Wendelin Wiedeking Von Katern und Mäusen

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking legt in dieser Woche wieder eine strahlende Bilanz vor. stern-Autorin Beate Flemming hat ihn durch eine lange Nacht begleitet und ist anderntags mit ihm Cayenne (266 km/h Spitze) gefahren.

Pippich, was is'n da eigentlich in deinem Glas?" "Wasser, Chef." "Haha! Pippich, ich hol dir jetzt mal was Anständiges." "Nicht nötig, Chef." "Schluss, Pippich. Du trinkst Gin Tonic!"

 

Willkommen in

der Wiedeking-Show. Sie läuft schon die ganze Woche. Jeden Abend ab 20 Uhr, wenn Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, 50, und sein Pressestab sich mit 40 eingeladenen Journalisten an den Tisch setzen, weil sie ihnen den neuen Porsche Cayenne schmackhaft machen wollen. Das Ganze bei lauen Temperaturen in einem südspanischen Fünf-Sterne-Hotel. "Und jeden Abend geht es bis in die Puppen", stöhnt Jürgen Pippig, Pressesprecher bei Porsche.

 

Während Wiedeking

ihm an der Bar einen Gin Tonic holt, schaut Pippig sich nach Topfpflanzen um, die er damit gießen will - "Ich vertrag das Zeug nicht." "Pippich, nich' dass du hier wieder alle Pflanzen kaputtmachst", dröhnt sein Chef von der Bar. "Das letzte Mal hingen alle schlapp rum, als wir abgereist sind." Halb zwei Uhr nachts, alle lachen. Am lautesten Wiedeking. Ist ja nur ein Spiel. So ein Spiel, wie es Katzen mit Mäusen machen, wenn ihnen langweilig ist. Wiedeking muss sich schrecklich langweilen. Seit zehn Jahren ist er Vorstandsvorsitzender der Porsche AG. Alle Kurven, die für einen Manager wichtig sind, sausen gen Himmel: Gewinn, Umsatz, Absatz. Die Aktien sowieso. Noch mehr Geld braucht Wiedeking auch nicht, bei einigen Millionen Euro Jahresgehalt.

 

Ein besessener

Autonarr sei er, sagen Leute, die ihn lange kennen. Aber Wiedekings Rede vor dem Essen, über das neue, blubbernde Luxusgeschoss namens Cayenne, klingt so leidenschaftlich wie ein Opel-Corsa-Motor. Sein Blick klebt am Manuskript, ab und zu schaut er auf, so unbeteiligt wie der Tagesschausprecher. Und dann hat er vier Menügänge und eine Zigarre lang wieder mal den großen, gefräßigen Kater gegeben, und wie immer sind ihm alle Mäuse freiwillig ins Maul gehüpft. Wer Erfolg hat, muss Recht haben. Das Geunke,die Erdölreserven seien bald verbraucht, sei totaler Quatsch, hatte Wiedeking geschnurrt. Eifriges Beipflichten der Motorjournalisten am Tisch, deren Job ja auch am Tank hängt.

 

"Der Phaeton?

Da fällt mir die Geschichte ein, wie die VW-Leute mit 'nem Scheich 'ne Probefahrt gemacht haben. Der Scheich fuhr gleich mal von der Straße ab, in den Sand. Da blieb der schöne Phaeton stecken. Ausgraben mussten die den!" Grinsen der Gegenüber. Dann plaudert Wiedeking ein bisschen über seinen Fuhrpark. Neben seinen privaten Porsches (Lieblingsauto: ein 911er Carrera) stehen in der Regel sechs bis acht Autos für Spritztouren bereit. "Die Geländewagen der Konkurrenz bestell ich mir rauf und runter, damit ich weiß, was für Fehler wir vermeiden müssen." Er lässt sich in S-Klassen chauffieren, probiert BMW. Oder Audi. "Chef, waren Sie wieder mal nicht in der S-Klasse unterwegs?", fragen mich Mitarbeiter. Ich: Wieso? Na, Ihre Unterschriften sind total verrutscht."

"Jaja", stöhnen die Journalisten, die drei Jahresgehälter bräuchten, um so was fahren zu dürfen, und zwar ohne Chauffeur, "ganz mies, die A8-Stabilität hinten." Zur Davidoff-Zigarre dann noch ein bisschen CEO-Mobbing: "Da war ich doch in der Regierungskommission, und da sagt einer: 'Wir müssen nur unsere Bücher offen hinlegen, dann gewinnen wir das Vertrauen unserer Aktionäre, und schon steigen die Aktien.' Sag ich zu dem: 'Nee, ihr müsst nur mal Gewinn machen, dann steigen eure Aktien.' Der war den Rest des Abends stumm wie ein Fisch, haha." Bewundernde Blicke. Er möge keine Jasager, sagt Wiedeking, inzwischen ist es zwei Uhr. Noch weniger mag er Ja-aber-Sager, "Bedenkenträger machen alles kaputt. Angst behindert das Denken. Ich habe keine Angst!" Nie? "Nie!" Wiedeking nippt an Pippigs Gin Tonic: "Qualitätskontrolle, haha!"

 

"So isser

eben", sagt Pippig und erzählt, wie das war, in Le Mans, 1998. Alle Chefs der Autokonzerne sollten zum Autorennen einfliegen. Furchtbarer Nebel in Le Mans. Alle Vorstandsvorsitzenden bogen in ihren Jets ab nach Paris, ihre Chauffeure auf dem Boden hinterher. "Meiner kommt", sagte Pippig. Wiedeking erzählt die Geschichte aus der Luft: "Der Pilot wollte nicht landen. Ich: 'Wir müssen da runter.' Der Pilot: 'Nein!' Ich: 'Wir gehen da runter!' Sind wir auch. Tauchte vor uns eine Stromleitung aus dem Nebel auf. Haben wir einen kleinen Schwupser drübergemacht. Aber wir waren pünktlich zum Start da. No risk, no fun. Mein Lebensmotto", sagt Wiedeking.

 

Deshalb hat

er auch vor zehn Jahren ja gesagt, als es Porsche so dreckig ging, dass die Firma kurz vor der Übernahme stand. Der Aufsichtsrat wollte ihn, damals noch nicht mal ein Jahr Produktionsvorstand, davor Geschäftsführer eines Zulieferers. Mit knapp 40 fast zu jung für die Traditionsfirma Porsche. Wiedeking überlegte sich die Sache vier Wochen. Andererseits war der Job wie ein Porsche: Keiner braucht ihn. Aber haben will man ihn.

 

An seinen

ersten Arbeitstagen als Chef fuhr Wiedeking durch ein Spalier von protestierenden Porsche-Werkern ins Büro. Erst mal entließ er 1.800 Menschen, "um 6.000 Arbeitsplätze zu erhalten". Den verbliebenen 6.000 Mitarbeitern pflanzte er eine Harley-Davidson in den Weg zur Kantine. Die konnte gewinnen, wer die besten Ideen hatte. Eine Idee war, was drei Meister für eine Idee hielten, und für die gab's schon mal 100 Mark. "Da war nicht alles brauchbar, aber das war's mir wert." Wiedeking rationalisierte die Produktion, den Zulieferern drückte er die Preise, bis sie auf die Begriffe des Feudalsystems kamen, um ihn zu beschreiben: "Der Baron." Die Schicksale der Entlassenen gingen ihm wahnsinnig nahe, diktierte der Boss Beobachtern damals in die Notizblöcke.

Zehn Jahre später, um halb drei Uhr in der Bar, sagt er: "Ich will keinen von denen wiedersehen. Die haben ein ordentliches Handgeld mitgenommen." In Gin Tonic veritas. Wiedeking ist so weich wie ein Fünf-Minuten-Ei. "Er entscheidet und exekutiert schnell", bestätigt eine Sekretärin. Und "wenn etwas nicht so läuft, wie er will, kann er brüllen und fauchen, dass es einen umhaut, im wahrsten Sinne des Wortes". Er hat's aber gleich wieder vergessen, und die Sekretärin sagt, die Betroffenen versuchten das dann auch. "Wer hat das gesagt?", fragt er. "Die muss ich mir gleich vorknöpfen, haha." Jedenfalls fuhr Wiedeking Porsche so rasant in die Gewinnzone, dass er seine vielen Erfolge schon lange nicht mehr feiert ("Feiern? Ach nö") und seitdem für so ziemlich alles große Deutsche gehandelt wird: BMW, VW, Telekom. Und wieso eigentlich nicht Bundeskanzler?

 

"Aber bitte

mit Sahne!", schmettert Wiedeking, denn der Wiener Barpianist gibt jetzt, drei Uhr, den Udo Jürgens. Die letzten Motorjournalisten verkrümeln sich, nachdem sie vergebens versucht haben, aus Wiedeking rauszukriegen, welches Auto Porsche als nächstes bauen wird. Wiedeking geht zwar oft zur Bar, aber sich selbst bringt er selten was mit. Diesmal einen Whisky für den Pianisten und einen Rationalisierungsvorschlag für den Hotelbesitzer: "Die drei Kellner hier schaffen nicht, was eine gute Bardame nebenbei erledigt." Dann sagt er nüchtern: "Mein Vertrag läuft bis 2007, mehr sag ich nicht." Aber können Verträge einen Wiedeking aufhalten? Vielleicht nur ein Zufall, aber er war den ganzen Abend nicht über den Daimler-Chef Jürgen Schrempp hergefallen. Vielleicht ist er den Daimlers auch nur dankbar. Die hielten in der schweren Zeit Porsche mit Aufträgen über Wasser, die man woanders billiger bekommen hätte. Wirklich leid tun Wiedeking die Autobrüder, weil sich Greenpeace-Akteure vor deren Werkstor in 26 mitgebrachte Krankenhausbetten legten, um gegen die Dieselemission zu demonstrieren, während Porsche ungestraft ein Auto auf den Markt bringt, das 25 Liter verbraucht. Oft lobte Wiedeking an dem Abend die S-Klasse, mit der er sich zu Rotwein und Zigarren beim Kanzler chauffieren lässt. "Früher bin ich ja noch selber da hingefahren. Aber die Rückfahrten waren auf Dauer nicht zu verantworten."

 

Sogar der

Kanzler, für den er - ist noch nicht lange her - öffentlich Werbung gemacht hat, langweilt Wiedeking inzwischen. "Der steckt fest." Der Kanzler und sein Eichel müssten die Sache mit der Steuerbefreiung für Firmenveräußerungen zurücknehmen. "Kaum ein großes deutsches Unternehmen zahlt Steuern in Deutschland. Wir kleinen Blechpatscher aus Zuffenhausen sind die größten Steuerzahler in Stuttgart. Obwohl es noch deutlich größere Unternehmen dort gibt." In die Politik zu gehen reize ihn null, sagt Wiedeking. "Zu umständlich."

 

"Genau,

wir gehen nirgendwohin", sagt Pippig, "außer ins Bett", und kippt in Wiedekings totem Winkel seinen Gin Tonic in ein leeres Weizenglas. Vier Uhr. Einen halben Champagner später steht Wiedeking kampfbereit im Hotelaufzug. Er rubbelt an seiner Oberlippe, wo etwas wächst, was außer ihm noch ein paar Polizisten und Individualisten über die Neunziger gerettet haben: ein Schnauzbärtchen. Anpassung ist Wiedeking wurst. Im Gegensatz zum feuilletonistischen Gehabe, das andere Manager sich in den Boom-Jahren zulegten, feingeistige Sprüche und Kunstinteresse und so, blieb er ehrlich und auf dem Stand eines Erstsemesters im Fach Maschinenbau. Kunst ist für ihn ein zum Klumpen gestampfter Porsche-Cayenne-Prototyp, "verchromt". Mit den Bee Gees wimmerte Schüler Wiedeking und trug Knabenfrisur, während seine Klassenkumpels ihre Zotteln beim Led-Zeppelin-Head-Banging schleuderten.

Als er 15 war, starb sein Vater. Was nahm sich da der Älteste von vier Geschwistern vor, während er im Keller des Elternhauses an seinen Seifenkisten schraubte? "Mit 30 die erste Million zu haben." Im ersten Semester Maschinenbau sah er den Makler für seine Studentenbude in einem fetten BMW wegfahren. Sofort gründete er eine Immobilienfirma, die bis heute seine Geschwister betreiben, die er "kaum sieht", vor lauter Arbeit. Genauso geht es ihm mit seinen Kindern, Isabelle, 19, und Wendelin, 17: "Ein toller Kerl", sagt Wiedeking. Er hat ihn nicht heranwachsen sehen. Er findet nicht, dass er was verpasst hat. Oder die Kinder: "Die hatten ja meine Frau." Und die, brünett und schlagfertig, kennt Wiedeking, seit er 16 ist. Keine Zeit für Affären. Die reicht nur für unbeholfene Blicke auf die Catering-Girls und Hostessen, die bei Auto-Messen um ihn herumschwirren. Sein Hobby ist bodenständig: Kartoffeln pflanzen. "Aus einem Setzling krieg ich 20 Stück raus, das ist weit mehr als der Durchschnitt." Er schaut sich gern die Hände der Bauern an, wenn er am Feldweg mit ihnen fachsimpelt. "Tolle Hände, voll tiefer Kerben, denen sieht man die Arbeit an."

 

Wiedekings Hände

sind glatt, die Finger streichen über seine Jacketttaschen. "Wirklich schon ins Bett?" Durch die sich schließenden Aufzugstüren ruft er: "Aber morgen fahren wir Porsche!" Morgen ist fünf Stunden später. Wiedeking steht in der Vormittagssonne, seine Augen sind kein bisschen klein. Er schwingt sich auf den lederbezogenen Fahrersitz, stellt die Rückspiegel ein, fummelt an Radio und Navigationssystem. Sechs, sieben Sender wählt Wiedeking an, überall reden sie Spanisch. Wiedeking macht das Radio aus, schnallt sich an. Dann schiebt er den Cayenne vom Hof, lautlos wie eine Schnecke. Hinten sitzt sein PR-Chef Anton Hunger und passt auf. "Next possibility turn right", sagt der Navigationscomputer. "Da vorne rechts", sagt Hunger. "Wollen Sie lieber eine Frauenstimme?", fragt Wiedeking. "Rechts! Rechts!", ruft Hunger. Tempo 80 wird aufgehoben, Wiedeking haut den Bleifuß rein und schaut zum Beifahrersitz wie ein 18-jähriger Mazda-Fahrer. "Doll, was?" 400 Meter später bremst er auf die vorgeschriebenen 50 runter. Wieso fährt man Porsche, wenn man ihn nirgendwo mehr richtig fahren darf? "Tja, wieso?", fragt Wiedeking. "Weil es ein tolles Gefühl ist", sagt Hunger. Und wieso gehen mehr als die Hälfte aller Porsches an Amerikaner, die noch weniger dürfen? "Hm", sagt Wiedeking. "Wegen des Images", antwortet Hunger. "Sie müssen wissen, unsere Kunden kaufen sich den Porsche als Drittwagen." Der Erstwagen ist eine große Limousine, erklärt er. Der Zweitwagen die Familienkutsche. Den Porsche führt der Papa am Sonntag aus.

 

Der Cayenne

ist wieder so ein Auto, das die Welt nicht braucht. Er kann auf nur drei Rädern durch Löcher gurken, die so tief und breit sind wie ein ausgewachsener Gorilla. Er fährt so steil bergauf, dass man nur noch den Himmel sieht, er piepst bei jedem Busch, der ihm den Lack zerkratzen könnte. Kurz, er kann, wofür auf den Highways der Industrienationen keine Verwendung ist. Seine Frau konnte mit dem Cayenne auch nichts anfangen, sagt Hunger, "bis ihr einfiel, dass sie mit ihm bei Stau über den Straßengraben abhauen kann".

 

Wenn man

sich das zutraut. An der Geländeteststrecke übergibt Wiedeking das Steuer an seinen Techniker und lässt sich auf der Rückbank up- und downhill schaukeln wie eine rumänische Bauersfrau, die mit ihrem Eierkorb durch die Walachei zum Markt gekarrt wird. Für die Fotografen stellt der Techniker den Cayenne auf einem Hügel so hin, dass das linke Hinterrad zwei Meter über der Erde schwebt. Wiedeking klettert ans Steuer. "Könnt ihr den abschreiben?", ruft er seinen Technikern zu. Dann löst er die Handbremse, kullert vier Meter den Hügel runter und steigt aus.

Beate Flemming

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