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VW-Skandal: Tage der Abrechnung

Mit Betriebsrat Klaus Volkert steht nun die Hauptfigur im VW-Skandal vor Gericht. Es geht um Luxusreisen und Prostituierte auf Firmenkosten - aber auch um die Frage, was Untreue ist.

Von Johannes Röhrig

Die brasilianische TV-Moderatorin Adriana Barros, 43, besuchte während ihrer siebenjährigen Liaison mit Deutschlands mächtigstem Arbeiterführer auf VW-Kosten einen Englischkurs in London. Er war recht teuer, wie so vieles bei Frau Barros, die Volkswagen insgesamt über eine Million Euro kostete. Reiche Früchte trug der Unterricht dennoch nicht, aber immerhin kann die Dame sich verständlich machen: "I HAVE TO MUCH PROBLEMS ABOUT MONEY", tippt sie in Großbuchstaben in eine E-Mail: "I HOPE YOU CAN HELP ME WITH THE SITUATION FROM TV." Doch Klaus Volkert, noch Betriebsratschef und Aufsichtsratsvize bei Europas größtem Autokonzern, kann nicht mehr helfen, als er diese Zeilen liest. "Das ist das Letzte, was du von mir hören wirst", schreibt er am 27. Juni 2005 zurück, "ich beende meinen Job!" Für den Fall, dass Fragen über ihre Rolle bei VW laut würden, stimmt er noch schnell die Aussagen ab: "Du hast für das Kinderprojekt … gearbeitet, OK?"

Volkert sollte "wertschätzend und nicht kleinlich" behandelt werden

Nun also, fast zweieinhalb Jahre später, sitzt Klaus Volkert, 64, als einer der Hauptbeschuldigten in dem VW-Skandal um Lustreisen und millionenschwere Zuwendungen auf der Anklagebank des Landgerichts Braunschweig. Die verräterische Mail an seine frühere Geliebte und das viele VW-Geld, zu dem er ihr verhalf; die fast zwei Millionen Euro an Sonderzahlungen, die er selbst heimlich einstrich; die Luxusreisen auf Firmenkosten und die Prostituierten, die er sich zuführen ließ - das alles könnte Volkert nun teuer zu stehen kommen.

Vieles aus dem wilden Leben des Arbeiter-Königs findet sich in der 81-seitigen Anklageschrift wieder. Ihm wird Anstiftung zur Untreue in 48 Fällen vorgeworfen. Auf gut dreieinhalb Jahre Haft zielt die Staatsanwaltschaft, ist zu hören. Es dürfte der spektakulärste Prozess im Zuge der VW-Affäre werden und für mehr Krawall sorgen als das Verfahren gegen den früheren VW-Vorstand Peter Hartz im Januar dieses Jahres. Bei Hartz, der seine Schuld um eines kurzen Prozesses willen eingestand, verzichtete das Gericht auf den Auftritt von Zeugen. Diesmal wird sich das Verfahren bis in den Januar hinziehen, sollte es nicht zu unerwarteten Geständnissen kommen. Es sind 18 Zeugen benannt, darunter der Porsche-Enkel und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch. Der hat momentan Großes vor: Piëch, einst selbst VW-Chef, bereitet gerade die Übernahme von Volkswagen durch Porsche vor. Doch nun holt der Skandal den Konzern und sein Führungspersonal wieder ein.

Für Klaus Volkert sieht es nicht gut aus. Gegen ihn spricht, dass er der Hauptnutznießer des Systems war, mit dem bei VW vor allem Betriebsräte bei Laune gehalten wurden. Volkert sollte "großzügig behandelt" werden, "wertschätzend und nicht kleinlich", sagte Hartz in seinem Prozess aus. Der damalige Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer, dem nun zusammen mit Volkert der Prozess gemacht wird, war damals abgestellt, dem Betriebsratschef jeden Wunsch zu erfüllen. Gebauer rechnete die Kosten für Barros, die Bordellbesuche, die teuren Privatreisen rund um die Welt und anderes mehr über eine Vorstandskostenstelle bei Hartz ab. Wenn es keine Rechnung gab oder geben sollte, reichte er Eigenbelege ein - über 939 766 Euro. Gebauer wird von der Staatsanwaltschaft nun ein Schaden von mehr als 1,3 Millionen Euro angekreidet. Bei Volkert geht es um eine Schadensumme von rund 2,7 Millionen.

Ein auf Besserstellung drängender Mensch

Hartz belastete Volkert in seinem Prozess im Januar: Der ehemalige Personaldirektor beschrieb den Betriebsratschef als einen auf Besserstellung bedachten und drängenden Menschen. Dessen Forderung nach mehr Geld ("Dann mach mal was") habe Hartz erfüllt, indem er ihm erstmals für 1994 Sonderzahlungen zugeschanzt habe, die anderen Mitarbeitern und den eigentlich zuständigen Stellen im Unternehmen verborgen bleiben sollten. So kassierte der gelernte Schmied Volkert bis zu 290.000 Euro im Jahr heimlich nebenbei. Volkerts Gehalt, seine regulären Bonuszahlungen und die Sonderboni summierten sich in der Spitze, im Jahr 2002, auf 692 893 Euro.

Ein ähnliches Bild Volkerts zeichnete Hartz, als es um eine Beschäftigung der Brasilianerin Barros ging: Volkert habe "nicht locker gelassen". Die Geliebte erhielt schließlich über vier Jahre jeweils 23 008 Euro pro Quartal von VW. Die Grundlage hierfür sei ein "mündlich geschlossener Agenturvertrag" zur Pflege "interkultureller Beziehungen" gewesen, gab Volkert an. Hartz segnete die Zahlungen ab. Barros machte dafür ein paar PR-Filme über soziale Projekte des Konzerns. Adriana Barros gehört ebenfalls zum Kreis der Beschuldigten in der VW-Affäre. Doch dass sie sich aus dem warmen Brasilien nach Braunschweig bewegt, um sich hier ihre Strafe abzuholen, glaubt niemand. Barros selbst hält sich für unschuldig.

Zu den Eigenheiten dieses Prozesses gehört es, dass an den zentralen Vorgängen, auf die sich die Anklage stützt, kaum mehr Zweifel bestehen. Die Höhe der Sonderbonuszahlungen an Volkert ist verbrieft. Alle Daten der vielen Reisen, die Volkert oder Barros privat unternommen haben sollen, wurden akribisch zusammengetragen, sofern sie dem Konzern in Rechnung gestellt wurden. Auch Prostituierte ließ sich Volkert bezahlen, das steht fest. Ist das Verfahren also schon entschieden? Dafür spricht auch das Urteil aus dem Hartz- Prozess, in dem dieselbe Kammer auf schwere Untreue entschied, die nun über Volkert und Gebauer zu Gericht sitzt. Warum sollten die Richter die Fakten jetzt völlig anders bewerten?

Allerdings hatte sich Hartz, aus Furcht vor einem hochnotpeinlichen Verfahren über eigene Vergnügungen auf Firmenkosten, auf einen Deal mit der Staatsanwaltschaft eingelassen. Die Untreue zum Schaden von VW gestand er reumütig. Doch diesmal wird es vor Gericht erstmals darum gehen, wie die atemberaubenden Vorgänge beim Wolfsburger Autobauer strafrechtlich überhaupt zu bewerten sind.

Wo kein Schaden, da keine Untreue

Volkerts Verteidiger, der wenig konfliktscheue Hamburger Anwalt Johann Schwenn, argumentiert dabei auf eine Weise, die dem Publikum im Saal kaum gefallen wird: Er sieht in dem Treiben seines Mandanten allenfalls ein Problem der Moral und der betrieblichen Mitbestimmung - juristisch hält er Volkert für unschuldig: Alle Zuwendungen an ihn hätten sich für das Unternehmen schließlich ausgezahlt, VW sei deshalb keineswegs geschädigt worden. Ein Schaden aber ist die Voraussetzung für eine Untreue-Tat, so will es das Gesetz: Wo kein Schaden, da keine Untreue und also auch keine Anstiftung dazu.

Freilich rückt die Verteidigung Volkert damit selbst in den Ruch der Korrumpierbarkeit. Denn die Rechnung geht nur auf, wenn der solchermaßen Beschenkte eine Gegenleistung für die Millionen brachte - etwa für Ruhe im Konzern sorgte oder im Aufsichtsrat dem Vorstand zu Gefallen war. Zwar ist nicht nur Untreue strafbar, sondern auch die Begünstigung eines Betriebsrats. Doch nach dieser Strafvorschrift wird allein der Zahlmeister bestraft, nicht aber der Empfänger des Geldes. Volkert hätte seine Arbeiterseele verkauft und sein Gesicht verloren - nicht aber die Freiheit. Vor dem Landgericht Braunschweig wird vieles um diese Frage kreisen: Haben Volkert und seine Mitstreiter den Konzern geplündert - oder wurden sie von VW gezielt gemästet? Damals stand Ferdinand Piëch an der Spitze von VW. Es ist absehbar, dass die Verteidigung sich auf ihn als Zeugen stürzen wird. Egal, wie der Prozess ausgeht: Die Frage, wie das Ganze juristisch zu bewerten sei, dürfte in der Revision noch den Bundesgerichtshof beschäftigen.

Volkert sieht sich als Mann des Ausgleichs

Einer zumindest hat wenig Zweifel, dass Volkert das viele Geld wert war: er selbst. Wie oft habe er streiklustigen Gewerkschaftern etwa in Spanien einen Aufstand ausgeredet, erzählte er der "Zeit". Er berichtet aber auch davon, wie er Werksleitern in Südamerika die rabiaten "Hire and Fire"-Methoden ausgetrieben habe. Als Mann des Ausgleichs, so sieht Volkert sich. "Ich war auf Augenhöhe mit Piëch", sagt er über seine Stellung im Konzern, und entsprechend sei er eben auch entlohnt worden. Nur seiner Familie gegenüber habe er viel falsch gemacht, glaubt er, mehr habe er sich nicht vorzuwerfen.

Heute wirkt Volkert müde und kraftlos. Vor allem die drei Wochen Untersuchungshaft, die er Ende 2006 absitzen musste, hätten ihm arg zugesetzt, erzählen Bekannte. Aus seinem Haus in einem Neubaugebiet Wolfsburgs traue er sich kaum noch heraus. Mal auf ein Bier in einem weit entfernten Dorfgasthof, mal ein kurzer Gang über den Wochenmarkt - viel unternimmt Volkert nicht mehr. Seine Frau geht morgens walken. Den Rest der Zeit sind die beiden fast immer zusammen, heißt es. Irgendwie haben sie einen Weg gefunden, sich wieder in die Augen sehen zu können. Wie das gelang, ist selbst guten Freunden ein Rätsel.

In zwei oder drei Jahren, wenn das Enkelkind aus dem Gröbsten raus sei, erzählt man sich, werde Volkert sicher von Wolfsburg wegziehen. Dorthin, wo ihn nicht jeder gleich erkennt. Vielleicht nach Hamburg. Seine Frau träumt angeblich schon lange davon, in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Volkert wird ihr folgen - wenn das Gericht nicht vorübergehend eine andere Unterkunft für ihn vorsieht.

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