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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne: Spanien muss von Xavi und Co. lernen

Spanien feiert seine Europameister, doch die Schuldenkrise trübt die Freude. Wie der Erfolg im Fußball den Spaniern auch bei der wirtschaftlichen Misere helfen kann, erklärt Thomas Straubhaar.

Spanien musste 44 Jahre warten. Nach dem Triumph bei der Endrunde im eigenen Land 1964 folgte eine tiefe und lange fußballerische Depression. Sie wurde in Madrid, vor allem aber Barcelona genutzt, um Vereinsstrukturen zu modernisieren und mit Hilfe ausländischer Trainer Defizite zu beseitigen und international hoch wettbewerbsfähige Spieler auszubilden. 2008 konnte dann die spanische Nationalmannschaft ernten, was in harten täglichen Trainings erarbeitet wurde. Und seither verlor Spanien bei den großen Turnieren nur noch einmal (gegen die kleine Schweiz), gewann aber als erstes Team überhaupt dreimal in Folge den Europa- und Weltmeisterschaftstitel.

Nun ist es zu viel des Guten, von der schönsten Nebensache auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu schließen. Politik ist nicht Sport und in der Wirtschaft geht es nicht um einen Wettkampf einzelner Länder, um Sieg und Titel. Wer beim Fußball gewinnt, hat noch nichts für den Wohlstand der Bevölkerung getan. Aber eine Gemeinsamkeit gibt es halt doch: In beiden Sphären muss für den Erfolg hart gearbeitet werden. Voraussetzungen und Strukturen müssen stimmen. Und am Ende sind es einzelne Menschen, die entscheiden. Spieler im Sport, Unternehmer in der Wirtschaft und Regierungen in der Politik.

Vielleicht aber kann ein sportlicher Erfolg dennoch etwas für die Ökonomie bedeuten. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Wenn ein ganzes Land am Pranger steht. Und die übrige Welt mit einer Mischung von Mitleid und Verachtung gute Ratschläge und böse Vorurteile zum Besten gibt. Da kann der Sieg im Fußball einer tief verunsicherten Bevölkerung Halt und Selbstvertrauen geben. So war es 1954 mit dem Wunder von Bern für Deutschland der Fall. So könnte es 2012 für Spanien sein.

Mediterrane Faulheit? Mitnichten!

Vorurteile und Unverständnis prägen im Ausland die Analyse spanischer (Miss-)erfolge der letzten Dekaden. Sie reichen von mediterraner Faulheit, süßem Nichtstun bis selbstverschuldeter Unzuverlässigkeit. Wer am Sonntag das Finale gesehen hat, weiß, wie primitiv und falsch derartige Verallgemeinerungen sind. Richtig ist: Die Masse der Spanier führt kein liederliches Lotterleben. Spanien leidet auch nicht an überbordenden Staatsausgaben oder einer überdimensionalen Staatsverschuldung.

Jahrelang waren Staatsschulden und Staatsdefizite kein Problem. Im Gegenteil: Spanien galt in der Euro-Zone als Musterland. 2005-2007 erzielten die öffentlichen Haushalte sogar einen Überschuss. Erst danach stürzten faule Kredite der viel zu stark gewachsenen und somit weit überdimensionierten Bauindustrie zunächst private Banken und am Ende die Staatshaushalte ins Elend. Deshalb geht es in Spanien nicht darum, wie der Staat zu retten ist, sondern wer für die zu hohen Schulden der Privatwirtschaft aufzukommen hat.

Natürlich kann man mit gutem Grund argumentieren, Spanien sei selber schuld an seinen Problemen. Und deshalb sollten die Spanier alleine mit der Pleitewelle überschuldeter Hausbesitzern und bankrotter Baufirmen klar kommen. Was kümmert es das Ausland, wenn auch das spanische Bankenwesen in den Strudel der Überschuldung mitgerissen wird? Die Antwort lautet: die Bankenkrise in Spanien droht das Finanzsystem anderer (Gläubiger-)Länder und damit auch Deutschlands anzustecken, die in einer hoch verflochtenen Kreditwirtschaft eben mit im Boot sind. Und damit wir das spanische Problem zu einem europäischen Risiko.

Die Eurokrise zerstört mehr als Spaniens Kreditwürdigkeit

Aber eigentlich liegen die Ursachen der spanischen Misere viel tiefer. Letztlich ist Spanien zu schnell aus einer jahrzehntelangen Militärdiktatur in die Neuzeit katapultiert worden. Ähnlich wie in Jugoslawien unter Marschall Tito hatte General Franco mit harter Hand und entsprechender Gewalt einen Vielvölkerstaat von Kastiliern, Katalanen, Galiziern, Basken oder Mallorquinern zusammengehalten. Anders aber als im Osten Europas zerbrach Spanien nach dem Ende der Diktatur nicht in einzelne Teile. Vielmehr fand es als Einheit verblüffend rasch Anschluss an Europa. Der Beitritt zur Europäischen Union 1986 brachte Spanien einen enormen Wirtschaftsaufschwung. Er verbesserte den Wohlstand der Massen so stark, dass die regionalen Differenzen vergleichsweise weniger wichtig wurden. Europa versprach den Menschen Wohlstand. Und der Euro war das Geld, um ihn zu finanzieren. Zu viele Spanier(innen) ließen sich von den Hoffnungen auf einen raschen Aufstieg aus Armut und Rückständigkeit des Franco-Regimes mitreißen. Und dank des Euro sanken die Kreditzinsen dramatisch. So dass ein Leben auf Pump erschwinglich und ein Abstottern der Kredite möglich schien.

Die Finanzmarktkrise hat viele spanische Hoffnungen jäh zerstört. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten geht verloren, wenn fast die Hälfte aller jungen Spanier(innen) arbeitslos bleibt. Die Bevölkerung beginnt zu zweifeln, ob es in Zukunft besser werden kann, wenn die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung nicht zunimmt, sondern schrumpft. Da ist es keine Wunder, dass sich auch wieder regionale Gruppierungen zu Wort melden. Wer primär sein eigenes Interesse und nicht das Wohl der spanischen Gesellschaft verfolgt, findet im heutigen Spanien rasch jenen Nährboden, den er sucht, um Unruhe und Unzufriedenheit zu schüren. Auf diesem Humus werden jedoch nicht Reformwille und Modernisierungsbereitschaft wachsen, sondern Krawall, Konflikt und Zerfall. Das würde Spanien nicht voranbringen, sondern zurückwerfen.

Meistertitel kann Misere retten

Deshalb kann der Europameistertitel für Spanien doch wertvoller werden als nur ein sportlicher Triumph. Er veranschaulicht der Bevölkerung auf einfache Weise, dass zusammen mehr geht als getrennt. Dass Madrilenen und Katalanen vereint Erfolg haben, wenn sie Einsatz und Können klug kombinieren. Dass junge Spanier durchaus motiviert und kreativ und dadurch international wettbewerbsfähig sind. Das Endspiel von Kiew kann der Anfang eines spanischen Sommermärchens 2012 werden. Es wäre nicht nur Spanien zu wünschen, dass die Chance genutzt wird.

Von Thomas Straubhaar