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Streit ums Schwein: "Der größte Tierschutzbetrug, den es in Deutschland je gegeben hat"

Im Streit um bessere Haltungsbedingungen für Schweine ist der Deutsche Tierschutzbund aus der Initiative Tierwohl von Handel, Produzenten und Landwirtschaft ausgestiegen.

Tierschutzbund Tierwohl

Ferkel in einem nach der "Initiative Tierwohl" ausgestatteten Stall auf einem Schweinebauernhof in Niedersachsen

Der Deutsche Tierschutzbund hat der Initiative Tierwohl von Fleischindustrie, Einzelhändlern und Bauernverband den Rücken gekehrt. Er kritisierte am Freitag eine fehlende langfristige Perspektive für den Tierschutz. Die Initiative setze weiterhin auf Quantität statt auf Qualität. Die Anforderungen an die Landwirte sind den Tierschützern zu lasch.

An der freiwilligen Initiative Tierwohl sind neben der Fleischindustrie die größten Einzelhändler und der Deutsche Bauernverband beteiligt. Die Händler haben sich verpflichtet, für jedes verkaufte Kilo Fleisch vier Cent in einen Fonds einzuzahlen. Mit dem Geld sollen Landwirte gefördert werden, die ihre Ställe umwelt- und tierfreundlicher ausbauen als gesetzlich vorgeschrieben. Teilnehmen können derzeit Geflügel- und Schweinehalter.

Deutscher Tierschutzbund: "Beschlüsse zu vage"

Die nächste Förderperiode startet 2018. Doch "die nun getroffenen Beschlüsse sind viel zu vage und für uns kein Fundament, auf dem ein Anspruch hin zu mehr Tierschutz basieren kann", begründete Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder den Austritt aus dem Beraterkreis der Initiative. Die Anforderungen an die Landwirte müssten höher sein als bislang vorgesehen; der "bunte Strauß an Einzelmaßnahmen, aus denen der Landwirt wählen kann", sei nicht zielführend, kritisierte er.

"Einfachste Maßnahmen wie eine Handvoll Stroh in den Schweineställen oder die Einhaltung des gesetzlichen Standards von drei Prozent Licht in den Ställen sind offensichtlich unüberwindbare Hürden innerhalb der Initiative", erklärte Schröder. Die Zahlungen an die Landwirte seien zudem gedeckelt, das biete keine Perspektive.

Ein Problem für den Tierschutzbund war auch die mangelnde Transparenz für den Verbraucher. Die Initiative zeichnet nicht einzelne Produkte aus, sondern teilnehmende Händler. Der Verbraucher kann somit nicht erkennen, ob er Fleisch von einem Tier kauft, das nach Kriterien der Initiative gehalten wurde. Weiter monierte Schröder, dass nur bei Beratungen zur Schweinehaltung Tierschützer beteiligt waren - während die Geflügelbranche bislang komplett hinter verschlossenen Türen getagt habe.

"Bislang größtes Programm für mehr Tierwohl"

In einem Zeitungsinterview hatte Schröder im August bereits deutliche Kritik geäußert. Er warnte damals vor "dem größten Verbraucher- und Tierschutzbetrug", den es in Deutschland je gegeben habe.

Die Initiative Tierwohl bedauerte den Rückzug des Tierschutzbundes. Dessen Vorstellungen seien "sehr ernst" genommen und für die künftigen Regeln berücksichtigt worden. Der Entwurf für das Vorgehen ab 2018 sei "ein realistisches Angebot für eine Vielzahl der Tierhalter" und ermögliche "innovative Kriterienkombinationen", erklärte Geschäftsführer Alexander Hinrichs. Nach Angaben der Initiative profitieren aktuell rund 12,8 Millionen Schweine sowie 242,4 Millionen Hähnchen und Puten von den geförderten Maßnahmen. Damit handele es sich um "das bislang mit Abstand größte Programm zur Förderung von mehr Tierwohl".

tim / AFP