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Sparpläne bei der Post: Die Briefbombe des Herrn Appel

Nach einem Jahr im Amt zieht Frank Appel in seine erste große Schlacht: Der Post-Chef will drastisch sparen. Auf Kosten der Angestellten soll die Rendite der Briefsparte erhöht werden. Der Konflikt mit der Gewerkschaft entscheidet über Appels Erfolg - denn die Zeit der großen Deals und Abenteuer ist vorbei.

Von Leo Klimm

Frank Appel kann verzichten. Zum Beispiel auf ein überdimensioniertes Chefbüro. Als der Post-Chef einige Monate nach seinem Amtsantritt 2008 in das Büro von Vorgänger Klaus Zumwinkel zog, ließ er den Raum verkleinern. Die Trennwand zum Vorzimmer wurde ein Stück versetzt - und Zumwinkels edel wie gemütlich wirkender Teppichboden in Cremefarben durch graue Auslegeware ersetzt. Das Büro im 40. Stock des Bonner Post-Towers mit Blick über den Rhein ist jetzt immer noch groß. Doch wird dem Besucher klar: Mit der Gemütlichkeit ist es bei der Post vorbei.

Appel hat verzichtet, zuletzt auch auf einen Bonus. Jetzt verlangt er Verzicht von seinen Mitarbeitern. Der Post-Chef will mit allen Mitteln erreichen, dass die Arbeitszeiten der 80.000 Briefträger verlängert werden. Und dass sich die Gewerkschaft Verdi eine schon vereinbarte Lohnerhöhung um drei Prozent für die Angestellten in Deutschland, wo die Post insgesamt 170.000 Mitarbeiter hat, wieder abverhandeln lässt.

Briefsparte soll mehr Rendite abwerfen

"Wir können nicht einfach dasitzen und warten, bis die Gewinne ganz verschwunden sind", sagt Appel. Der Grund, wie überall: die Wirtschaftskrise. Die Erträge im Briefbereich sind im ersten Quartal um 25 Prozent auf 407 Millionen Euro eingebrochen. Wegen der Verluste in anderen Sparten bleibt auch davon unter dem Strich fast nichts hängen. Das Briefgeschäft in Deutschland steht derzeit für mehr als 90 Prozent der Gewinne, denn den konjunkturanfälligen Logistiksparten unter der Dachmarke DHL geht es noch schlechter.

Die katastrophale Geschäftsentwicklung spiegelt sich im Aktienkurs wider: Mehr als 50 Prozent an Wert hat die "Aktie Gelb" seit Appels Antritt eingebüßt. Das allerdings kann nicht allein mit schlechten Zahlen zu tun haben, denn die Papiere von Konkurrenten wie UPS, Fedex und Kühne und Nagel haben nicht so gelitten. Die Investoren sind ohnehin verärgert, weil Appel für 2008 eine höhere Dividende in Aussicht gestellt hatte, als er nun tatsächlich ausgekehrt hat.

Appel muss dringend handeln. Also will er die Rendite der Briefsparte - der Cashcow des Konzerns - noch einmal steigern. Also zieht er in die Schlacht gegen Verdi. Es ist seine erste große Auseinandersetzung, seit er im Februar 2008 auf Klaus Zumwinkel folgte, der wegen der Steueraffäre geschasst wurde. Der Konflikt mit der Gewerkschaft, den er nun forciert, ist für Appel Feuertaufe und Reifeprüfung zugleich: Er wird über seinen Erfolg an der Spitze der Post entscheiden.

Optimierung statt Expansion

Denn die Zeiten haben sich geändert. Es ist kein Spielraum für große Deals oder Expansionspläne. Die Erfolge, das stellt Appel klar, sollen aus der Optimierung des existierenden Geschäfts kommen. Er habe "kein Interesse an einem neuen Abenteuer", sagt der Post-Chef - in Anspielung auf das von Zumwinkel hinterlassene Desaster der Post-Tochter DHL in den USA, wo der Konzern mindestens 7,5 Milliarden Euro verloren hat. Also hat sich der Zwei-Meter-Hüne in seinem ersten Jahr darauf konzentriert, das US-Geschäft fast vollständig abzuwickeln und die Postbank an die Deutsche Bank zu verkaufen, zum stattlichen Preis von 4,9 Milliarden Euro. "Ich konnte nicht alles auf einmal machen", begründet Appel, warum er sich nicht schon früher mit Verdi angelegt hat. Dafür will er den Beschäftigten jetzt umso rascher Zugeständnisse abringen: "Wenn die Konjunkturerholung schnell kommt, verlieren wir all unsere Argumente", sagt Appel offen. Er will die Krise nutzen, um Verdis Macht zu brechen.

Appels Gegenspielerin bei der Gewerkschaft ist Andrea Kocsis. Die junge Verdi-Vizechefin führt die Arbeitnehmer im Post-Aufsichtsrat an. Ihr Büro ist nicht viel kleiner als das von Appel, auch sie hat Blick aufs Wasser. Doch die Perspektive ist grundverschieden: Kocsis schaut auf die Spree, und die Nähe zur härteren sozialen Wirklichkeit in Berlin mag dazu beitragen, dass sie keinen Zweifel daran lässt, Appels Wunsch nach einem Verzicht der Arbeitnehmer erbittert zu bekämpfen. "Wir tragen keine Einschnitte mit, nur um die Rendite für die Aktionäre hoch zu halten", sagt sie. "Es gibt keinen Millimeter Spielraum." Nicht bei der Arbeitszeit, nicht bei den Löhnen.

Die Angestellten der Post arbeiten 38,5 Stunden - das ist nicht viel. Aber gerade die Briefträger haben einen harten Job, ihre Zustellbezirke wurden in den letzten Jahren immer größer, und sie bekommen dafür nach Tarif maximal 2200 Euro, sagt Kocsis.

Gewerkschaft mit Drohpotenzial

Appel will nun die Arbeitszeit "in mehreren Schritten deutlich erhöhen". Ohne Mehrarbeit dürfte es nach Ablauf der Beschäftigungsgarantie im Jahr 2011 Entlassungen geben, droht er. Der Tarifvertrag, der für Dezember die zweite Stufe einer insgesamt siebenprozentigen Erhöhung der Löhne und Gehälter vorsieht, läuft bis 2010.

Auch ihn stellt Appel infrage. "Es gab früher eine Kultur, dass man sich an geltende Verträge hält", schimpft Kocsis. Sie hat Drohpotenzial: Der gewerkschaftliche Organisationsgrad bei der Post liegt bei über 80 Prozent der Beschäftigten.

Der Frieden, den Zumwinkel mit den Gewerkschaften jahrelang gepflegt hat, ist zerstört. Dieser aber habe auf einem faulen Kompromiss beruht, kritisiert der Branchenexperte Horst Manner-Romberg: "Es ist schon seit Jahren klar, dass die Produktivität der Briefsparte bei einer Arbeitswoche von 38,5 Stunden zu niedrig ist. Zumwinkel war es zu heiß, die Sache anzupacken." Nun werde das Problem, das durch die Konkurrenz der E-Mail strukturell angelegt sei, durch die Krise noch verschärft.

Post droht mit Outsourcing

Bei der Post sieht man die Schuld für den anstehenden Konflikt nicht beim Ex-Chef, sondern bei den Arbeitnehmervertretern, die ihre Mannschaft im Aufsichtsrat 2008 komplett ausgetauscht haben. "Die Einstellung der Gewerkschaft hat sich uns gegenüber um 180 Grad gedreht", klagt Briefvorstand Jürgen Gerdes.

Als der Manager jetzt auf einer Investorenkonferenz über die Lage spricht, atmet er schwer, er macht lange Pausen, jeder Satz soll Bedeutung haben, soll zeigen, wo die Reise hingeht: "Wir haben es mit Leuten zu tun, die die Wirklichkeit nicht reflektieren wollen." Auch Appel, der tags zuvor bereits via "Bild"-Zeitung die Kernbotschaft unter das Volk gebracht hatte, benutzt klare, kurze Sätze: "Wir müssen die Gangart ändern." Gerdes stellt eine Drohung in den Raum: Wenn Verdi und die kleinere Christliche Postgewerkschaft nicht mitziehen, sei auch Outsourcing im großen Stil kein Tabu.

"Drastische Maßnahmen" für höhere Gewinne

Unabhängig von den gewünschten Zugeständnissen der Arbeitnehmer schafft die Post bis 2012 für 420 Millionen Euro neue Briefsortiermaschinen an, die den letzten Rest Handarbeit überflüssig machen werden. Zugleich spart der Konzern, wo er kann. So sollen einige der 82 Briefsortierzentren ab sofort an manchen Wochentagen ganz geschlossen bleiben - hauptsächlich montags, weil dann die Sendungsmengen besonders gering sind. Die Sortierzentren nicht zu betreiben spart schon Geld. Zudem wird das Nachtflugnetz stillgelegt - kein Brief wird mehr per Flugzeug innerhalb Deutschlands transportiert. Alles läuft künftig auf dem Landweg.

Die "drastischen Maßnahmen", wie Gerdes sagt, sollen allein 2009 den Gewinn der Briefsparte um 300 Millionen Euro steigern. Die Kehrseite der Medaille: Wenn Sortieranlagen zeitweise geschlossen und Briefe nicht mehr geflogen werden, erhöht das die Komplexität, sagt Branchenexperte Manner-Romberg. Und das wiederum kann leicht dazu führen, dass die Qualität der Zustellung leidet - sprich: Briefe mehr als einen Tag lang unterwegs sind.

Dabei hatte die Post nach Klagen der Kunden über schlechten Service erst im Herbst 1000 zusätzliche Briefträger eingestellt, um Engpässe zu beheben. Die Verträge der Zusatzkräfte laufen diesen Monat aus. Dass sie nicht verlängert werden, versteht sich von selbst.

Druck aus Berlin

Als die Kritik über die Zustellqualität im Herbst laut wurde, machte auch die Politik Druck auf Appel. Auch jetzt ist die Meinung Berlins entscheidend. Appels Plan, die Gewerkschaften zu Verhandlungen über den bestehenden Tarifvertrag zu zwingen, wird ohne die Billigung der Bundesregierung nicht funktionieren. Der Bund ist über die Staatsbank KfW immer noch mit 30 Prozent an der Post beteiligt und damit der weitaus größte Aktionär. Und das Krisenjahr fällt - ausgerechnet - in ein Wahljahr.

Appel weiß, dass das zu einem Hindernis werden könnte für seinen Plan, der für seinen eigenen Erfolg so wichtig ist. Es ist schwer vorstellbar, dass die sich belauernde Regierungskoalition im Wahlkampf Einschnitte bei der Post mitträgt. Gerdes gibt sich kämpferisch: Er wolle den Politikern "klarmachen, dass wir hier ein wirkliches Problem haben". Spätestens nach der Wahl im Herbst, deutet er an, zählt er auf die Unterstützung der neuen Regierung.

Im Herbst will die Post auch mit dem "Onlinebrief" an den Markt gehen. Die elektronischen Schreiben sollen - anders als E-Mails - komplett vertraulich zu übertragen sein und so das Briefgeheimnis in die digitale Welt überführen. Interne Berechnungen gehen davon aus, dass sichere Onlinedienste das klassische Briefgeschäft künftig jährlich 1,5 Milliarden Euro kosten können - das sind zehn Prozent des Umsatzes. Wenn es so kommt, sind die Kämpfe zwischen der Post-Spitze und den Gewerkschaften erst der Anfang.

FTD