So fährt sich die Hightech-Flunder

16. März 2013, 14:50 Uhr

Das Ein-Liter-Auto XL1 von VW wurde lange erwartet und soll nun endlich in Kleinserie gebaut werden. Der stern hat getestet, was die High-Tech-Flunder kann. Von Harald Kaiser

VW, Ein-Liter-Auto, Ein-Liter-Auto XL1, Testbericht

Der VW XL1 ist ein flacher, sportwagenartiger Zweisitzer©

Ein nebeliger Tag an einer belebten Ecke in Wolfsburg. Alles scheint normal zu laufen. Es gibt nichts Auffälliges, weswegen die Passanten stehen bleiben könnten. Bis zu dem Moment, in dem eine silberfarbene Flunder auf dem kleinen Platz vor dem Café "Bar Celona" aufkreuzt und davor parkt. Sofort bildet sich eine Menschentraube, Leute zücken Handys und schießen Bilder. Ein Lichtblick in der trüben Nebelsuppe. Volkswagen hat das Einliterauto aus dem Werk rausgelassen. Es sieht aus wie ein Ufo. Jeder darf dicht ran. "Wow" rufen einige, als sich die Flügeltüren öffnen.

Neugierig drücken sich die Menschen die Nasen an den Scheiben platt. Alle wollen nicht nur reinschauen, sondern am liebsten auch mal Platz nehmen. Einer sagt, er würde den Wagen sofort kaufen. Der VW-Ingenieur, der das stern-Team begleitet, lächelt. Eine Viertelstunde stehen wir mit dem exotischen Silberling vor dem Café. Dann marschieren zwei Behördenvertreter mit ernsten Minen heran und vertreiben uns.

Einsteigen geht leicht, die Türen öffnen sich hoch und weit. Aussteigen ist schwerer, weil man sich am Türschweller aus der zwar bequemen, aber tief unten montierten Sitzschale hochstemmen muss. Platz ist für zwei, wobei der Beifahrer ein Stück weiter hinten sitzt. Säßen beide auf gleicher Höhe, kämen sie sich in dem schmalen Auto mit den Schultern ins Gehege. 1,66 Meter Breite ist nicht viel. Und 1,15 Höhe erst recht nicht.

250 Exemplare sollen gebaut werden

Aber am schwierigsten war es, im Verlaufe des Entwicklungsprozesses das Gewicht in den Griff zu bekommen. Denn es galt, eine magische Zahl möglichst zu unterschreiten: die Eins. Höchstens einen Liter Diesel soll der VW LX1 auf 100 Kilometer schlucken. Ist's mehr, wird die Latte gerissen, die der einstige VW-Chef Ferdinand Piëch vor mehr als 12 Jahren im stern-Interview selbst gelegt hatte. Damals sagte er: "Ich bin sicher, dass ich das Einliterauto in meiner Amtszeit noch fahren werde." Jetzt ist der Wagen serienreif. 250 Exemplare sollen gebaut und verleast werden.

Ein ausgesprochenes Leichtgewicht ist der LX1 zwar geworden, misst man ihn an den heute üblichen Automobilen. Doch im Vergleich zu dem Diesel-Prototyp, mit dem Piëch 2002 von Wolfsburg zur VW-Hauptversammlung nach Hamburg getuckert ist, wiegt der schlanke Wagen jetzt mit 795 Kilogramm beinahe dreimal soviel. Das liegt vor allem am Hybridantrieb, bestehend aus einem Diesel- und einem Elektromotor mit schwerem Akku.

Um dennoch einen Supersparfuchs auf Räder stellen zu können haben die Gewichtsoptimierer jedes Gramm hinterfragt. Unnötiger Speck wurde vermieden, indem sehr leichte und hochfeste Materialien wie kohlefaserverstärkter Kunststoff verwendet worden sind. Oder eine Windschutzscheibe aus Dünnglas. Eine Servolenkung flog raus. Zu schwer. Eine Heizung dagegen musste rein. Doch weder mit Hilfe des Leichtbaus, der spritsparenden Tropfenform und auch nicht mit dem genügsamen Zweizylinderdiesel (48 PS) hätte der Durst unter die Zielmarke gedrückt werden können. Theoretisch erreichbar werden die vom Werk angegebenen 0,83 Liter nur zusammen mit einem Elektroantrieb (27 PS). Denn mit Strom allein rollt der Silberling 50 Kilometer weit. Allerdings darf das Gaspedal dann nur gestreichelt werden. Bei der stern-Testfahrt lag der Verbrauch laut Bordcomputer mit 1,2 Liter leicht über dem Wunschwert.

Go-Kart mit Dach

Wer schnuppern will, wie sich die 160 km/h Spitze in dem Flachmann anfühlen, wird rein elektrisch nicht weit kommen. Lange vor Erreichen der Höchstgeschwindigkeit, etwa bei 120 km/h, übernimmt der Diesel den Antriebsjob, weil der Akku sonst schnell schlappmachen würde. Insgesamt kommt man mit dem LX1 nach Angaben von VW etwa 500 Kilometer weit, wobei sich der Elektro- und der Verbrennungsmotor (mit Zehnlitertank) je nach Fahrsituation bei der Arbeit abwechseln oder auch zusammen für Tempo sorgen.

Das Auto ist ein Leuchtturmprojekt. Es gibt einen Ausblick, was mit Leichtbau in Zukunft möglich sein wird. Und es gibt auch einen Rückblick. Einen speziellen. Der Wagen hat anstelle von Außenspiegeln aus aerodynamischen Gründen zwei leichte Kameras in den Flanken, die das Geschehen hinter dem Auto live und gestochen scharf auf zwei postkartengroße Bildschirme links und rechts in die Türflanken übertragen. Nicht nur das. Sobald der Rückwärtsgang eingelegt wird, schalten die Kameras zwecks besserer Sicht sogar auf Weitwinkel um.

Drei Wermutstropfen gibt es: Das harte Fahrwerk, der ratternde Diesel und eine derart straffe Lenkung, dass der normale Muskelschwachmat beim Einparken Krämpfe bekommt. Wäre dies kommoder, könnte man sich am Steuer eines munteren Kleinstwagens mit einer prima Siebengangautomatik wähnen. So kommt das Feeling eines Go-Karts auf - mit Dach.

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