Brachiales Einzelstück

14. November 2012, 07:02 Uhr

Was passiert, wenn man Automobil-Ingenieure von der Leine lässt? Der BMW X5 Le Mans gibt eine beeindruckende Antwort auf diese Frage.

Wenn selbst gestandene DTM-Fahrer sich für einen Platz hinter dem Lenkrad anstellen, muss das Auto etwas Besonderes sein. Wobei Auto für das Corpus Delicti mit dem deutlich verharmlosenden Namen BMW X5 Le Mans alles andere als passend ist. Eher "brutales Geschoss" oder etwas weniger plastisch: "automobile Grenzwertigkeit". Alles andere greift bei einem X5 des Baujahres 2000 mit einem V12-Motor und mehr als 700 PS zu kurz. Das Aggregat ist identisch mit dem Le-Mans-Siegermotor des Jahres 1999, allerdings ohne Luftbegrenzer. Das freie Atmen sorgt für ein paar Extra-Vitamine und das maximale Drehmoment von 720 Newtonmetern liegt bei etwa 5.000 U/min an. Das alles liest sich ja ganz gut, aber die Realität ist noch beeindruckender: Sobald man dem BMW X5 Le Mans freien Auslauf gewährt, dann mutiert das Gefährt mit der biederen Silhouette eines Geländewagens zum wilden Tier, das kaum zu bändigen ist. Dann sind auch die etwas Retro-Stil-Gold-Alufelgen passend.

Sobald man den Schlüssel umdreht, erwachen die zwölf Töpfe zum Leben und schreien grollend ihre Lust am Verbrennen heraus. Diese Absichtserklärung aus Ansaugen und Verbrennen kulminiert auf der Rennstrecke zu so viel Vortrieb, dass selbst Ex-DTM-Champion Martin Tomczyk mit der Kraft zu kämpfen hat. "Also Power hat der mehr als genug", lautet der knappe Kommentar des Rennfahrers. Das ist eine Untertreibung: Der Allradantrieb kommt regelmäßig an seine Grenzen. Beim Herausbeschleunigen aus der NGK-Schikane des Nürburgrings verwandelt sich rund ein Teil des Reifenprofils in Rauch, da alle vier Räder durchdrehen. Da verwundert es nicht, dass in engen Kurven flinkes Spiel mit dem Lenkrad angesagt ist, da der wilde Bayer sonst von der Strecke tanzt.

Die Kombination aus brachialer Kraft und serienmäßigen Allrad-SUV brannte auf der Nordschleife eine Zeit von 7.49,92 Minuten in den legendären Asphalt. Das ist eine Ansage. Mit einem M3 CSL braucht man etwa 7:52 Minuten. Am Steuer des Le Mans X5 war Rennfahrer-Legende Hans-Joachim Stuck, der nach der schnellsten Runde eine Spitzengeschwindigkeit von 309 km/h meldete. "Sobald Du gegen den Begrenzer fährst, ist das so, als wenn Du gegen eine Wand knallst", erzählt BMW M-Technikchef Albert Biermann, der das Auto fahrfertig gemacht hat. Wenn man den Ingenieur so über "sein Baby" sprechen hört, spürt man noch die Begeisterung, die die BMW-Truppe bei diesem Projekt erfasste. Die war auch nötig. Schließlich ist es nicht ganz trivial, ein Handschaltgetriebe im Zusammenspiel mit einem Rennmotor und einem serienmäßigen Allradantrieb standfest zu bekommen. "Das ist ein Prototypengetriebe", erklärt Biermann und weißt gleich auf eine weitere Besonderheit hin: "Das Schwungrad hat einen geschweißten Zahnkranz. Da hat keiner erwartet, dass das so lange hält!"

Hat es. Ursprünglich stand der BMW X5 Le Mans als Concept-Car auf der Genfer Motorshow des Jahres 2000. Das Unikat sollte die Verkäufe des neuen BMW X5 ankurbeln, der kurz zuvor debütiert hatte. Ein Einsatz auf der Rennstrecke war eigentlich nicht vorgesehen, doch dann packte Biermann & Co. der Ehrgeiz. Bei soviel Vortrieb sind natürlich größere und belastungsfähigere Rennbremsen ein Muss. Schließlich müssen zwei Tonnen verzögert werden. Auch das Fahrwerk ist straffer und der X5 Le Mans liegt 30 Millimeter tiefer als die herkömmliche Version. Die Achslastverteilung ist mit 51 (vorne) zu 49 Prozent (hinten) fast perfekt. Natürlich wurden auch die Sitze durch Sportgestühl ersetzt. Ansonsten ist das Gefährt in großen Teilen serienmäßig. Auch die Karosserie. Ein echter Wolf im Schafspelz.

BMW X5 Le Mans
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