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Wirtschaftsentwicklung: Mein Aufschwung, dein Aufschwung...

Die nächste Regierung erntet den Lohn der Reformen. Es geht aufwärts für Deutschland - aber nicht für alle Deutschen. Die Niedrigqualifizierten können nicht auf steigenden Wohlstand hoffen.

Angela Merkel kann ganz traurig gucken. Vor allem, wenn sie von Deutschland spricht - einem Land in der Sackgasse. Jeden Tag gingen 1000 Arbeitsplätze verloren. "Dafür steht Rot-Grün." Selbst tapfere Sozialdemokraten widersprechen nur müde. Die Deutschen in Ost und West sind im Frust vereinigt: Wenn sie den Fernseher einschalten, hocken da seit Jahren die immergleichen Experten und erklären, warum alles den Bach hinuntergehe. "Sozialfall Deutschland - vom Ende einer Wirtschaftsmacht", klagte die Phoenix-Runde. "Wie krank ist Deutschland?", wollte Sabine Christiansen wissen. Der Presseclub diskutierte "Deutschlands Abstieg".

Auf Merkel wartet ein freudloser Job. Oder doch nicht? Immer mehr spricht dafür, dass die nächste Regierung den Lohn der Veränderungen einfährt, die von Politik und Wirtschaft bereits begonnen wurden. Längst ist die Lage besser als die Stimmung. Auch wenn die goldenen Zeiten der alten Bundesrepublik unwiederbringlich vorbei sind, ist Deutschland alles andere als ein hoffnungsloser Fall.

Nach langem Zögern

hat die rot-grüne Koalition vor zweieinhalb Jahren begonnen, das Land umzukrempeln. Das hat vielen wehgetan. Arbeitslose wurden gezwungen, nach einem Jahr fast jedes Angebot anzunehmen. Eherne Gesetze des rheinischen Kapitalismus wie die paritätische Finanzierung der Sozialsysteme durch Betriebe und Beschäftigte wurden durchlöchert. Wichtiger noch: Mit dem hartnäckigen Beharren darauf, dass es so nicht weitergehen könne, haben Schröder und Co. den Boden für eine Revolution in den Unternehmen bereitet: Wettbewerbsfähigkeit geht vor Konsens, die Kosten müssen runter.

Wo bleiben die Erfolge?, fragen die Verlierer der Veränderungen. Das alles reicht noch nicht, rufen Union und FDP. Es ist nicht ohne Ironie, dass die Schröder-Rendite in Sichtweite rückt, als der Kanzler sein Amt schon verspielt hat. Und dass sie vor allem bei denen ankommt, die nicht zur Stammkundschaft der SPD gehören.

"Deutschland zieht an - steigen Sie auf die Erfolgskurve", fordert die Deutsche Bank in einer Anzeige für ihr "Deutschland AG Outperformance-Zertifikat". Geradezu euphorisch bejubeln die Banker den Standort D: "Unternehmen entflechten sich, ihre Gewinne steigen, ausländische Investoren entdecken den deutschen Markt." Die bekennenden Merkel-Freunde vom britischen "Economist" hoben gar den Bundesadler auf den Titel - mit kraftvoll gespannten Muskeln.

Das Dauerlamento weicht zaghaftem Optimismus. Angefangen hat es irgendwann Anfang des Jahres. Bei der Investmentbank Goldman Sachs in Frankfurt schrieb der Volkswirt Dirk Schumacher ein Papier zur Zukunft Deutschlands. Durch die Tabellen und Rechnungen zieht sich Hoffnungsvolles: Die Investitionen würden wieder anziehen, die Wettbewerbsfähigkeit sei gestiegen, bald werde Deutschlands Wirtschaft den anderen Ländern im Euroraum nicht mehr hinterherhinken. "Wenn ich eine Hedge-Fonds-Managerin wäre, würde ich auf Deutschland setzen", sagt auch Beatrice Weder di Mauro, die im Sachverständigenrat der Regierung sitzt.

Viele ausländische Fonds, die nichts als Rendite interessiert, tun es tatsächlich. Investoren wie Cerberus oder Annington kaufen im großen Stil deutsche Wohnungen. So kamen allein 138 000 Wohnungen aus dem Eon-Reich unter den Hammer. Bei Daimler-Chrysler reden die Hedge Fonds als Anteilseigner inzwischen ebenso mit wie bei kleineren Unternehmen, vom Armaturenhersteller Grohe bis zum Telefonunternehmen Mobilcom. Im zweiten Quartal kauften Ausländer für über 26 Milliarden Euro deutsche Aktien. Der Dax kletterte wieder über 5000 Punkte. Das Interesse der Anleger ist eher Anlass zur Zuversicht als zur Heuschreckenangst.

Aber kein Grund

zum Jubel. Denn die Probleme am Arbeitsmarkt, in den Sozialsystemen, mit der Überalterung, der Staatsverschuldung und dem Aufbau Ost bleiben. Das Wirtschaftswunder wird nicht über Nacht kommen. Und wenn es kommt, wird es anders sein als in den Nachkriegsjahrzehnten: Da hatten die Beschäftigten jedes Jahr mehr Geld in der Lohntüte oder auf dem Gehaltskonto, es gab auskömmliche Arbeit für alle, die Renten waren tatsächlich noch sicher. Nichts davon wird zurückkehren.

Denn die einfachen Arbeitnehmer sind im Kampf um die Früchte des ersehnten Aufschwungs benachteiligt: Sie können nicht damit drohen, dorthin zu gehen, wo die Bedingungen für sie am günstigsten sind. Viele Betriebe müssen genau das tun - um der Pleite zu entgehen oder die immer höheren Renditeerwartungen ihrer Anleger zu erfüllen. Nach den Großen zieht es nun viele Kleine in den Osten. Erst kam Volkswagen nach Bratislava, um den Touareg zu produzieren. Nun ist dort zum Beispiel auch das bayerische Ingenieurbüro IMP präsent - und zwar nicht mit Billiglöhnern, sondern mit hoch qualifizierten Fachleuten. Versicherungen wie die Axa lagern ihre Schadensabwicklung nach Lettland aus.

Die Buchhaltung, das Callcenter - nichts scheint mehr sicher in Deutschland verwurzelt. VW-Markenchef Wolfgang Bernhard droht den Werkern ganz offen: Er werde den neuen Geländewagen in Portugal bauen lassen, wenn in Wolfsburg nicht zu Kosten weit unter dem Haustarif gearbeitet werde.

"Das ist Globalisierung pur. Es wird da produziert, wo es am billigsten ist", sagt Thilo Kausch-Blecken von der Unternehmensberatung Ernst & Young. Wir Deutsche holen im Vergleich zu Italienern und Franzosen zwar auf; aber die Mittel- und Osteuropäer locken weiter mit Billiglöhnen, ebenso die Chinesen. Sie geben den Trend für die Löhne hierzulande vor, der zumindest für die weniger Qualifizierten weiter nach unten zeigt. Ein neuer Aufschwung kann Jobs auch für sie schaffen und sichern, aber er wird ihren Wohlstand nicht steigern.

Dabei gerät das alte "Modell Deutschland" aus den Fugen. Nicht einmal mehr zwei Drittel des in Deutschland verdienten Geldes stammt aus abhängiger Arbeit. Gewinne und Dividenden sprudeln dagegen. So ungünstig wie im zweiten Quartal 2005 war das Verhältnis für die Beschäftigten seit über drei Jahrzehnten nicht mehr. Ihr Verzicht befeuert die neue Hoffnung: Im Vergleich zu den westlichen Nachbarn sind die Lohnstückkosten - also die Arbeitskosten pro hergestelltem Gut - gesunken. In Deutschland stiegen sie in zwölf Jahren um nur 17 Prozent, im Durchschnitt der Euro-Zone um 24.

Noch ist im Inland wenig von einer Reformrendite zu spüren. Das Wachstum ist kaum nachweisbar, die Arbeitslosigkeit hoch. Aber: "Positive Effekte werden kommen", verspricht etwa Michael Bräuninger vom Hamburger Institut HWWA. "Davon wird die nächste Regierung profitieren, egal, wer sie stellt." Der Schröder-Mannschaft hält er vor allem einen Fehler vor: Sie habe Hoffnung auf zu schnelle Erfolge geweckt und damit die Glaubwürdigkeit der Reformen gefährdet.

So sei sie selbst mitverantwortlich dafür, dass es in diesem Bundestagswahlkampf eine politische Kraft gibt - angeführt von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine -, die sich gegen die Wende zum Weniger stemmt. In den Talkshows, in denen sonst die Untergangsszenarien erörtert werden, kann Lafontaine die Zuschauer zur Entscheidung aufrufen: Wollt ihr Lohnverzicht und Sozialabbau oder Mindestlöhne und Sicherheit, bezahlt von den Reichen im Land?

Wäre das die Alternative,

fiele die Antwort nicht schwer. Aber die ganz überwiegende Zahl der Ökonomen bezweifelt, dass die Deutschen zwischen Globalisierung und Paradies wählen können; entscheiden müssten sie darüber, ob sie im entfesselten Kapitalismus bestehen wollen oder nicht. So deutlich wie wenige seiner Kollegen sagt der Aachener Professor Günther Schuh, was herrschende Lehrmeinung in seiner Zunft ist: Lafontaines Vorschläge nennt er indiskutabel ("Als Ingenieur streite ich auch nicht über das Ohmsche Gesetz"). Wenn Deutschland ein Comeback gelingen solle, müssten die Arbeitszeiten steigen ("42 Stunden die Woche bringen keinen um"), die Löhne der Niedrigqualifizierten sinken und die Sozialhilfe gleich mit ("Das Nichtstun wird zu gut bezahlt").

Das kommt einem alles bekannt vor. So oder ähnlich reden marktgläubige Ökonomen seit Jahren. Aber jetzt scheint es einen Unterschied zu geben: Licht am Ende des Tunnels. Schuh hat errechnet, dass die Löhne keinesfalls auf polnisches Niveau sinken müssten, um in Deutschland Jobs für Niedrigqualifizierte zu sichern. "Durchschnittlich 17 Prozent Kostenersparnis in den unteren Lohngruppen würden ausreichen, um die Abwanderung der Produktion nach Osten zu stoppen", sagt er. "Wir können es jetzt schaffen. Wir sind relativ zum Umfeld schon ziemlich weit gekommen."

Selbst liberale Ökonomen wie Schuh betonen, dass niedrige Löhne für niedrig Qualifizierte nicht bedeuten, dass der Lebensstandard der Betroffenen sinkt: "Die Gesellschaft muss nicht die Arbeitslosigkeit subventionieren, sondern den Versuch, seinen Lebensunterhalt so gut wie möglich zu verdienen." Der Staat müsse die Niedrigqualifizierten dabei direkt unterstützen.

Goldman-Sachs-Ökonom Schumacher blickt für Deutschland bereits wieder in die Zukunft und ist überzeugt, dass es nicht immer billiger ist, dahin zu gehen, wo die Löhne am niedrigsten sind. Im Gegenteil: Große Vorteile haben Industriestandorte, in denen die Zulieferer gleich nebenan produzieren, die Hersteller der Produktionsanlagen nah sind, es Millionen qualifizierte Leute und eine gute Infrastruktur gibt. Das rechtfertigt, wie in Deutschland, hohe Löhne. Nur eben nicht unbegrenzt hohe Löhne. Und nicht in allen Branchen gleichermaßen.

Deutschland wird sich weiter verändern, aber der Weg muss nicht in die jahrelang lustvoll beschworene Katastrophe führen. Auch in Zukunft werden Fabriken abwandern, in denen einfache Arbeiten erledigt werden. Die Boston Consulting Group hat eine Prognose bis ins Jahr 2015 gewagt. Bis dahin werden, so glauben die Autoren der Studie, in Deutschland kaum noch Produkte hergestellt werden, die den Einsatz von viel Arbeit erfordern sowie leicht standardisiert und transportiert werden können: also etwa Schuhe oder auch viele Elektroprodukte. Eher würden kapitalintensive Produktionen wie die von Papier im Land bleiben. Auch Produkte mit großer Variantenvielfalt und herausragender Bedeutung für größere Industrien wie etwa Autositze ließen sich weiter in Deutschland fertigen.

Unter dem Strich: Es werden durch die Globalisierung weiter Industriejobs verloren gehen, aber es bleibt Zeit, um Ersatzarbeitsplätze zu schaffen - das reicht von einfachen Dienstleistungen bis zu Forschung oder Marketing. "Andere Volkswirtschaften liefern den Beweis für die Machbarkeit", schreiben die BCG-Geschäftsführer Peter Strüven und Ralf Spettmann. "Noch verfügt Deutschland über eine vom Ausland bewunderte Basis für diese Veränderungen."

Die nächste Regierung

hat die Chance, diese Basis zu nutzen. Vor allem, weil die Mehrheit der Deutschen nach dem jahrelangen Reformpalaver zu Veränderungen bereit scheint. Manche fordern sogar Reformen, die sie selbst treffen - etwa der habilitierte Volkswirt Bräuninger. Er verliert seine befristete Stelle am HWWA und wechselt an ein anderes Institut. "Aber auch das wird befristet sein", sagt er.

Zuversichtlich ist Bräuninger trotzdem. Als Arbeitnehmer und als Volkswirt. Natürlich sieht er, dass die Kauflust der Deutschen seit Jahren gedämpft ist und dadurch der wichtigste Treibstoff der Wirtschaft knapp wird - die Nachfrage. Doch um dem Konsum wieder aufzuhelfen, erscheint ihm frischer Mut noch wichtiger als frisches Geld auf dem Lohnkonto: "Wenn der Trend zum Schwarzsehen kippt, wird der Aufschwung zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung."

Stefan Schmitz / print