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Radikaler Umbau: ThyssenKrupp streicht über 3000 Jobs

An einem geheimen Ort überzeugt ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Cromme das Präsidium von seinen Plänen. Die neue Führungsstruktur folgt alten Krupp-Traditionen: Das Controlling gewinnt an Einfluss.

Von Kirsten Bialdiga, Düsseldorf

Dieses Mal soll der Plan ganz geheim bleiben. In München, weit weg von den ThyssenKrupp-Hochburgen Düsseldorf, Duisburg und Essen, treffen sich die Mitglieder des Aufsichtsratspräsidiums.

ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme lädt in die bayerische Landeshauptstadt, um Ex-Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle, IG-Metall-Hauptkassierer Bertin Eichler und Konzernbetriebsratschef Thomas Schlenz in seine Überlegungen einzuweihen. Die Krise, so lautet Crommes Botschaft, zwinge zu weiteren Einschnitten. Die Struktur müsse noch schlanker, ThyssenKrupp noch flexibler werden.

Der Konzern will noch mehr Stellen abbauen als bisher geplant. In der Verwaltung würden "einige Hundert" Arbeitsplätze wegfallen, sagte ein Sprecher. Dies sei eine Konsequenz aus der organisatorischen Neuaufstellung. Nach Informationen der Financial Times Deutschland plant ThyssenKrupp den Abbau von über 3000 Arbeitsplätzen im Stahl- und Autozuliefergeschäft sowie im Schiffbau. Aus fünf Sparten werden zwei, im Vorstand sind operative Chefs künftig in der Minderzahl. Der frühere Krupp-Chef Cromme plant den größten Konzernumbau seit der Fusion von Thyssen und Krupp vor zehn Jahren.

Annäherung ans alte Modell

Doch dahinter steckt noch mehr. Mit der neuen Struktur nähert sich ThyssenKrupp wieder ein Stück dem alten Krupp-Modell an. Traditionell wurde Krupp vor allem über Zahlen und Controlling geführt - Chefs mit operativer Verantwortung hatten im Konzernvorstand keinen allzu großen Einfluss. In den Fusionsverhandlungen vor zehn Jahren hatte man sich dagegen nach einigem Hin und Her noch auf das operative Führungsmodell nach Thyssen-Vorbild geeinigt.

Doch das hat sich in der Krise nach Ansicht von Insidern nicht bewährt, zumal der Verwaltungsaufwand hoch ist. Einsparungen von 500 Mio. Euro jährlich erhofft sich der Vorstand von der neuen Struktur.

Ein Verfechter des neuen Modells ist auch der frühere ThyssenKrupp-Finanzchef Stefan Kirsten. Der traf sich noch vor wenigen Wochen mit ThyssenKrupp-Ehrenaufsichtsratschef Berthold Beitz zum Vieraugengespräch. Denn dass die neue Struktur ganz in Beitz' Sinne ist, steht außer Frage. Ohne den 95-jährigen Chef der Krupp-Stiftung, des einflussreichsten Aktionärs, fällt keine wichtige Entscheidung.

Größter Verlierer des Umbaus ist Stahlvorstand Karl-Ulrich Köhler. Seit Längerem zeichnete sich bereits ab, dass die Tage des Chefs der wichtigsten Konzernsparte gezählt sind. Ihm wird vor allem angekreidet, dass der Bau des neuen Stahlwerks in Brasilien komplett aus dem Ruder lief. Statt 3 Mrd. Euro wie ursprünglich geplant kostet die Hütte voraussichtlich 4,5 Mrd. Euro. Das ist noch nicht alles. Auch die heraufziehende Stahlkrise habe Köhler nicht früh genug vorhergesehen, lautet der Vorwurf von Vorstandschef Ekkehard Schulz. Auf einer Führungskräftetagung Mitte Februar zog er den gesamten Vorstand der Stahlsparte für Beobachter überraschend harsch zur Rechenschaft. Gutachten hätten schon frühzeitig auf den Einbruch der Autokonjunktur hingewiesen, hielt Schulz den Spartenvorständen vor. Sie hätten zu spät reagiert.

Mit dem Ausscheiden von Köhler werden auch die Karten für die Schulz-Nachfolge neu gemischt. Vor dem Brasilien-Debakel galt Köhler als aussichtsreicher Kandidat für den Spitzenjob, neben Industriechef Olaf Berlien und dem neu ernannten Steel- und Servicechef Edwin Eichler. Sehr gute Chancen kann sich jetzt auch der neue Finanzchef Alan Hippe ausrechnen. Dem früheren Continental-Vorstand werden große Ambitionen nachgesagt, möglichst bald auf den Chefposten vorzurücken.

Die Kronprinzen hoffen

Wer am Ende das Rennen gewinnt, ist aber längst noch nicht ausgemacht. Der Vorstandsvertrag von Schulz läuft bis Ende Januar 2011. Schon zweimal hat der Aufsichtsrat den Vertrag des mittlerweile 67-Jährigen verlängert, obwohl sich die Kronprinzen schon Hoffnungen gemacht hatten.

Ende des Jahres, wenn nach den Gepflogenheiten im Konzern wieder die Nachfolgefrage ansteht, könnten die Hoffnungen der Kronprinzen erneut enttäuscht werden. Denn die Entscheidung über den Spitzenposten liegt bei Beitz. Und der hält nach wie vor große Stücke auf seinen langjährigen Vorstandschef.

Schulz selbst formulierte neulich in einem Interview: "Ich habe Berthold Beitz mein Versprechen gegeben, dass ich so lange weitermache, wie er es will." Was das heißt, konkretisierte Schulz einmal in kleinem Kreis: Beitz wolle, dass er bis auf Weiteres Chef bleibe.

FTD