HOME

Westfalenhütte: Warum ein Dortmunder Stahlwerk nun in China in die Krise schlittert

Als die Chinesen in Dortmund ein ganzes Stahlwerk einpackten, war das ein Symbol für die Globalisierung. Jetzt ist die Stahlkrise auch in Fernost angekommen. Ein Besuch in der alten Westfalenhütte.

Stahlproduktion in China

Stahlproduktion in China: Die Westfalenhütte wurde einst in Dortmund demontiert.

Dieser freundliche Chinese also, der immer so kleine Fältchen um Mund und Augen bekommt, wenn er lacht – dieser Chinese ist der Kronzeuge der Globalisierung. Er sitzt an einem Tisch aus braunem Pressholz in der dritten Etage eines staubgrauen Plattenbaus nicht weit von Shanghai. "Da hinten", sagt er und deutet aus dem Fenster, wo rauchende Schlote wie Bambus in den Himmel ragen und rostbraune Rohre sich ausdehnen bis zum Horizont, "da hinten steht der Hochofen aus Dortmund."
Er war es, Jü Xiaojun, der dieses Monstrum hergeholt hat. Als der chinesische Stahlhersteller Shagang vor 15 Jahren die Westfalenhütte in Dortmund erwarb und nach China verschiffen ließ, verpackt in 4000 Container, koordinierte er das Projekt. Den größten Umzug der Industriegeschichte. Eine Firma aus einem aufstrebenden Entwicklungsland kauft das Stahlwerk einer alten Industrienation, um es daheim wieder aufzubauen. Ein Akt voller Symbolik.
Thyssen-Krupp hatte die Anlage in der Stahlkrise stillgelegt. Zu groß waren die Überkapazitäten in Europa, zu niedrig die Preise. Der Verkauf rechnete sich mehr als eine Verschrottung. Im Ruhrgebiet verstand damals jeder, dass die große Zeit nun vorbei war und die deutsche Industrie Konkurrenz in Fernost bekommen hatte. Das, sagten sie, ist die Globalisierung.

"Wir haben viel mehr mitgenommen als eine Fabrik"

"Die Arbeit in Dortmund war der Höhepunkt meines Lebens" , sagt Jü Xiaojun heute. Alles hat er aufbewahrt, die alten Telefonlisten, Briefe, Dienstmitteilungen. Er holt Fotos und Zeitungsausschnitte aus seiner Jutetasche und legt sie auf den Tisch, wie einen Goldschatz. "Wir haben viel mehr mitgenommen als eine Fabrik", sagt er. "Wir sind selbstbewusster geworden, offener. Und wir wissen jetzt, dass wir fast alles schaffen können." Draußen vor dem Fenster verheißen riesige Schriftzeichen auf einem roten Transparent: "Arbeitet hart, um ein Weltreich des Stahls zu erschaffen!"
Und so kam es ja auch. Die Globalisierung veränderte die Welt. China wurde zum größten Stahlproduzenten, der Stahl zum Rohstoff des Booms – und zum Sinnbild des Aufstiegs.
Doch es scheint, als sei nun eine neue Zeit angebrochen. Und wieder steht der Stahl im Mittelpunkt des Wandels. Denn inzwischen produzieren die chinesischen Hochöfen mehr, als im Land verbaut werden kann. Sie müssen den überschüssigen Stahl jetzt auf dem Weltmarkt loswerden, im Jahr 2016 allein über 100 Millionen Tonnen. Das drückt die Preise – und bedroht die letzten verbliebenen Werke in Europa und Amerika. So ist der Stahl zu einem Thema der Weltpolitik geworden.

Stahlwerk Westfalenhütte in China

Herr Jü ist immer noch stolz auf den Umzug. 4000 Container waren dafür nötig.


Stahl aus China: Abschottung statt Freihandel

Nicht nur Donald Trump wettert lautstark gegen die Konkurrenz aus China. Immer mehr Staaten erheben Zölle, um ihre Märkte zu schützen. Europa verlangt Anti-Dumping-Aufschläge von bis zu 81 Prozent, die USA sogar von bis zu 266 Prozent. Abschottung statt Freihandel.


Aus Stahl kann man Waffen schmieden, auch für einen Wirtschaftskrieg. Es droht die Rückkehr zum Protektionismus. Der Stahlbranche könnten bald auch andere Branchen folgen. Schon jetzt erlahmt der Welthandel, es steht nichts weniger auf dem Spiel als: die Globalisierung.
17.30 Uhr in Jinfeng, die Tagschicht endet, aus den Lautsprechern unten auf dem Parkplatz erklingt die Firmenhymne. Tausende Arbeiter auf Motorrollern drängen durch die Fabriktore auf die Dorfstraße. Die meisten tragen noch die roten Uniformen und Schutzhelme. Von hier oben, aus dem Fenster des Verwaltungsgebäudes, sieht es aus, als schwappe eine rote Welle durch das kleine Dorf, die Hauptstraße entlang Richtung Süden, wo sie sich langsam auf die Wohnblöcke verteilt.
Jinfeng, Hauptsitz des Weltkonzerns Shagang, hat profitiert vom Stahl. Es ist immer noch eher ein Dorf, der Name bedeutet "Goldene Ernte". Doch seit die Fabrik sich in alle Richtungen ausbreitet, ist kein Platz mehr für die Felder. Ein Café an der Kreuzung bietet Cappuccino, und zum Schichtwechsel bilden sich jetzt Staus, weil immer mehr Arbeiter und Bauern sich ein Auto leisten können. Mit dem Stahl kam der Wohlstand.

Was von der Westfalenhütte blieb

Fast 15.000 Menschen arbeiten in der Fabrik. Sie liegt direkt am Jangtse-Fluss, überall riecht es nach Schwefel. Backsteingebäude aus der Gründerzeit stehen neben Bürohäusern mit Spiegelfassaden. Besucher werden in Kleinbussen über sechsspurige Werkstraßen gefahren, während Mitarbeiterinnen der PR-Abteilung lange Zahlenreihen vortragen, die ein fast furchterregendes Wachstum dokumentieren. Als letzte Erinnerung an die deutsche Vergangenheit hängen im Walzwerk und an den Kranbrücken ein paar verblasste Schilder: "Tragfähigkeit 30 Tonnen" .
Und da, der Hochofen aus Dortmund, 120 Meter hoch, ein brauner Grobian, gefüttert von Fließbändern und riesigen Rohren. Funkensprühend fließt unten die honigzähe Glut heraus. 4800 Tonnen Stahl produziert er noch – jeden Tag. Als wäre das Feuer des deutschen Wirtschaftswunders hier noch einmal aufgelodert.
Es wird Abend, richtig Nacht wird es in Jinfeng nie. Irgendwo schlägt immer Stahl auf Stahl, die Hallen reflektieren das Wummern wie riesige Resonanzkörper. Und über dem Dorf leuchten die Smogwolken im rosafarbenen Licht der glühenden Brammen am Boden.

Westfalenhütte in China: Stahlwerk in der Krise

Glühende Brammen: 4800 Tonnen Stahl produziert das wieder aufgebaute Breitbandwalzwerk jeden Tag Unternehmer Shen Wenrong wurde mit Stahl zu einem der reichsten Männer Chinas


Stahlwerk in guten Händen

Vom Haupttor ein paar Hundert Meter die Dorfstraße hinab hat der Konzern ein eigenes Hotel eröffnet, römische Säulen, Kunstmarmor. Hier hat Shen Wenrong an diesem Abend zu einem Bankett geladen. Er ist Gründer und Chef von Shagang. Ein gut gelaunter Mann in einem mintgrünen Polohemd, das ein wenig zu eng ist für seine Statur. Sein randvolles Glas Rotwein leert er in einem Zug. "Niemand hat damals geglaubt, dass wir es schaffen würden", sagt er. Die Westfalenhütte sei jetzt aber in guten Händen. "Bitte sagen Sie das den Menschen in Dortmund."
Beim Essen erzählt er. Die Geschichte der Globalisierung und des chinesischen Aufstiegs ist auch die seines Lebens. Geboren wurde er 1946, als eines von sechs Kindern einer armen Bauernfamilie. Oft reichte das Essen nur für eine Mahlzeit am Tag. 1958 rief Mao zum Großen Sprung nach vorn. China sollte bald so viel Stahl produzieren wie England. Die Revolutionäre bauten Hochöfen im ganzen Land. "Selbst meine Mittelschule machte mit", erzählt Shen. "Eltern, Lehrer und Kinder sammelten jedes Stück Eisen in der Nachbarschaft, selbst Kochtöpfe und Messer haben wir eingeschmolzen." Fast die gesamte Produktion war fehlerhaft, der Große Sprung endete in einer Hungersnot. Doch die Faszination für den glühenden Stahl blieb. Das Leuchten des Fortschritts – das fühlten die Menschen in Jinfeng wie in Dortmund.

"Der Boom war ja abzusehen"

Mitte der 70er Jahre sammelte Shen Geld für eine simple Fabrik, das Walzgerüst baute er selbst. Er kaufte Produktionsabfälle und fertigte daraus eigene Produkte. "Die Qualität war furchtbar", sagt er. Konkurrenz gab es nicht. Shen verstand es, die Firma durch die Wirren der chinesischen Politik zu navigieren, dabei waren private Unternehmen in der Volksrepublik lange verboten. Zur Jahrtausendwende begann Chinas Wirtschaft, richtig Fahrt aufzunehmen, und Shen kaufte die Westfalenhütte. "Der Boom war ja abzusehen", erzählt er.
Der alte Hochofen in Dortmund war noch warm, als Jü Xiaojun, Shens Gesandter, zwei Monate nach der letzten Schicht die Hallen betrat. "So ein gewaltiges Stahlwerk wie eine Geisterstadt zu sehen war ein Schock", erinnert er sich, "doch wir waren überzeugt, dass wir die Fabrik besser führen könnten." Der Abbau begann im Februar 2002 mit einer Zeremonie. Anwohner kamen, um sich von den Maschinen zu verabschieden. 40.000 hatten hier in den besten Zeiten malocht. Die Reden klangen wie auf einer Beerdigung.


Shen schickte fast tausend Mann, eine Abwrackarmee. Sie bauten alles auseinander, Sinteranlage, Hochöfen, das 800 Meter lange Warmbreitbandwalzwerk, Kräne, Brücken, Schaltschränke. Alles wurde nummeriert, verpackt und verschifft, Gesamtgewicht: rund 250.000 Tonnen. "Wir hätten am liebsten sieben Tage pro Woche durchgearbeitet", sagt Jü Xiaojun. Die wenigen Deutschen, die halfen, zählten jede Schraube, die Chinesen wogen sie kiloweise ab. Sie schafften den Umzug in der Hälfte der geplanten Zeit. Schon nach drei Jahren feierten sie mit Livemusik und Luftballons die Produktion der ersten Bleche im Dorf "Goldene Ernte".

Chinas Stahl - die Hälfte der Weltproduktion

Im Jahr 2009 war der Stahlkonzern Shagang kurzzeitig die größte private Firma Chinas – und Gründer Shen stand ganz oben auf der Liste der reichsten Chinesen, er war nun ein Vorbild, ein Nationalheld. Heute stellt Shagang über 34 Millionen Tonnen Stahl her, für die Bauindustrie, für Chinas Autohersteller, für den Schiffbau, für Kühlschränke und Konservendosen. "Ohne Dortmund hätten wir das nicht geschafft", sagt Shen.
Mehr als 800 Millionen Tonnen Stahl erzeugt China inzwischen im Jahr, die Hälfte der Weltproduktion, fast fünfmal so viel wie EU-Länder zusammen. Doch seit die Wirtschaft im Reich der Mitte schwächelt, steigt die Ausfuhr des Stahls unaufhörlich, allein nach Europa seit 2012 um 160 Prozent.
Auch Shagang musste auf den Abschwung reagieren, inzwischen verkauft der Konzern rund 20 Prozent ins Ausland. Die Fabrik verfügt über einen eigenen Frachthafen mit einem acht Kilometer langen Pier und eigener Zollstation. 23 riesige Frachter können hier gleichzeitig festmachen. Ein Teil des Shagang-Stahls gelangt über den Jangtse und die Ozeane auch nach Deutschland. "Viel wichtiger sind für uns aber Märkte wie Afrika und Südostasien, wo wenig Stahl produziert wird" , sagt Shen. "Wir sehen das als unseren Beitrag zur Entwicklung der Welt." Genauso haben früher auch deutsche Stahlmanager geredet.

Chinesischer Billigstahl

Die aber reden heute fast nur noch über ein Thema: chinesischen Billigstahl! Der Westen fühlt sich überschwemmt, die Branchenverbände warnen vor Werkschließungen, der nächsten Stahlkrise, die 90.000 verbliebenen Stahlarbeiter in Deutschland fürchten um ihre Jobs. Zehntausende protestieren, und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker verspricht: "Die EU wird ihre Stahlindustrie verteidigen."

Längst droht Chinas Regierung unverhohlen mit Gegenmaßnahmen. Sie könnte Investitionen aus dem Westen erschweren, Kapital blockieren, Umweltstandards erhöhen – kurz: den eigenen Markt abriegeln, der für westliche Konzerne aber inzwischen unverzichtbar erscheint. Was etwa würde das für die deutschen Autohersteller bedeuten? Müssten dann auch die Bandarbeiter in Wolfsburg oder Stuttgart um ihre Jobs bangen? Die Bundesregierung ist alarmiert. Seit Anfang Januar führt Deutschland die größten Industrienationen der Welt im Kreis der G20-Staaten – und hat die Stahl-Frage zu einer ihrer wichtigsten erklärt. Vertreter aus aller Welt berieten sich dazu bereits in Berlin.
Dass es nicht weitergeht wie bisher, weiß auch Shen Wenrong beim Bankett in Jinfeng. "China hat definitiv ein Problem mit Überkapazitäten – doch wir sind nicht die Einzigen", sagt er. China exportiere gerade einmal rund zehn Prozent seiner Produktion, in Südkorea und Japan liege der Anteil bei über 40 Prozent. Er wird richtig ungehalten, er hat das Gefühl, dass China ungerecht behandelt wird. In Europa sei das Problem der Überkapazitäten bereits 30 Jahre alt, sagt Shen. "Deshalb konnten wir die Westfalenhütte ja so billig kaufen."
Im fernen Peking hat die Regierung die Zukunft der Stahlproduktion inzwischen zur Priorität ihrer Wirtschaftspolitik erklärt. Sie will die nächste Wachstumsphase im Land einläuten, sauberer, effizienter, moderner. China soll die nächste Stufe erreichen. Der Umbau der Stahlindustrie gilt dabei als Vorbild für den Umbau der Wirtschaft insgesamt.
Von den zwölf Millionen Arbeitsplätzen in der Kohle- und Stahlbranche werden offiziell 1,8 Millionen wegfallen, vielleicht sogar mehr. "Wir erleben gerade genau das, was die deutschen Stahlkonzerne vor 15 oder 20 Jahren durchgemacht haben", sagt Jü Xiaojun, der einst die Fabrik aus Dortmund holte. Hunderte Hersteller werden verschwinden und nur die Riesen bleiben. "Ich bin aber sicher, dass Shagang dazugehören wird."
Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren schon rund 5000 Arbeitsplätze abgebaut und immer mehr Produktionsschritte automatisiert. Am alten Hochofen aus Dortmund arbeiten heute pro Schicht nur noch 15 Stahlkocher, vier davon im Kontrollzentrum, wo sie an Bildschirmen die Fließbänder überwachen. Nun haben auch sie Angst um ihre Jobs, so wie einst die Menschen in Dortmund.

Am Stahl hängt Identität

Es ist, als durchlebe China Wirtschaftsgeschichte im Schnelldurchlauf. Vor nicht einmal einer Generation war "Goldene Ernte" ein reines Bauerndorf, dann Malocherstadt, jetzt kommt etwas, das sie im fernen Dortmund Strukturwandel nennen.

Jü Xiaojun sagt, dass sich die Menschen keine Sorgen machen sollen. Er weiß, wie sentimental gerade die Deutschen manchmal sind. Vielleicht hat er aber auch ein wenig das Gefühl, dass er ihnen damals etwas weggenommen hat, mehr als nur eine Fabrik. Am Stahl hängt Identität. Das spürt er nun auch.