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Regierung alarmiert: Selbstmordserie bei France Telecom

Eine Büroangestellte springt aus dem Fenster, ein Mitarbeiter rammt sich während einer Konferenz ein Messer in den Bauch: In den vergangenen 18 Monaten nahmen sich 23 Beschäftigte der France Telecom das Leben. Jetzt reagiert die Regierung in Paris.

Von Lutz Meier

Nach dem jüngsten Selbstmordfall unter Mitarbeitern der France Telecom greift jetzt der Staat ein. Sozialminister Xavier Darcos bestellte Konzernchef Didier Lombard zum Gespräch ein, um über die Suizidserie zu sprechen.

Darcos äußerte sich "sehr besorgt" über die Selbstmorde. Am Freitag hatte sich eine 32-jährige France-Telecom-Angestellte aus dem Bürofenster gestürzt. Zwei Tage vorher rammte sich ein Mitarbeiter in einer Konferenz ein Messer in den Bauch. Der Fenstersturz von Freitag war der 23. Selbstmordfall unter France-Telecom-Angestellten innerhalb von eineinhalb Jahren. Dazu kommen zwölf versuchte Suizide.

Selbstmordserie bei vielen Konzernen

Ähnlich wie jetzt France Telecom kämpfen mehrere französische Großkonzerne seit Jahren mit Serien von Selbstmorden. So gab es vor zwei Jahren in den Entwicklungsabteilungen der Autokonzerne Renault und PSA je eine Reihe von Suizidfällen binnen kurzer Zeit.

Später sorgten Fälle beim Stromkonzern EDF , beim Atomkonzern Areva oder beim Kantinenbetreiber Sodexo für Aufsehen.

Zwar gibt es kaum Vergleichsdaten zwischen der Zahl von Suiziden in französischen Betrieben und denen anderer Länder. Dennoch rätseln Soziologen und Politiker in Deutschlands westlichem Nachbarland über französische Besonderheiten.

Angst vor Verlust der Sicherheit

Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass laut Umfragen unter französischen Angestellten Erfolgsdruck und Angst vor Verlust der beruflichen und sozialen Sicherheit besonders stark empfunden werden. Angestellte sehen den mit großer Mühe erworbenen beruflichen Status laut Studien oft als fragil an.

Allerdings: Themen wie Arbeitssicherheit und sozialer Frieden im Betrieb sind in der öffentlichen Diskussion in Frankreich stärker präsent als etwa in Deutschland. Dies könnte ebenfalls die hohe Aufmerksamkeit für die Selbstmordfälle erklären.

"Cash und Knete anhäufen"

Gewerkschafter sprechen auch von strukturellen Problemen bei France Telecom. "Es handelt sich nicht nur um persönliche Dramen", sagte der Vorsitzende der Arbeitnehmerorganisation CFDT, François Chérèque am Montag. "Wir haben hier ein Unternehmen, dessen einziges Ziel es ist, Cash und Knete anzuhäufen, und dabei verlangt man von den Beschäftigten immer mehr Rentabilität".

Die Mitarbeiterin, die sich am Freitag aus dem Fenster stürzte, reagierte offenbar unmittelbar auf eine neue Arbeitsorganisation, in deren Zug ihr Chef wechselte.

Vom Unternehmen hieß es, die Frau habe bereits länger unter psychischen Problemen gelitten. Andere Mitarbeiter, die sich das Leben nahmen, hatten in Abschiedsbriefen betriebliche Probleme für ihren Schritt verantwortlich gemacht. France Telecom setzte die laufenden Restrukturierungsschritte unter Hinweis auf die Vorgänge zunächst aus.

Regierung verlangt Sondersitzung

Die Regierung verlangt jetzt von dem Konzern, eine Sondersitzung des Verwaltungsrats zu dem Thema einzuberufen. Der Staat ist mit 26,7 Prozent immer noch der größte Anteilseigner des Konzerns.

Zu dem Regierungstermin mit Konzernchef Lombard sagte Élysée-Generalsekretär Claude Guéant, Sozialminister Darcos werde "mit der Führung von France Telecom schauen, welche Möglichkeiten es für moralische und psychologische Hilfe für alle Beschäftigten gibt und ob es Maßnahmen der Arbeitsorganisation gibt, die dem ein Ende setzen können".

France Telecom trifft die Diskussion in einer kritischen Phase. Konzernchef Lombard wird den Posten demnächst an Stéphane Richard übergeben, der als Spitzenbeamter der Regierung in den Konzern gewechselt war.

FTD