US-Regierung rettet AIG Bernankes kontrollierte Sprengung

Im Gegensatz zur Lehman-Pleite hat die US-Regierung beim Versicherungskonzern AIG die Notbremse gezogen und das Unternehmen verstaatlicht. Was wie ein undurchsichtiger Schlingerkurs aussieht, ist wohl durchdacht. Eine Pleite von AIG hätte eine Kettenreaktion auslösen können.
Eine Analyse von Sebastian Dullien

In der Finanzkrise bringt jeder Tag neue Überraschungen: Nachdem am Wochenende die Regierung die weltweit viertgrößte Investmentbank Lehman Brothers in die Pleite laufen ließ, rettete sie zusammen mit der Notenbank Fed den Versicherungskonzern AIG in der Nacht zum Mittwoch mit einer Quasi-Verstaatlichung. Gleichzeitig verweigerte die Fed jedoch die von vielen Marktteilnehmern erhoffte Zinssenkung und beließ den Leitzins bei 2,0 Prozent.

Doch was wie ein wilder Schlingerkurs der Verantwortlichen in Washington aussieht, dürfte in Wirklichkeit genau kalkuliert sein. Natürlich fallen im US-Finanzministerium und der Notenbank die Entscheidungen gerade unter enormem Zeitdruck. Bislang folgen die Rettungsaktionen zwar keinem vorgefertigtem Drehbuch, aber ein paar klaren Prinzipien.

Risiko einer AIG-Pleite wäre zu hoch

US-Finanzminister Hank Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke halten sich strikt an die Regel, jene Banken zu stützen, die wichtig für die Stabilität des ganzen Systems sind und jene Banken fallen zu lassen, ohne die die US-Wirtschaft gut auskommen kann.

Anders als die Investmentbank Lehman Brothers, die vor allem Geschäfte mit einer kleinen Handvoll sehr vermögenden Kunden und Großkonzernen gemacht hat, hat AIG ein Massengeschäft. Nicht nur verkauft der Konzern millionenfach Kfz- und Lebensversicherungen an einfache Bürger. Wichtiger ist, dass der Versicherungskonzern sich teilweise indirekt mit Einlagen von Kleinanlegern auf Tagegeldkonten finanziert hat. Diese Konten galten immer als enorm sicher. Wenn diese Einlagen nicht zurückgezahlt worden wären, hätte das eine Vertrauenskrise durch das ganze US-Bankensystem senden können, bis hin in die kleinen, lokalen Institute. Im schlimmsten Fall hätten Millionen Kleinanleger ihre Einlagen aus Tagegeldkonten abgehoben, was die Liquiditätskrise auch auf völlig solide Banken übertragen hätte.

Hinzu kommt, dass AIG eine Reihe anderer Institute gegen den Ausfall von Anleihen versichert hatte. Offenbar hatten Fed und Finanzministerium die Sorge, dass ein Ausfall dieser Absicherung ebenfalls weitere Banken oder Pensionsfonds in die Krise gezogen hätte.

Mit Aussicht auf Rendite

Anders als bei der Investmentbank Lehman Brothers ist zudem der Großteil des Geschäfts von AIG hoch solide. Das Verbriefungsmodell, an denen die Investmentbanken in den vergangenen Jahren hervorragend verdient haben, ist auf Jahre verbrannt. Die Gruppe der US-Investmentbanken muss sich auf rapide schrumpfende Geschäfte und einen Beschäftigungsabbau einstellen. Die Pleite einzelner Institute ist da nur eine Marktbereinigung.

Dieses Argument zieht bei einem Versicherungskonzern wie der AIG nicht: Die Menschen werden auch in Zukunft Lebens- oder Kfz-Versicherungen kaufen. Der allergrößte Teil des Konzerns erwirtschaftet solide Ergebnisse, die Vermögenswerte übersteigen klar die Zahlungsverpflichtungen.

Die verhältnismäßig gute Bilanzsituation des AIG-Konzerns birgt aus Paulsons Sicht zudem den Vorteil, dass die Rettung für den Steuerzahler verhältnismäßig billig werden könnte. Der 85-Milliarden-Dollar-Notkredit der Fed an AIG wird mit 8,5 Prozentpunkten über dem Interbankenzins verzinst - derzeit also mit deutlich über zehn Prozent. Gleichzeitig erhält die Regierung im Gegenzug einen Anteil von rund 80 Prozent an dem Versicherungskonzern. Gut möglich, dass sich die Rettungsaktion am Ende sogar als gewinnbringend für den Steuerzahler herausstellt, wenn sich die Märkte nach der Finanzkrise wieder erholen.

Fed muss wachsam bleiben

Bleibt die Frage, warum die Fed zwar AIG einen Notkredit eingeräumt hat und den Markt mit neuer Liquidität geflutet hat, gleichzeitig aber den Leitzins unverändert ließ.

Zwei Gründe dürften hier eine Rolle gespielt haben: Zum einen liegt der US-Leitzins mit 2,0 Prozent schon verhältnismäßig niedrig. Per Definition kann der Zins nicht unter 0 Prozent fallen. Die Finanzkrise ist mit Sicherheit noch nicht ausgestanden. Gut möglich, dass die Fed also ihr "Pulver trocken halten" wollte und deshalb nun auf die Zinssenkung verzichtete, um später noch einmal die Möglichkeit zu einem Zinsschritt zu haben.

Dies ist auch wichtig, wenn in den kommenden Wochen möglicherweise ein neues Rettungspaket für eine andere Bank geschnürt werden muss: In der Vergangenheit hat die Fed oftmals den Finanzsektor mit einer Zinssenkung "belohnt", wenn sich die privaten Banken zu einer Rettungsaktion einer angeschlagenen Bank oder eines Fonds durchringen konnten - so etwa 1998 bei der Beinahe-Pleite des Hedgefonds LTCM.

Zuletzt ist bei der derzeitigen Lage auf den Geldmärkten nicht klar, ob der Zinsschritt einen großen Unterschied gemacht hätte. Über Nacht lagen die Zinsen für Ausleihungen zwischen Banken zum Teil bei bis zu 10 Prozent, also fünfmal so hoch wie der Zins der Notenbank. Der Aufschlag erklärt sich dabei dadurch, dass die Banken Angst haben, anderen Instituten Geld zu leihen, weil sie deren Pleite fürchten. Es ist nicht klar, ob ein kleiner Schritt, etwa von 2,0 auf 1,5 Prozent dieses Problem gelöst hätte.

Keine Frage, die Notoperationen von US-Finanzminister Paulson und Notenbankchef Bernanke bleiben riskant. Im Zweifel sind die beiden aber derzeit die am besten qualifizierten Finanzmarktchirurgen, die man sich wünschen kann.


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