Schrempp-Kreuzverhör Pappbecher und Standardsätze


Der DaimlerChrysler-Chef war gut vorbereitet und auf der Hut: Im fünfstündigen Kreuzverhör wiederholte er Standardformulierungen. Etwa, dass keiner der Beteiligten je an der Fusion unter Gleichen gezweifelt habe.

Erstaunlich frisch sieht Jürgen Schrempp nach mehr als fünf Stunden im Kreuzverhör aus. Der DaimlerChrysler-Chef ist mit seinem Auftritt im Milliardenprozess gegen den deutsch-amerikanischen Autokonzern augenscheinlich zufrieden. "Ich darf noch nichts sagen", ruft er wartenden Reportern nach dem langen Verhandlungstag lachend zu und steigt ins Auto und entschwindet.

Den ganzen Tag hat der 59-Jährigen im fensterlosen Gerichtssaal 4B des Bezirksgerichts im Wilmington (US-Bundesstaat Delaware) auf dem Zeugenstuhl gesessen. Auf seinem Tisch steht eine Thermoskanne mit kaltem Wasser, daneben ein Plastikbecher, zwei dicke Aktenordner und ein Bildschirm, auf dem Dokumente eingeblendet werden. Wenn er die gerade angesprochene Seite im Order nicht findet, nimmt Schrempp die Brille ab und beugt sich über den Bildschirm. "Um keine Zeit zu verschwenden", sagt er einmal.

Doch Klägeranwalt Terry Christensen hat keine Eile und lässt immer wieder neue Fusionsdokumente, Sitzungsprotokolle und Erklärungen auf den Bildschirm holen. Langatmig zitiert aus den Texten und fragt Schrempp manchmal in leicht herablassendem Ton: "Sehen Sie das? Verstehen Sie das?" Die meiste Zeit sitzt Schrempp nach vorn gebeugt. "Yes, Sir" und "Korrekt, Sir" sagt er oft.

Schrempp war auf der Hut

Doch wenn der Anwalt ihn mit tückischen Fragen aufs Glatteis führen will, ist Schrempp auf der Hut: Er wiederholt Standardformulierungen, etwa, dass keiner der Beteiligten je an der Fusion unter Gleichen gezweifelt habe. Christensens Versuche, einen Widerspruch zwischen Schrempps Aussage und der von anderen Zeugen rauszuarbeiten, laufen meist ins Leere. "Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang das gesagt wurde", sagt Schrempp darauf, oder: "Da müssen Sie die Person selbst fragen, wie sie das gemeint hat."

"Schrempp ist bestens vorbereitet und es ist schwer, ihn von seiner Linie abzubringen", räumt Holger Haas, Frankfurter Anwalt in den Diensten der Klägerfirma Tracinda, ein. "Aber langsam ernährt sich das Eichhörnchen." Haas will gesehen haben, wie Richter Joseph Farnan immer an der Stelle eifrig mit schrieb, die für Tracindas Argumentation Bedeutung haben.

Nur selten Gemütsbewegungen sichtbar

Drei Stunden sind um, und mit der quälenden Akribie des gewieften Anwalts springt Christensen von einem Jahr zum anderen und holt immer neue Dokumente auf den Bildschirm. Schrempp bleibt stoisch. Nur das leise Pochen mit dem Plastikbecher auf dem Tisch verrät Gemütsbewegungen. Nur einmal wird es laut, weil Schrempp auf seinem Stuhl nach vorne rutscht und mit dem Kopf plötzlich ganz nah ans Mikrofon kommt: "Ich kann Ihnen nur sagen, dass das auf Seite 59 nicht steht!" sagt Schrempp zum wiederholten Mal. Der Anwalt wollte ihn auf kniffelige Aussagen in einem umfangreichen juristischen Text festnageln. "Wir tanzen hier wohl auf der Spitze einer Nadel rum", meint er ein bisschen resigniert.

An anderer Stelle will der Anwalt darauf hinaus, dass den Aktionären vielleicht nicht klar war, dass die vereinbarte Vorstandsstruktur mit paritätischer Besetzung geändert werden könnte. Er verpackt dies in einer komplizierten Frage. "Ich kann Ihnen nicht mehr folgen, Sir", sagt Schrempp und Christensen lässt von dem Thema ab. "Irgendwie hat Schrempp der Klägerseite keinen Zentimeter zugestanden", meint eine amerikanische Gerichtsreporterin.

Christiane Oelrich DPA

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