Tourismus Dunkle Wolken über der Sonnenbranche


Die Fluggesellschaft Aero Lloyd ist nur das erste Opfer - seit die Buchungszahlen bei den Reiseveranstaltern zurückgehen, ringen die in Sonnenzeiten zusammengekauften Touristik-Großunternehmen ums Überleben.

Die Zeiten ewigen Aufwinds sind in der Tourismusbranche längst vorbei. Seit fast drei Jahren leiden die Reiseveranstalter unter Buchungsrückgängen. Mit der Insolvenz der Fluggesellschaft Aero Lloyd droht erstmals ein großer Name aus dem Markt zu verschwinden. Damit ist der Abbau vorhandener Überkapazitäten aber noch längst nicht beendet. In der Branche wird schon spekuliert, wer das nächste Opfer sein könnte.

Bis Ende der 90er Jahre setzte die Touristik auf Wachstum. Nur wer genügend Flugzeuge und Hotels hatte, galt als zukunftsfähig. Große Tourismus-Konzerne wie TUI in Hannover oder Thomas Cook in Oberursel entstanden. Überall wurden neue Flugzeuge gekauft. Aero Lloyd setzte eine der jüngsten Flugzeugflotten Europas mit einem Durchschnittsalter von drei Jahren ein. Gleichzeitig machten die aggressiven Billigflieger den etablierten Fluggesellschaften aber zunehmend Konkurrenz.

Im Sommer riesige Überkapazitäten

Zudem ist der Pauschalreisemarkt in Deutschland seit 2001 nach einer Analyse von Thomas Cook um rund 25 Prozent eingebrochen. In diesem Sommer standen die Veranstalter vor riesigen Überkapazitäten, die sie nur mit Last-Minute-Preisabschlägen einigermaßen füllen konnten. Jede zweite Pauschalreise sei in diesem Jahr mit Preisnachlass veräußert worden. "Wir verkaufen alle unsere Produkte viel zu billig", klagte Thomas-Cook-Chef Stefan Pichler. "Die Fehleinschätzungen der Branche führten zu Überkapazitäten im Markt, die im Rahmen zahlreicher Preisaktionen abgebaut werden mussten", sagte auch der Geschäftsführer der TUI Deutschland, Volker Böttcher.

Last-Minute-Angebot wird zusammengestrichen

Nun stehen Kostensenkungen und Straffung der Angebotspalette auf dem Plan. Das Last-Minute-Angebot werde drastisch zusammengestrichen, heißt es unisono bei allen großen Veranstaltern. Aus Sicht der Konzerne führt kein Weg daran vorbei. Branchenprimus TUI will notfalls auch zu Lasten von Marktanteilen Flugzeuge der zur TUI gehörenden Fluglinie Hapag-Lloyd anderweitig nutzen.

Thomas Cook kündigte sogar an, rund ein Drittel seiner deutschen Flotte für Kurz- und Mittelstrecken zu verkaufen. Auch die Gehälter der Piloten stehen bei der Flugtochter Condor zur Verhandlung an, Tabus gibt es nicht. Die Gewerkschaften fürchten, der Konzern werde die eigenen Flugkapazitäten streichen und künftig stärker auf externe Gesellschaften zurückgreifen.

Krisensitzung in Hammamet

Auch wenn die jüngsten Buchungszahlen wieder leicht nach oben zeigen, gibt es keine Entwarnung. An diesem Freitag diskutieren rund 500 Fachleute auf der Jahrestagung des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verbandes (DRV) im tunesischen Hammamet über die Krise der einstigen Sonnenbranche. Ein Schwerpunkt ist die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der integrierten Tourismus-Riesen.

Noch ist nicht ausgemacht, ob die großen Konzerne - die selbst über Fluggesellschaften, Hotels und Reisebüros verfügen - am besten mit dem Strukturwandel fertig werden. Oder können Unternehmen, die sich entweder auf Flug, Reiseveranstaltung oder Reisebüros spezialisieren, flexibler reagieren? Im Falle von Aero Lloyd hat es nun einen Spezialisten erwischt, der nach eigener Einschätzung besonders günstige Kostenstrukturen hatte. Aber auch er war auf die Aufträge der Branchenführer angewiesen.


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