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Rainer Thiele: Von der "gestreckten Leberwurst" zum "Pfirsich-Hügel"

Am Anfang des Leiziger Familienunternehmens stand das Rezept für einen Brotaufstrich - mittlerweile wurde Kathi mit Backmischungen die Nummer Zwei im deutschen Markt. Und jetzt rückt die USA mit "German Streusel" ins Visier.

Als Käthe Thiele 1949 ein Rezept zur Herstellung der "gestreckten Leberwurst" - einer Brotaufstrichpaste - entwickelt, ahnt sie vermutlich nicht, dass sie damit den Grundstein für ein Familienunternehmen legt, das sich heute als Nummer Zwei auf dem bundesdeutschen Markt für Backmischungen etabliert hat. Zunächst mit einem Dreiradfahrzeug betreibt die patente Frau den Überlandverkauf und tüftelt an weiteren Rezepturen für Backmischungen, Suppen und Saucen. Aus der Nachkriegsnot war die Idee geboren, die 1951 zur Firmengründung führt. Aus Ka-ethe Thi-ele wird kurz Kathi - zunächst mit dem Zusatz Nährmittelfabrik Kurt Thiele, heute als Kathi Rainer Thiele GmbH.

Anfangs Produktion in Hinterhofgaragen

Nach dem Eintrag in das Handelsregister der DDR siedelt sich Kathi im sachsen-anhaltischen Halle an. Produziert wird zunächst in mehreren Garagen auf dem Hof, bis dann ab 1953 ein altes Gesellschaftshaus für die Produktion genutzt wird. Ab 1957 wird die Kathi-Nährmittelfabrik mit staatlicher Beteiligung und rund 80 Beschäftigten weitergeführt, Kurt Thiele bleibt als Komplementär die Eignungsmehrheit erhalten. 1961 beginnt der Sohn der Gründerin und heutige Geschäftsführende Gesellschafter, Rainer Thiele, seine Tätigkeit im Unternehmen. Mitte 1965 wird über Kathi ein Exportverbot für das westliche Ausland verhängt, im Jahr 1972 wird das Familienunternehmen endgültig verstaatlicht und unter dem Namen VEB Backmehlwerk Halle weitergeführt. Der Markenname Kathi aber bleibt patentrechtlich geschützt.

1990 Reprivatisierung

Rainer Thiele, mittlerweile ökonomischer Direktor, verlässt 1976 den Betrieb, nachdem er sich zuvor geweigert hatte, in die SED einzutreten. Bis 1990 arbeitet er im Kombinat VEB Nahrungsmittel und Kaffee (Venag) der DDR, im Februar wird der Reprivatisierungsantrag gestellt. Antragsteller Thiele wird Prokurist bei Kathi und nach Bewilligung der Reprivatisierung wird am 16.7.1992 die Kathi Rainer Thiele GmbH gegründet. "Wir gehören nicht zu den Unternehmen, die jammern und klagen", sagt Thiele. Grund dazu hätte er angesichts der Entwicklung des Unternehmens auch gar nicht: Seit 13 Jahren verzeichnet der Firmenchef nach eigenen Angaben zweistellige Zuwachszahlen. Dennoch geht er mit der Bundesregierung hart ins Gericht. "Deren Politik ist eindeutig konzernfreundlich ausgerichtet, dabei wird aber der Mittelstand abgewürgt und dadurch der Wettbewerb ernsthaft gefährdet", sagt er und fügt hinzu: "Das war aber unter der Regierung Kohl auch nicht anders."

Vorreiter bei Backmischungen

Dabei will Thiele sich mit seiner Firma dem Wettbewerb gern stellen. "Kathi war 1951 das erste Unternehmen in Deutschland, das Backmischungen angeboten hat, andere kamen erst viel später", erklärt der inzwischen 60-Jährige. Nach der Reprivatisierung, als man mit insgesamt acht Produkten anfing, wurden deshalb neue Rezepturen erdacht und erprobt, der gute Name Kathi, der über die DDR-Zeit bestehen geblieben war, half dem Familienunternehmen, seinen Stand im Osten Deutschlands zu halten und auszubauen. Doch auch der Westen der Republik wurde nach und nach aufgerollt, so dass schließlich die alten Produktionsstätten nicht mehr ausreichten.

Preis für den "Pfirsich-Hügel"

Rund 14 Millionen Mark investiert die Familie zwischen 1993 und 1994, bis der neue Firmenstandort bezogen werden kann. Dort produzieren jetzt 80 Mitarbeiter über 50 verschiedene Kathi-Produkte: Herzhafte von der Brötchen-Mischung über Ciabatta-Brot bis hin zum Pizzateig, Grundmischungen für verschiedene Kuchenteige, Fertigbackmischungen für Kuchen und schließlich die Premiummischungen "Lieblingskuchen", die erst 1991 auf dem Markt eingeführt wurden. Noch im gleichen Jahr erhält Kathi für den "Pfirsich-Hügel" den CMA-Spezialitätenpreis, der zum 50-jährigen Firmenjubiläum natürlich gerade richtig kommt.

2003 gelingt Durchbruch in den USA

Doch auch an den Grenzen Deutschlands und der umliegenden europäischen Länder ist für Thiele nicht Schluss: 2003 bringt den ersehnten Durchbruch im Exportgeschäft mit den USA. Unter anderem mit "German Streusel" hat Thiele den nordamerikanischen Markt ins Visier genommen, bei vielen Backmischungen wird auch im US-Geschäft die deutsche Bezeichnung beibehalten. "Schließlich gibt es ja jede Menge deutschstämmiger Amerikaner", begründet der Firmenchef die Marketingstrategie.

Jetzt soll Großbritannien erobert werden

Für das kommende Jahr hat sich Thiele Großbritannien für die Einführung neuer Produkte auserkoren. Mit speziellen Mischungen will er den Geschmack des britischen Publikums treffen, ohne dabei den typischen Kathi-Geschmack zu verleugnen. Doch auch Südafrika und Malta stehen auf der Expansions-Landkarte des rührigen Unternehmers, wobei seine Maxime heißt: "Wachstum ja, aber nicht um jeden Preis."

Jörg Aberger / DPA
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