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Schuldenkrise: Zentralbanken fluten Märkte mit Geld

Die Aktion kam unerwartet und war gut vorbereitet: Die wichtigsten Notenbanken der Welt pumpen mehr Geld in die globalen Finanzmärkte, sogar China zieht mit. Die Börsen reagierten mit Kursfeuerwerken.

Die großen Zentralbanken haben ein gemeinsames Programm zum Stützen der Finanzmärkte aufgelegt. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Zentralbanken von Kanada, den USA, Japan, der Schweiz und Großbritannien einigten sich auf ein Programm, um "dem globalen Finanzsystem Liquidität zuzuführen", wie die Institute am Mittwoch mitteilten.

Ziel der Aktion sei, die Spannungen an den Märkten zu reduzieren und damit auch die Realwirtschaft zu unterstützen, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der Notenbanken. So hätten sich die Zentralbanken darauf geeinigt, bestimmte Zinssätze zum Geldleihen untereinander um die Hälfte zu senken. Daneben solle es zwischen einzelnen Zentralbanken befristete bilaterale Abkommen zu solchen Zinsgeschäften geben, "so dass in allen Währungsgebieten Liquidität in allen ihren Währungen angeboten werden kann, falls es die Marktbedingungen erfordern", wie die Institute mitteilten.

An den Aktienmärkten löste die Aktion ein Kursfeuerwerk aus. Der Leitindex Dax an der Börse in Frankfurt am Main reagierte umgehend und sprang zeitweise 5,5 Prozent nach oben. Die Börsen in Paris, Madrid und Mailand gewannen mehr als drei Prozent hinzu. Auch der Euro gewann gegenüber dem Dollar deutlich an Wert.

Peking will mitziehen

Neben den westlichen Zentralbanken kündigte auch China am Mittwoch an, mehr Geld in den Markt zu pumpen. Erstmals seit drei Jahren werde das Land Anfang Dezember Devisenreserven abbauen, teilte die dortige Notenbank mit. Es ist bisher das deutlichste Signal aus Peking, dass sich die dortige Regierung um das Wirtschaftswachstum im Land sorgt.

Analysten begrüßten das konzertierte Vorgehen in ersten Reaktionen einmütig. Dies zeige, dass die Verantwortlichen das Problem endlich angingen, sagte etwa Mark Cliffe, Chefvolkswirt der ING Group. "Zuletzt haben wirklich düstere Szenarien die Runde gemacht. Angesichts dessen ist es wirklich umso wichtiger, dass sie nun mit aggressiven Maßnahmen das Bankensystem unterstützen." Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel sagte, die Notenbanken wollten vor allem eine neue Liquiditätskrise abwenden, die – ähnlich wie schon nach der Lehmann-Pleite vor drei Jahren - das globale Finanzsystem lähmen könnte. "Jegliche Anzeichen einer Liquiditätskrise werden mit allen Mitteln bekämpft. Wenn Verspannungen auftreten, werden die Notenbanken nachschießen."

Direkter Handel der Banken ist ins Stocken geraten

Zuvor hatte sich die Lage im europäischen Bankensystem weiter eingetrübt. Am Mittwoch näherten sich die eintägigen Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB der Marke von 300 Milliarden Euro. Die sogenannten Übernacht-Einlagen stiegen von 281,4 Milliarden Euro am Dienstag auf zuletzt 297,1 Milliarden Euro. Das ist der höchste Stand seit Anfang November. Die Marke von 300 Milliarden Euro hatten die Einlagen zuletzt im Sommer 2010 überschritten. Die eintägigen Ausleihungen der Banken stiegen unterdessen von 1,72 Milliarden auf 2,7 Milliarden Euro. Auch dies ist deutlich mehr als üblich.

Die eintägigen Einlagen und Ausleihungen der Banken bei der EZB gelten als Indikator für das Misstrauen der Institute untereinander. Normalerweise refinanzieren sich die Geschäftsbanken nur ungern über Nacht bei der Notenbank, da die Konditionen für sie ungünstig sind. Der direkte Handel zwischen den Banken ist aber - ähnlich wie in der Finanzkrise 2008 - erneut ins Stocken geraten. Hauptgrund ist das starke Engagement einzelner Institute in Staatsanleihen angeschlagener Euro-Staaten. Vor allem das Misstrauen gegenüber der drittgrößten Wirtschaft im Euroraum, Italien, war zuletzt deutlich gestiegen.

Auch bei den Ratingagenturen weht der Kreditwirtschaft ein rauer Wind entgegen: Dieses Mal versetzt Branchenprimus Standard & Poor's (S&P) mit einem weltweiten Rundumschlag über 37 Institute hinweg vor allem die US-Bankenwelt in Aufruhr. Die deutschen Institute kommen dagegen glimpflich davon. Derweil wartet die Branche weiter mit Spannung auf den neuen Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht (EBA). Er soll Aufschluss geben, wieviel frisches Kapital die großen Institute zusätzlich brauchen, um krisenfest zu werden.

Banken erwarten Ergebnisse des Stresstests

Aus Finanzkreisen hieß es, dass der Stresstest in Deutschland bei Commerzbank, Deutscher Bank, den Landesbanken LBBW und NordLB und dem genossenschaftlichen Spitzeninstitut DZ Bank eine Kapitallücke ausmachen wird. Bis Juni 2012 verlangt die EBA von Geldhäusern mindestens eine harte Kernkapitalquote von 9,0 Prozent als Puffer für Krisenzeiten.

Aus Sicht des Bankenverbandes ist die Kreditwirtschaft in der aktuellen Schuldenkrise auch Leidtragender falscher Signale aus der Politik. "Manche Banken haben 2008 ihre Staaten in Schwierigkeiten gebracht, jetzt aber bringen manche Staaten ihre Banken in Probleme", sagte der Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, Andreas Schmitz, dem Anlegermagazin "Börse Online". "Wir wurden im vergangenen Jahr von der Bundesregierung dazu aufgefordert, unsere Griechenland-Bonds zu halten. Es heute als Spekulation zu bezeichnen, dass Banken stark in diesen Staatsanleihen engagiert sind, ist unfair", kritisierte Schmitz.

kng/DPA / DPA