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hatte er die Ablösung Kleinfelds vorangetrieben - ohne einen Nachfolger zu präsentieren.

Das Führungsvakuum bei Siemens war in den vergangenen Tagen so groß, dass Cromme eigens für Kleinfeld in die Bresche sprang und an der Seite von Finanzchef Joe Kaeser in London um das Vertrauen der Anleger werben musste. Dieses Loch soll künftig Löscher stopfen.

Es ist ein großes Abenteuer, auf das sich Peter Löscher da eingelassen hat. Einen Vorteil hat ihm der Jobwechsel schon jetzt gebracht. In den USA musste sich der begeisterte Fußballfan mit den bescheidenen Künsten des Teams von Cosmos New York begnügen. Jetzt kann er zum FC Bayern München gehen.

von T. Fromm, K. Bialdiga, M. Gassmann und K.-M. Smolka

FTD

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