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27. Juni 2009, 11:35 Uhr

Traum vom Unfug-Detektor

Wahrheit und Fälschung, Fakten und Fehler liegen im Web nah beieinander. Der "Dispute Finder" verspricht Hilfe. Das Programm sucht widersprechende Fakten und Gegenargumente zu im Web aufgestellten Behauptungen. Für die Zukunft träumen die Macher von einem Unfug-Detektor - für das reale Leben. Von Ralf Sander

Intel, Dispute Finder, Dektektor, Unfug

Der Dispute Finder markiert diskussionswürdige Aussagen und bietet auf Mausklick Gegenargumente© Intel Research Berkeley

Das Web ist vermutlich die größte Anhäufung von Wissen in der Menschheitsgeschichte. Das Web ist mit Sicherheit die größte Anhäufung von Unsinn in der Menschheitsgeschichte. Wahrheit und Fälschung, Fakten und Fehler liegen nur einen Mausklick von einander entfernt. Wenn diesen klaren Trennungen denn überhaupt möglich sind. Häufig verweigert unsere Welt sich auch den Kategorien wahr oder unwahr, richtig oder falsch. Differenzierte Sichtweisen sind notwendig, die man sich erst mühsam aneignen muss.

Zumindest im Web kann Rob Ennals bei der Suche nach unterschiedlichen Perspektiven helfen. Der US-Amerikaner und sein Team arbeiten bei Intel Research Berkeley, einer Forschungseinrichtung, die von dem Chiphersteller gemeinsam mit der Universität von Kalifornien betrieben wird. Ihr Projekt "Dispute Finder" soll dem Websurfer helfen, diskussionswürdige Behauptungen und falsche Fakten leichter zu erkennen. "Allein im Bereich der Wissenschaften gibt es viele falsche Informationen im Netz", erklärt Ennals im Gespräch mit stern.de. "Häufig ist nur schwer zu erkennen, welche Aussagen gemeinhin als korrekt angesehen werden und welche stark umstritten sind." Hierbei soll der Dispute Finder Aufklärungsarbeit leisten. "Das Programm zeigt die andere Seite einer Geschichte auf", sagt der Computerwissenschaftler. Welche Schlussfolgerungen der Leser aus seinem differenzierten Bild zieht, bleibe diesem allein überlassen.

Die Software funktioniert so: Während der Nutzer im Web surft, untersucht der Dispute Finder die Texte der aufgerufenen Internetseite und gleicht sie mit seiner Datenbank ab. Findet das Programm Aussagen, die ihm als umstritten bekannt sind, wird die entsprechende Textstelle markiert. Per Mausklick lässt sich ein Fenster öffnen, das die Pro- und Contra-Argumente oder zusätzliche Fakten mit dazugehöriger Quellenangabe präsentiert. Die Aussagen sind danach sortiert, ob sie der markierten Textstelle widersprechen oder sie unterstützen. Ein Beispiel: Auf einer Webseite zum Klimawandel wird behauptet, die globale Erwärmung sei eine Lüge. Der Dispute Finder färbt die entsprechende Passage rot, weil er einen Eintrag zum Thema gefunden hat. Ein Mausklick fördert als Gegenargumente Textauszüge der US-Umweltschutzbehörde EPA und aus der Wikipedia zutage, komplett mit Verlinkung. Weil das Tool an sich neutral ist, gibt es auch eine Kategorie für Belege, die die umstrittene Aussage unterstützen.

Der User muss mithelfen

Woher bezieht der Dispute Finder sein Wissen? Die Programmierer mussten eine Technik entwickeln, die feststellt, ob ein Text dasselbe Thema wie ein anderer hat. Dabei kommt es auch auf Details an. Schließlich gibt es einen Unterschied zwischen den Aussagen "Der Klimawandel ist eine Lüge" und "Der Klimawandel ist nicht vom Menschen gemacht." Bei diesem Algorithmus gebe es noch viel zu tun, sagt Ennals.

Die Inhalte kommen in Web-2.0-Manier von den Nutzern selbst. Jeder hat die Möglichkeit, umstrittene Aussagen in Texten zu kennzeichnen und mit unterstützenden oder widersprechenden Verweisen zu versehen. Damit es nicht zu leicht ist, Unfug zu treiben, muss sich jeder kostenlos registrieren, der diskussionswürdige Behauptungen melden will. Ansonsten wird auf die Selbstreinigungskräfte der Community gesetzt: Im Ergebnisfenster kann jeder bewerten, welche Quelle er für am seriösesten hält. Der Beitrag mit der besten Bewertung wird an erster Stelle angezeigt. Ennals sagt, es gebe viele Möglichkeiten im Web, Fakten zu checken und alternative Sichtweisen zu begutachten. Doch der Aufwand sei sehr hoch. "Uns geht es nicht darum, die Wahrheit zu zeigen. Wir wollen dem User nur schnell und einfach darauf hinweisen, wenn es nötig sein könnte, sich umfassender zu informieren."

Seit wenigen Tagen gibt es den Dispute Finder als kostenloses Add-on für für den Firefox. Die Browser-Erweiterung befindet sich noch in einer frühen Beta-Phase und ist als "experimentell" eingestuft. Sie wurde also nicht von den Firefox-Machern geprüft und kann möglicherweise Probleme verursachen. Außerdem funktioniert das Programm zurzeit nur auf Englisch. Aufgrund der zwar wachsenden, aber noch geringen Anzahl an eingetragenen Themen, ist der Nutzen des Depute Finders noch begrenzt. Für einen ersten Eindruck eines weiteren digitalisierten Aspekts unseres Leben ist die Software aber schon gut.

Dispute Finder ist nur der Anfang

Obwohl der Dispute Finder fürs Web noch längst nicht fertig ist, hat Ennals schon konkrete Ideen, wohin seine Entwicklung irgendwann einmal führen soll. Die automatische Analyse von Online-Nachrichten bereits kurz nach ihrer Veröffentlichung sei als nächster Schritt vorstellbar. Später könnte man sich auch das Fernsehen vornehmen, so Ennals. Als Datenquelle würden zunächst die Untertitel für Gehörlose genutzt werden. Seine Pläne reichen aber noch weiter in der Zukunft: Irgendwann sollen Handy oder andere mobile Geräte gesprochene Worte sofort analysieren und die entsprechenden Gegenthesen liefern können. "Mein Traum wäre eine Art 'Bullshit-Detektor' für die Hosentasche", sagt Ennals - und grinst spitzbübisch.

Von Ralf Sander
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
Eisenbaer (28.06.2009, 11:43 Uhr)
Das Ganze macht nur dann Sinn...
...wenn im Internet wirklich mehr Realität einzieht. Bauen aber die Phantasten ihre Position aus - eben weil sie mehr zu gewinnen haben, als die Realisten oder weil es vielen "Spaß macht" - dann könnte so ein "Dispute Finder" durchaus kontraproduktiv arbeiten.
iovialis (27.06.2009, 19:35 Uhr)
Semantic Web
Der Artikel zeigt in die Richtung von Web 3.0 - dem Semantischen Web. So langsam wird dieses Internet selbst "intelligent".
Das Faulheitsstreben des Menschen ist unermäßlich, denn statt selbst denken zu müssen, überläßt man es nun den Maschinen. Vielleicht ist es auch die Angst der Fehlbarkeit, die man absolut kausal handelnden Maschinen nicht zutraut.
Wenn das denn die einzige Entwicklung wäre: Das "Internet der Dinge" ist eine weitere Entwicklung, mit der wir in Zukunft wohl leben müssen. Gut, daß uns wenigstens eine Arbeit nie ausgeht: Die Arbeit am Menschen durch zwischenmenschliche Beziehungen.
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