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Ökonomin über Russen-Pipeline "Nord Stream 2 ist unnötig, teuer und widerspricht den Klimaschutzzielen"

Nord Stream 2
Wird Nord Stream 2 fertig gebaut? Das russische Verlegeschiff "Akademik Tscherski" im Hafen Mukran auf Rügen
© Jens Büttner / DPA
Soll Deutschland die Gas-Pipeline Nord Stream 2 stoppen, um Russland zu sanktionieren? DIW-Ökonomin Claudia Kemfert hält das Projekt auch wirtschaftlich für unsinnig. Weil wir in Zukunft weniger russisches Gas brauchen werden.

Nur noch 150 Kilometer Rohre fehlen, um die Gaspipeline Nord Stream 2 von Russland nach Deutschland fertigzustellen. Doch nun steht das gesamte Milliarden-Projekt auf der Kippe. Wegen des Giftanschlags auf Kreml-Kritiker Alexej Nawalny steigt der öffentliche Druck, Nord Stream 2 nicht fertig zu bauen, um Russland zu sanktionieren. Sogar Außenminister Heiko Maas, und Bundeskanzlerin Angela Merkel erwägen ernsthaft Konsequenzen für das Pipeline-Projekt.

Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig dagegen macht deutlich, dass sie davon aus wirtschaftlichen Gründen gar nichts hält. "Wenn wir auf das Gas aus Russland verzichten, bliebe als Alternative nur Frackinggas aus den USA. Das ist mit Sicherheit ökologisch die schlechtere Alternative und zudem noch teurer", sagte sie dem "Spiegel". Die Ostseepipeline sei ein "notwendiges Infrastruktur- und Energieversorgungsprojekt". 

"Existierende Infrastruktur reicht aus"

Dass die Pipeline wirklich notwendig ist, dass sehen allerdings längst nicht alle Experten so. Zu den schärfsten Kritikern gehört die Ökonomin Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Die Erdgasversorgung in Deutschland und Europa kann auch ohne den zweiten Strang der Pipeline gesichert werden", sagte Kemfert dem stern. "Die Pipeline ist energiewirtschaftlich unnötig, teuer und widerspricht den Zielen der Energiewende, des Klimaschutzes sowie der Diversifikation der Erdgasbezüge."

Kemfert argumentiert, dass der hiesige Erdgasbedarf in Zukunft zu Gunsten erneuerbarer Energien abnehmen wird, um die Pariser Klimabeschlüsse zu erfüllen, "die existierende Infrastruktur reicht zur Versorgung aus". Eine von ihr verantwortete DIW-Studie aus dem Jahr 2018 war zudem zu dem Ergebnis gekommen, dass das Projekt sich voraussichtlich auch wirtschaftlich nicht rechnen werde.

Auch der Energieökonom Marc Oliver Bettzüge hält das Gas der neuen Ostseepipeline für entbehrlich. Nord Stream 2 sei aus energiewirtschaftlicher Sicht "nicht von existentieller Bedeutung für die Sicherheit und Wirtschaftlichkeit der Gasversorgung in Deutschland oder Europa", sagte Bettzüge der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zwar könne die Pipeline die Gaspreise in der EU spürbar senken, eine Angebotslücke drohe aber nicht. "Die bestehende Importkapazität würde auch ohne die Pipeline Nord Stream 2 ausreichen, um die absehbaren Gasbedarfe in der EU abzudecken", so der Professor von der Uni Köln.

Osteuropa und USA gegen Nord Stream 2

Bereits jetzt bezieht Deutschland laut DIW-Ökonomin Kemfert etwa 40 Prozent seines Erdgases von Russland. Schließlich gibt es neben den alten Pipelines durch die Ukraine und Osteuropa seit 2011 ja bereits Nord Stream 1, die erste Ostseepipeline, die parallel zum zweiten Strang verläuft. Wenn Nord Stream 2 in Betrieb geht, würde also entweder der Anteil an russischem Gas erhöht oder bestehende Pipelines ersetzt.

Aus diesem Grund sorgt das Nord-Stream-Projekt auch bereits seit Beginn für politische Spannungen in Europa. Polen und die baltischen Staaten fühlen sich durch die deutsch-russische Direktverbindung an den Rand gedrängt und sehen ihre Interessen massiv verletzt. Sie profitieren wie die Ukraine von ihrer derzeitigen Stellung als Durchleitungsstaaten, wofür sie Gebühren verlangen. Von Nord Stream 2 profitiert dagegen vor allem der russische Gazprom-Konzern, dem die Pipeline zu hundert Prozent gehört. Gazprom könnte nicht nur Durchleitungsgebühren sparen, sondern auch Investitionen in die Erneuerung maroder Leitungen in Osteuropa.

Vor wenigen Wochen hatten sich auf politischer Ebene auch noch die USA eingeschaltet und die Fertigstellung des letzten Pipeline-Stücks mit Sanktionsdrohungen verhindert. Die Amerikaner würden wiederum liebend gerne mehr ihres teuren Fracking-Gases in Europa verkaufen.

Nicht mehr US-Frackinggas nötig

Wirtschaftsprofessorin Kemfert dagegen ist der Ansicht, Deutschland und Europa brauchten weder zusätzliche russische Gas-Kapazitäten noch mehr Flüssigerdgas (LNG) aus den USA. "Wir brauchen weder eine neue Pipeline noch LNG-Infrastruktur, gar keine neue fossile Infrastruktur, da der Gasbedarf mit der Erfüllung der Klimaziele abnehmen wird. Über bestehende Pipelines in Europa kann der Gasbedarf gedeckt werden", so Kemfert. Zahlreiche LNG Terminals in Europa seien nicht ausgelastet, es gebe ein Überangebot an Gas auf den internationalen Märkten. Wenn nötig, könne Deutschland mehr Gas aus Ländern wie Norwegen, Katar oder Nordafrika beziehen.

Durch einen Stopp von Nord Stream 2 profitiere aber vor allem die dringend benötigte Energiewende "mit einer Abkehr von fossilen Energien und Vollversorgung aus erneuerbaren Energien", sagt Kemfert. "Die Energiewende macht uns immun vor externen Schocks und fossilen Energiekriegen und ist daher das beste Friedensprojekt, welches wir derzeit haben."


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