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Berlin: Eine Ameise kapituliert nicht - warum für ein Amazon-Logistikzentrum eine Ameisenkolonie umgesiedelt wird

Ameisen mögen wertvoll für das Ökosystem sein, doch wenn das große Geld lockt, müssen auch sie weichen. Ein Ortstermin mit der Ameisenumsiedlerin Christina Grätz in Schönefeld.


Unterwegs mit Ameisenumsiedlerin im brandenburgischen Schönefeld

Die Streu ihres ­Lebens: Akribisch ­sammelt die ­Waldameise Material für ihr Nest. Umso wichtiger ist es, bei einem Umzug die ­Bausubstanz nicht zurück­zulassen.

Sie ruhen friedlich am Rande der Lichtung, an jenem Ort, der einmal ihre kleine Festung war, von der seit Monaten aber nur noch das Fundament steht. Noch hat sich die Sonne nicht über die Baumwipfel geschoben, die kühle Frühlingsluft lädt noch nicht zum Verweilen draußen ein, als der Angriff erfolgt. Spaten und Säcke führen die Eindringlinge in der Hand. Als könnten die Fremden sie allein durch diese ­Waffenschau in die Flucht schlagen. Doch sie werden kämpfen, und seien die Kräfteverhältnisse noch so ungleich verteilt.

Blitzschnell werden sie sich organisieren, als synchronisiere eine leise Stimme ihr Tun. Die Soldatinnen werden dem Gegner Säure entgegenschleudern, todesmutige Kämpferinnen ihre Kiefer in die Haut der Invasoren treiben.

Es wird keine Kapitulation geben.

Eine Ameise kapituliert nicht.

Nicht vor zwei Menschen.

Nicht vor einem Giganten wie Amazon.

"Nachhaltiger Eingriff"

Dies ist die Geschichte einer Zwangsmigration, wie sie in Wäldern, auf Wiesen und in Straßengräben Jahr für Jahr zu erleben ist. Doch nicht allein der Behauptungswille der kleinen Jäger und Sammler lässt sich bei einer Exkursion mit der Ameisenumsiedlerin Christina Grätz erleben. Wer sie begleitet, dem begegnen im Kleinen die ­großen Fragen, die sich aus der gestörten ­Beziehung von Mensch und Natur ergeben: Wie viel Bodenversiegelung etwa kann sich der Mensch angesichts von Klimawandel und Artensterben eigentlich noch erlauben? Und wo liegt die Grenze für einen vertretbaren Tribut der Natur, auf deren Kosten wir unseren Turbokonsum aufrechterhalten?

Aber von vorn. 198 Einwohner zählt Kiekebusch, rund 40 Kilometer südlich von Berlin liegt das Örtchen und gehört zur Gemeinde Schönefeld, mittlerweile bis ins australische Outback weltberühmt für ihren "bad airport“ BER. Wer die Auto bahn in Waltersdorf verlässt und auf der Landstraße gen Süden rollt, passiert ein Naturschutzgebiet mit Erlenbrüchen und einen Laubwald voller Eichen und Buchen. Doch als Naherholungsgebiet begreift sich Schönefeld nicht. Es will boomender Wirtschaftsstandort sein. 200 Millionen Euro betragen schon jetzt die Rücklagen der reichsten Gemeinde Brandenburgs, längst platzen die Straßen aus allen Nähten vor Pendlern und Flughafenbesuchern.

Das Nest ist bis auf die Wurzeln ausgehoben und ­verladen

Das Nest ist bis auf die Wurzeln ausgehoben und ­verladen

Wer hinter der Wachstumsstrategie steht, daran besteht für die Menschen hier kein Zweifel: Seit 2003 regiert Dr. Udo Haase als Bürgermeister und sagt über ­jenes Projekt, das auf einem Acker Kiekebuschs bald entstehen und nicht nur ­sieben Linden zu Fall, sondern auch sieben Ameisenhaufen zum Umzug zwingen wird: "Jeder Quadratmeter Gewerbe bedeutet Einnahmen für uns.“

Dr. Haase dürfte nicht allzu lange gezögert haben, als 2016 ein Investor mit der Absicht auf den Plan trat, ein riesiges Logistikzentrum in Kiekebusch zu errichten. Einen prominenten Mieter hatte der nämlich in seinem Schlepptau: Amazon. Doch alles sollte streng geheim bleiben. Keinen Tag früher als nötig sollten die Kiekebuscher erfahren, dass hier bald ein Sortierzentrum mit 34.000 Quadratmeter Fläche stehen und bis zu tausend Lkw täglich die Waren in alle Himmelsrichtungen verteilen sollen.

Leicht durchzusetzen schien der Bebauungsplan zunächst allerdings nicht. Die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Dahme-Spreewald kritisierte den "nachhaltigen Eingriff in die Schutzgüter Boden, Arten und Landschaftsbild“, vor ­allem weil es an ausreichenden Kompensations­flächen für die ausgedehnten Versiegelungen fehlte. Naturschützer pro­testierten, weil im Vergleich zu früheren Planungen die zu schaffenden Ausgleichsflächen sogar noch einmal deutlich reduziert worden waren.

Staat mit Hunderten Königinnen

So führte die Kahlrückige Waldameise ­zunächst weiter ein friedliches Dasein. In einem Hügel über einem toten Baumstumpf richtet sie es sich seit Äonen mit einigen Tausend Artgenossinnen ein, darunter Hunderte Königinnen, die Eier legen. Diese werden dann als Larven und Puppen von Brutpflegerinnen großgezogen. Die Arbeitsteilung wird ernst genommen. Nicht umsonst sprechen Experten von einem Superorganismus, wenn sie die unterschiedliche Rollen­verteilung im Ameisenstaat beschreiben.

Die kleinen Waldbewohner schätzen eine stabile Holzunterkellerung, auf der sie ihre typischen Ameisenkuppeln errichten – aus allerlei Grünzeug wie Kiefernnadeln, zerbissenen Grashalmen, Steinen, Erdkrümeln. Diese spenden Wärme während des Winterschlafs und Kühle im Sommer. Von ihrem Basiscamp eilen die Außendienstler unter ihnen dann hinaus, um täglich bis zu 100000 Beutetiere ins Nest zu schleppen. Auf diese Weise dämmen sie manche Schädlingsepidemie ein: Zecken und Holzböcke dezimieren sie und werden auf ihrem Weg durch den Wald zum Kurier von Pflanzensamen und selbst zur Nahrung für manchen Vogel.

Doch Dr. Haases Plan nahm rasch Konturen an – und Ameisen dürften auf der Prioritätenliste nicht allzu weit oben gestanden haben. Lieber sollten sie künftig ihre guten Werke woanders verrichten, und dann würde auf dem zu entsiegelnden Kasernengelände Blankenfelde-Mahlow ja noch ein Ausgleich geschaffen werden.

Es liegt zwölf Kilometer entfernt.

Ein Ring aus Zucker soll den Tieren am neuen Wohnort bei der ­Eingewöhnung Kraft spenden

Ein Ring aus Zucker soll den Tieren am neuen Wohnort bei der ­Eingewöhnung Kraft spenden

Der "Interkommunale Flächenpool“, Dienstleister für Landkreise und Gemeinden rund um den neuen Flughafen, sorgt dafür, dass in Genehmigungsverfahren kein Sand ins Getriebe kommt. Fast könnte man glauben, es handelte sich um eine moderne Form des Ablasshandels, bei dem sich Investoren wie Amazon ihrer Naturschutz-Pflichten andernorts ökologisch-juristisch korrekt entledigen können: Ich zahle die Entsiegelung deiner Kaserne und werde mit der Baugenehmigung belohnt, dem Ticket fürs große Geld.

Die Kontrolle der vereinbarten Maßnahmen zur Kompensation erfolge "stichpunktartig“ und "anlassbezogen“, teilt die Naturschutzbehörde auf Anfrage mit. Zu Häufigkeit und Genauigkeit der Kontrollen will sie auch auf Nachfrage keine Aussagen machen. Ein regelmäßiges Überwachungsprogramm existiert allerdings nicht, so viel wird deutlich. Es fehlt an Ressourcen: "Diese Behörden sind über Jahre kurzgehalten worden. Wenn die dann noch einen Landrat über sich haben, der das Projekt will, wird es für den Einzelnen schnell schwierig. In manchen Landkreisen findet die Untere Naturschutzbehörde gar kein Gehör mehr“, sagt ein Mitarbeiter, der um seinen Job fürchtet, wenn er mit Namen in der Zeitung auftaucht.

"Die fabelhafte Welt der Ameisen“

Manfred Braasch vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Hamburg kritisiert auch deshalb, dass "die Erfolgskontrolle ein Riesenproblem“ sei. "Es gibt viel zu wenig Personal bei den Naturschutzverbänden, aber vor allem in der Naturschutzverwaltung. Ausgleichsmöglichkeiten zu planen ist eine Sache, aber funktioniert das auch? Der Ausgleich muss eigentlich so lange gewährleistet sein, wie der Eingriff andauert. Wenn ein Gebäude also 100 Jahre steht – 100 Jahre. Aber wer überprüft das wirklich?“

Nach einer jüngst durchgeführten Studie der Behörde für Umwelt und Energie in Hamburg wurde dort in zwölf Prozent der Fälle der Ausgleich für Natur und Landschaft überhaupt nicht umgesetzt. Insgesamt sei ein Drittel des im Rahmen von Baumaßnahmen vorgeschriebenen Ausgleichs unzureichend.

Ein zu vernachlässigendes Delikt ist die Missachtung von Umweltschutzauflagen eigentlich nicht. Nach Anlage 1 der Bundesartenschutzverordnung zählt Formica  polyctena, wie die Kahlrückige Waldameise zoologisch heißt, zu den geschützten Tieren. Bis zu 50.000 Euro kann es kosten, mutwillig den Hügel einer geschützten Ameisenart dem Erdboden gleichzu­machen: Es ist deshalb kein freiwilliger Dienst an der Natur, der die Gemeinde Schönefeld dazu bewog, Christina Grätz zu rufen. Alle sieben Ameisennester galt es für Frau Grätz zwischen April und Mai im Zuge des Amazon-Projekts umzu­setzen.

Die ­Umsiedler Christina Grätz und Markus ­Zaplata verfrachten Tiere und Streu in Säcke

Die ­Umsiedler Christina Grätz und Markus ­Zaplata verfrachten Tiere und Streu in Säcke

Biologie hat sie einmal studiert, Schwerpunkt Botanik, nicht Zoologie. In der Lausitz betreibt sie heute ein Unternehmen, das sich der Renaturierung von Natur verschrieben hat, etwa jenen Flächen, die dem Braunkohletagebau zum Opfer ge­fallen sind. Das mit den Ameisen war eher Liebe auf den zweiten Blick. Ihr damaliger Arbeitgeber nötigte sie sanft, an einer Umsiedlung teilzunehmen. Rund 2000 sind danach hinzugekommen, sie ist nun eine sogenannte Ameisenumsiedlerin, wie jene Ehrenämtler heißen, die bei Ameisenschutzwarten registriert sind. Heute könnte man glauben, die Tiere seien zur natürli­chen Erweiterung ihrer Familie geworden, so liebevoll spricht sie von ihnen. Sie hat ihnen in ihrem Buch "Die fabelhafte Welt der Ameisen“ ein kleines Denkmal gesetzt.

Für gewöhnlich schätzen Gemeinden, Landkreise und Naturschutzbehörden Transparenz, um die Bevölkerung für die Belange der Tierwelt zu sensibilisieren. Umso überraschender kam die Absage aus dem Schönefelder Rathaus, sie verbot es Christina Grätz einen Tag vor dem geplanten ersten Termin, sich von der Presse begleiten zu lassen. Als man sein Anliegen bei Maren Driessen von der Landschaftsplanung der Gemeinde Schönefeld selbst noch einmal vorbrachte, lautete die Antwort, man könne ja in einer Woche noch einmal mit Dr. Haase über den für den Folgetag verbotenen Termin sprechen.

So viel stand danach fest: Als Anwalt der Ameisen begreift sich Dr. Haase nicht.

Das siebte Nest

Am Ende, beim siebten Nest, erfährt der Besuch dann doch eine Genehmigung. Auftraggeber ist jetzt der Konzern EWE, der als Energieversorger einen Gasanschluss ins neue Gewerbegebiet legen wird und deshalb zwei Kilometer vom Amazon-­Gelände ein Nest umzusiedeln hat. Es ist dieses siebte Nest, auf das sich Grätz mit ihrem Partner, dem Biologen Markus Zaplata, an jenem Dienstag im Mai zubewegt, einen Tag nachdem der Bürgermeister Haase beim Richtfest des neuen Sortierzentrums erklärt hat: "Für den künftigen Erfolg des BER ist die Ansiedlung von ­Logistik ein entscheidender Faktor.“

Für Christina Grätz ist für den künftigen Erfolg der Neuansiedlung des Nestes vor allem Umsicht ein entscheidender Faktor. Zumal ihren kleinen Lieblingen nicht zum ersten Mal in den vergangenen Monaten ein schwerer Eingriff in ihren Lebensraum bevorsteht. Eine Forstfräse hat das im Bereich der Gasleitungstrasse liegende Nest beim Ausdünnen des Waldbestands quasi geköpft. Überträgt man die Situation auf des Menschen Lebensverhältnisse, so hat eine Bombe die Bausubstanz einer Großstadt dem Erdboden gleichgemacht. Für Grätz nicht weniger als "eine Katastrophe“.

Grätz trägt die kostbaren Säcke zum Ort der Ansiedlung

Grätz trägt die kostbaren Säcke zum Ort der Ansiedlung

Sie zeigt auf das Nest, von dem eine bloße Mulde geblieben ist, die Streu ist komplett verschwunden. Vorsichtig beginnt Grätz, sich mit dem Spaten hineinzugraben, überall leuchten die weißen Puppen. Sie zeigt auf die größeren Tiere, deren Gaster, wie der Hinterleib heißt, vergrößert sind und leuchten, als wären sie frisch gewienert. "Schauen Sie, das ist eine Königin. Wir haben eine Menge Puppen, das ist ein vitales Nest, die Waldfräse hat die Lebensader beschädigt, aber nicht durchtrennt.“

Immer tiefer dringen Grätz und Zaplata in den Boden und damit das Nest ein, aus der Mulde ist ein brunnenbreites, rund ein Meter tiefes Loch geworden. Hektisch ­verfrachten Brutpflegerinnen die weißen Puppen immer tiefer in den Boden, ein beißender Geruch liegt nun über der gesamten Mulde, die Insekten feuern mit ihren körpereigenen Chemiewaffen aus ­allen Hinterleibern. Der Kampf gegen jene, die sie eigentlich retten wollen, er tobt nun. ­Einige Stunden später, die Umsiedlung ist längst abgeschlossen, wird Christina Grätz nach längerem Überlegen ihr Handy zücken, um ein Bild ihres Beins zu zeigen. Eine mächtige, schwer entzündete offene Wunde ist dort oberhalb des Knöchels zu sehen, groß wie ein Bierdeckel. Ameisensäure, ein Angriff bei einer früheren Umsiedlung. "Das habe ich damals nicht gleich ernst genommen, es tat zunächst gar nicht so weh.“ Einem Tier, welches das 18-Fache des eigenen Körpergewichts bewegen kann, mangelt es nun einmal auch chemisch nicht an Durchschlagskraft.

Puppen im Stubben

Bis heute glaubt Grätz, dass jene Ameisen ihr besonders feindlich gesinnt entgegentreten, deren Nest sie bereits einmal umgesiedelt hat. Als könnten sie Grätz schon aus der Ferne am Geruch erkennen.

Der Stubben, jener tote Baumstumpf mit seinem Wurzelwerk, ist nun freigelegt. Noch immer versuchen Brutpflegerinnen, die sich noch am Holz befinden, die Puppen im Stubben zu vergraben. Sie lassen ihre Koloniegenossen nicht zurück. Umso vorsichtiger packt Grätz den Baumstumpf in eine Decke, um die zahlreich herunterkullernden Puppen und Ameisen nicht zu verletzen. In genauer Reihenfolge werden Erde und Streu in Papiersäcken auf den Anhänger verladen. Erst wenn in der Erde keine weiteren Gänge zutage gefördert werden, gilt die Aushebung als abgeschlossen.

Zurückkehren wird Christina Grätz in jedem Fall. Sie weiß um die Loyalität der Tiere: Sie hat schon Ameisenstraßen über 500 Meter quer durch den Wald zum alten Nest entdeckt, auf denen Arbeiterinnen von größeren Tieren geschleppt wurden, da die Entfernung zu weit gewesen wäre, um selbst hinüberzukrabbeln. Keine Pause macht Grätz, nachdem ihre kostbare Fracht verstaut ist. Wo bei Amazon die exakt getaktete Zeit Geld bedeutet, ist bei ihr Zeit Leben. Die Tiere sollen schnell samt der wenigen verbliebenen Streu wieder den Waldboden spüren.

Ameisen können das Vielfache ihres Eigengewichts transportieren

 

Nach rund zwei Kilometern querfeldein hält ihr SUV unvermittelt am Rande eines Waldwegs. Grätz läuft ein paar Meter nach rechts, dann ein paar Meter nach links. Licht, der richtige Untergrund, ein ruhiges Plätzchen, alles will bei der Erschließung des neuen Wohnorts bedacht sein in Sachen Logistik. Grätz Job unterscheidet sich zumindest in dieser Hinsicht nicht von der Quartierwahl eines E-Commerce-Giganten. Es sei am Ende auch eine Frage der Erfahrung und des Gefühls. Sie habe schon Nester gegen das eigene Empfinden 20 Meter entfernt vom als perfekt identifizierten Platz angesiedelt, um sie nicht zu dicht an einer Straße zu platzieren. "Und als ich eine Woche später wiederkam, war das gesamte Nest an die Stelle umgezogen, die ich ursprünglich ausersehen hatte.“

Nervennahrung

Vorsichtig breiten Grätz und Zaplata die Decke mit dem Haupthaus – dem Stubben – auf dem Waldboden aus. Dann beginnt Grätz auch schon eine Mulde zu graben, in die kurz darauf einem Puzzle gleich ein großer sowie ein kleinerer Stubben eingepasst werden. Vorsichtig wird die wenige von der Fräse zurückgelassene Neststreu um die Wurzel herumdrapiert, alles nicht zu dicht, um die Luftzirkulation nicht zu behindern. Als baute eine Zoowärterin ein neues Kleintiergehege. Zum Schluss leert Grätz den verbliebenen kostbaren Inhalt aus der Decke über das Nest und umschließt das neue Heim mit einem weißen Ring aus Zucker, ein Lunchpaket für die ersten Tage, wenn das Hauptaugenmerk noch der Innenarchitektur des Nestes gilt – und wohl auch Nervennahrung.

Eine Woche später wird man eine Whats­app von Christina Grätz erhalten. Sie wird ein Foto zeigen, auf dem ein Hügel, schwarz vor Ameisen, zu sehen ist, versehen mit der frohen Kunde: "'Unserem' angesiedelten Nest geht es gut."

Auf der Baustelle jenes Ortes, an dem schon in wenigen Monaten ein komplettes Logistikzentrum stehen wird, verrichten derweil Lastwagen, Kräne und Bagger ihr Werk, das Geschäft mit dem Onlinehandel boomt, aber auf wessen Kosten? Allein die Retouren von Onlinekunden erzeugten im Jahr 2018 238.000 Tonnen CO2. Es bleibt somit die Frage, zu welchem Preis das Wirtschaftswachstum in Kiekebusch erfolgt – und wer davon wirklich profitiert. Die Natur ist es nicht.

"Wir müssen die Auswirkungen auf den Klimawandel stärker in die Debatte um eine Zulassung miteinbeziehen. Im Moment ist dies noch überhaupt nicht der Fall“, warnt der BUND-Mann Braasch.

In Berlin soll derzeit ein Gesamtkonzept bezüglich der Flächennutzung für den Großraum um den Flughafen BER aus­gearbeitet werden. "Aber wir können na­türlich auch nichts machen, wenn in der Zwischenzeit schon wieder vier Bürgermeister sich ihren Gewerbepark genehmigt haben“, sagt eine Insiderin, die selbst an den Genehmigungsverfahren beteiligt ist.

Kahlrückige Waldameise

In den vergangenen 25 Jahren dehnten sich Siedlungs- und Verkehrsflächen in Deutschland um rund 9000 Quadratkilometer auf insgesamt knapp 50.000 aus, ein Plus von 22,8 Prozent. Im Schnitt wurden täglich zuletzt etwa 58 Hektar Boden in Nutzflächen verwandelt. Immer tiefer frisst sich der Mensch in die Natur, allen Warnungen vor Artensterben und Klimawandel zum Trotz.

Die Sonne ist bereits hinter den Bäumen verschwunden, als man rund 500 Meter entfernt von der Amazon-Baustelle schließlich eines jener Nester findet, die Christina Grätz für die Gemeinde bereits umgesiedelt hat. Hektisches Treiben. Mit ein bisschen Fantasie könnte man glauben, die Tiere beobachteten ihren neuen Konkurrenten um den Lebensraum.

Es wird auch darum gehen, wer in den nächsten Jahren den längeren Atem hat im Fall Amazon versus Kahlrückige Waldameise. Zumindest die Evolution haben die Kleinen auf ihrer Seite. Amazons Gründung: vor 24 Jahren. Die Ameisen bevölkern dagegen seit über 100 Millionen Jahren den Planeten Erde.

Die Schlacht um Kiekebusch mag verloren sein. Geschlagen sind sie noch lange nicht.