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NSA-Affäre: Aus allen Clouds gefallen

Cloud-Computing galt lange als das nächste große Ding der IT-Branche. Bis klar wurde, dass die NSA mitliest. Nun leiden amerikanische Anbieter - und deutsche profitieren.

Von Alexander Sturm

Schon im Juli, zu Beginn der NSA-Affäre, legte Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, den Finger tief in die Wunde. "Warum würden Sie jemanden dafür bezahlen wollen, dass er Ihre geschäftlichen oder sonstigen Geheimnisse hütet, wenn Sie vermuten oder wissen, dass sie gegen Ihren Willen weitergegeben werden?" fragte sie.

Damit zielte Kroes direkt auf amerikanische Anbieter wie Google, Amazon oder Microsoft, die für Fremdfirmen Daten in einer sogenannten Cloud (deutsch: Wolke) verwalten. Mitarbeiter der Fremdfirmen können so jederzeit und von jedem Ort der Welt auf ihre Geschäftsunterlagen zugreifen. Dieser Service verspricht Effizienzsteigerungen - wäre da nicht da nicht die NSA, die mit ihrem Spähprogramm Prism offenbar auch die Daten der Clouds ausliest. Diese Nachricht versetzte vor allem kleine und mittlere Unternehmen weltweit in Aufregung. Schließlich will niemand seine Geschäftsgeheimnisse preisgeben. "Wenn Unternehmen oder Regierungen annehmen, dass sie ausspioniert werden, dann haben sie weniger Grund, der Cloud zu vertrauen", resümierte Kroes.

Leistungen auslagern

Diese Prophezeihung scheint sich nun zu erfüllen: Amerikanische Cloud-Anbieter könnten in den nächsten drei Jahren bis zu 35 Milliarden Dollar Umsatz und ein Fünftel ihrer Marktanteile im Ausland verlieren, schätzte die Information Technology & Innovation Foundation im August. Kaum jemand glaubt noch an Datenschutz im Netz, schon gar nicht, wenn die Server in den USA stehen - #link;www.stern.de/digital/online/cloud-computing-die-wolke-des-grauens-1795640.html;was die Kritiker von Cloud-Computing bestätigt#, die diesen Mega-Trend der IT-Branche von Beginn an skeptisch beäugten.

Dabei waren sich zunächst alle einig, dass die "Datenwolke" das nächste große Ding der IT-Welt werden würde - bietet sie den Kunden doch große Vorteile. Statt für viel Geld eigene Rechnerleistung und Software zu unterhalten, können Unternehmen diese Leistung flexibel buchen. Vor allem Start-Ups, denen das Geld für eigene Server fehlt, wissen das zu schätzen. Aber auch Großunternehmen verlegten sich aufs Cloudcomputing, um Fixkosten abzubauen. Oft benutzen sie geschlossene Clouds, die sie nur für Geschäftspartner zugänglich sind.

Ein Milliardenmarkt

Bis 2016 würde der globale Markt für öffentliche Clouds von rund 100 auf mehr als 200 Milliarden Dollar in die Höhe schießen, prognostizierte der US-Marktforscher Gartner. Bis 2015 würde diese Technologie weltweit rund 14 Millionen Arbeitsplätze entstehen lassen, 250.000 alleine in Deutschland. Microsoft und Google stiegen ebenso in den Wachstumsmarkt ein wie Amazon und SAP. Der Online-Versandhändler versprach sich eine zweite Einnahmequelle, während der Softwarehersteller aus Walldorf glaubt, innerhalb weniger Jahre zum Weltmarktführer im Cloud-Geschäft aufsteigen zu können. Die Wolke schien eine Revolution, die die ganze IT-Welt umwälzen würde.

Doch die aufgrund der immer neuen Datenschutzskandale sinkt das Vertrauen in die Technik rapide. Vergangene Woche kam es dann zum GAU: Offenbar hat die NSA die Clouds von Google und Yahoo angezapft - ein Schock für Unternehmen, die dort ihre Daten eingelagert haben. "Vor allem mittelständische Kunden sind von der öffentlichen Diskussion um Datenschutz-Verstöße verunsichert", sagt Bernd Becker, Vorstandssprecher des Vereins "Euro Cloud Deutschland", der zum Verband der deutschen Internetwirtschaft Eco gehört. "Der weitere Erfolg der Cloud steht und fällt mit der Akzeptanz der Kunden." Gleichwohl hält er den Trend zum Cloudcomputing für unumkehrbar, zu groß seien die Vorteile für Unternehmen. "Das enorme Datenwachstum der vergangenen Jahre bringt firmeneigene Rechenzentren an ihre Grenzen. Die Cloud ist die einzig wirtschaftliche Alternative."

Auch der IT-Branchenverband Bitkom ist alarmiert. In einem Positionspapier warnt Präsident Dieter Kempf vor Industriespionage und spricht von einer "volkswirtschaftlichen Dimension", sollten Unternehmen nicht mehr die Sicherheit ihrer Daten garantieren können. Dies würde die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen langfristig schwächen.

Standortvorteil Deutschland

Doch gerade in diesem Klima des Misstrauens profitieren deutsche Cloud-Anbieter. Schließlich hat Datenschutz in der Bundesrepublik traditionell einen hohen Stellenwert - die Wolke aus Deutschland wird zum Standortvorteil. Im Verband "Initiative Cloud Services Made in Germany" haben sich rund 100 Cloud-Anbieter mit Sitz in Deutschland zusammengeschlossen, die Verträge nach deutschem Recht und einen Gerichtsstand in der Bundesrepublik garantieren. Zu den Gewinnern der NSA-Affäre zählen zum Beispiel die Hamburger Anbieter Cloudsafe und Metaways, die von einer stärkeren Nachfrage nach deutschen Lösungen berichten. Und der der Münchener Cloud-Spezialist Cancom, der auf geschlossene Clouds spezialisiert ist, hat seinen Aktienkurs seit Beginn der NSA-Affäre im Juni beinahe verdoppelt. "Die Folgen des Datenskandals sind keine schlechten Nachrichten, ganz im Gegenteil", verkündete die Firma im Sommer. Man profitiere von der öffentlichen Diskussion über Datensicherheit.

Der Verband der deutschen Internetwirtschaft sieht das ähnlich. Er sagt deutschen Anbietern von Cloud-Leistungen einen Wachstum von 37 Prozent pro Jahr bis 2016 voraus - ein deutlich größeres Plus, als es der Weltmarkt verzeichnet. "Für deutsche Firmen kann die Datenschutz-Affäre sogar zum Wettbewerbsvorteil werden, da sie mit hohen Sicherheitsstandards arbeiten", sagt Eco-Geschäftsführer Harald Summa.

Warnung vor Kleinstaaterei

Das wirtschaftliche Potenzial der NSA-Affäre hat inzwischen auch die Politik entdeckt. "Wir Europäer müssen gemeinsam daran arbeiten, unsere Abhängigkeit von Amerika und China zu überwinden und selbst starke Technologie anzubieten", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Sommer. Manche fordern gar einen "IT-Airbus" für Europa - in Anspielung auf den europäischen Flugzeugbauer EADS an, dem es gelungen ist, zum amerikanischen Konkurrenten Boeing aufzuschließen.

Einen nationalen Aufrüstungsplan schlug offenbar zuletzt auch die Telekom vor: Laut "Wirtschaftswoche" hat sich der Konzern im Bundeswirtschaftsministerium für einen innerdeutschen E-Mail-Verkehr stark gemacht, mit dem Nachrichten nicht mehr über Leitungen außerhalb des Landes geschickt werden müssen. So könne vermieden werden, dass die NSA E-Mails an internationalen Datenknotenpunkten anzapfe.

So viel Kleinstaaterei ist EU-Kommissarin Kroes dann doch zu viel. "Ich verstehe ja, wenn Deutschland seine hohen Sicherheitsstandards besser vermarkten will", sagte sie zum Vorschlag der Telekom - und verwies auf die Folgen, sollte alle EU-Staaten so handeln: "Es macht keinen Sinn, bald 28 Clouds in Europa zu haben. Wir können den globalen Markt nicht erobern, wenn wir unsere Daten in nationalen Grenzen einsperren."