Stromanbieter Bio für die Gasheizung


Lichtblick gibt Gas: Der Ökostromanbieter bedient jetzt auch den frisch liberalisierten Markt für Heizenergie. So richtig grün wird dem Kunden dabei aber nicht ums Herz, der Bio-Erdgasanteil liegt nur bei fünf Prozent. stern.de erklärt, warum selbst das ein Fortschritt ist.
Von Christoph M. Schwarzer

Bio-Tomaten werden braun, schmecken aber. Bio-Baustoffe dämmen, auch wenn sie anders aussehen. Und Bio-Erdgas? Bei dem ist alles genau so wie beim normalen Heizgas, sagt der bisher einzige Anbieter, die Firma Lichtblick. Mit einer Ausnahme: Anders als bei den bekannten Großversorgern stammen fünf Prozent des Gases aus regenerativen Quellen. Eine miese Quote angesichts der 100 Prozent, mit denen die Hamburger beim Ökostrom bekannt geworden sind.

Übergangsphase wie vor 20 Jahren

Klingt nach einem typischen Feigenblatt fürs umweltbewusste Öko-Gewissen. Ist es aber nicht, sagt Heiko von Tschischwitz, Geschäftsführer des Ökostrom-Anbieters Lichtblick. "Bei der Ökologisierung des Gasmarktes hinken wir 20 Jahre hinter dem Strommarkt hinterher." Die Kapazitäten aus den Biogas-Anlagen seien begrenzt. "Man kann nicht von heute auf morgen komplett umstellen, sondern muss ein realistisch machbares Szenario schaffen."

Und dieses Szenario beginnt bei null. Im Moment bekommen die Gaskunden von Lichtblick rein fossiles, unökologisches Gas, und das auch nur in Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Erst, wenn die im Bau befindliche Biogasanlage im brandenburgischen Jüterborg Maissilage und Gülle in Erdgas verwandelt, kann die selbst gesetzte Fünf-Prozent-Hürde übers ganze Jahr gerechnet übersprungen werden. Wer jetzt einsteigt, so die Argumentation, stimmt mit den Füßen gegen die klassischen Versorger und für den Ausbau der Biogasanlagen ab.

Endlich Konkurrenz auf dem Gasmarkt

Der Preisvergleicher Verivox begrüßt die neue Konkurrenz jedenfalls. Allein dafür, dass es überhaupt einen Wettbewerber auf dem Gasmarkt gebe, müsse man dankbar sein. Und auch den ökologischen Ansatz findet Sprecherin Dagmar Ginzel gut: "Wenn endlich jemand anfängt, steigt der Druck auf die anderen." Und die sind aus ihrer Sicht vorbereitet: "Wir vermuten, dass einige Energieversorger bereits Biogas ins normale Netz einspeisen, ohne das zu kommunizieren."

Eon Ruhrgas könnte einer der Konkurrenten werden. Das Unternehmen lässt zurzeit eine sehr große Biogas-Anlage im bayrischen Schwandorf bauen. Sie soll den Rückgang bei der Förderung von Erdgas aus Deutschland und den Niederlanden ausgleichen. Dort gehen die Quellen schlicht langsam zur Neige.

Problem bei der Öko-Pflicht

Selbst der BUND kritisiert das erste teil-ökologische Produkt auf Gasmarkt der Privatkunden nur leise. Und das, obwohl durch Energie aus Biomasse Ackerflächen verbraucht werden. Thorben Becker vom BUND sieht ein anderes Problem: In ihrem Meseberger Programm plant die Bundesregierung, bei Häusern eine Pflichtquote von zehn bis 15 Prozent erneuerbarer Energie einzuführen. "Wenn man Bio-Erdgas benutzen könnte, um diese Vorgabe zu erfüllen, wäre das schlecht."

Warum schließlich sollten Hausbesitzer viel Geld in Wärmedämmung, eine solarthermische Heizung oder eine Wärmepumpe investieren, wenn sie ihre gesetzliche Verpflichtung einfach durch den Wechsel des Gasanbieters erfüllen könnten? Ob sich diese Lücke tatsächlich auftun wird, muss der Gesetzgeber entscheiden. Ein Vorteil für den Umweltschutz wäre ein solches Schlupfloch nicht.

Beimischung bei Diesel und Heizöl

An der Diesel-Zapfsäule ist die Beimischung von Sprit aus Biomasse inzwischen fast ein alter Hut. Auch dort sind es etwa fünf Prozent, und die EU will, dass es mehr werden. Ähnliches gilt im Heizölbereich: Dort bietet Shell das Produkt "Thermo plusBio5" an, bisher regional begrenzt auf den Raum Norddeutschland. Das Potenzial sei enorm, sagt Shell, weil etwa ein Drittel der deutschen Haushalte mit Heizöl heizt. Fünf Prozent Beimischung für alle würde rein rechnerisch bedeuten, dass über eine halbe Million Haushalte mit Heizöl aus Biomasse gewärmt würden.

Ein reines Rechenspiel, dass auf den Energieträger Gas und Lichtblick angewandt noch höhere Zahlen ergäbe. Schließlich benutzen über die Hälfte aller Deutschen Erdgas, um Wohnung und Haus zu wärmen. Das Bio-Erdgas ist ein erster Schritt zur Unabhängigkeit von den fossilen Quellen und deren Lieferanten in Russland oder Norwegen. Und auch für die mühsame Liberalisierung des Gasmarktes ist Lichtblick ein Fortschritt. Wirklich umweltfreundlich ist es aber nicht.


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