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4. Juli 2006, 16:55 Uhr

Ein Spiel, ein Leben

Ralph Baer war Deutscher - bis er vor den Nazis flüchten musste. Jetzt besucht der Erfinder der Spielkonsole zum ersten Mal seine alte Heimat Von Sven Stillich

Ralph Baer mit seinen größten Erfindungen: auf dem Schoß "Senso", zu seinen Füßen eine Originalpackung der Videospielkonsole "Odyssey"© Don Himsel

Ralph Baer ist ein kleiner, aufrechter alter Herr mit großer Brille. Er ist Erfinder. Er hat vor Jahrzehnten das erfunden, was heute Playstation heißt, Xbox oder Gamecube: die Spielkonsole. Wenn er von seinem Leben erzählt, dann funkeln seine Augen oft, als halte sich in ihm ein kleiner Junge versteckt - der Bub aus Pirmasens, der schon in den zwanziger Jahren wissen wollte, wie die Welt funktioniert. Doch immer wieder fällt aus der Erzählung heraus ein Schatten auf ihn, der ihn fast verschluckt: Mit 14 Jahren haben sie ihn 1936 aus der Schule geworfen, weil er Jude war. Dann die Flucht mit seinen Eltern, nur Monate bevor in Deutschland Schaufenster und Leben in Scherben fielen. Der Verlust seiner Heimat. Das ganze Leben ein Kampf, auch in der neuen Welt: Amerika. Müde wirkt er und hartschalig, bis ihn die Erinnerung an glücklichere Zeiten sein verschmitztes Lächeln wieder finden lässt. 84 Jahre ist Ralph Baer heute alt, es ist sein erster Besuch in Deutschland seit 1938.

Jetzt sitzt er auf einem Holzstuhl im Computerspielemuseum in Berlin. Er passt gut hierher: Es ist ein Ort, den es ohne ihn nicht geben würde. Und ein Ort, der seit Jahren um Räume kämpft für eine ständige Ausstellung - so wie Ralph Baer viele lange Jahre um seinen Platz in den Geschichtsbüchern ringen musste.

Ein Heureka auf vier Seiten

Diese Geschichte beginnt im August 1966. Krieg, Hitler und Ralph Baers Zeit in der US-Armee sind lange vorbei. Er hat ein Technikerdiplom gemacht und ist jetzt leitender Ingenieur bei Sanders, einer Rüstungsfirma, Chef von 500 Angestellten. Baer hat Geräte erfunden, mit denen die Amerikaner in Berlin die Sowjets abhören, und ein Radarsystem, mit dem man U-Boote aufspüren kann. Bald schon soll er die Raketentechnik mitentwickeln, die Neil Armstrong zum Mond bringen wird. An diesem Tag im August jedoch sitzt Ralph Baer an einer Bushaltestelle in der New Yorker East Side und sinniert. "Es gibt 40 Millionen Fernseher in Amerika", denkt er, "und die Leute wollen bestimmt mehr damit anfangen, als drei Programme und Werbung zu schauen." Ein paar Minuten später hat er die Idee seines Lebens: Spiele! Miteinander. Und gegeneinander. Auf dem Fernseher, mit der ganzen Familie. Das ist es. Auf vier Seiten skizziert er seine Idee einer Vidospielkonsole, sogar einige Spiele denkt er sich dafür aus. "Das war mein Heureka", sagt Ralph Baer - und beginnt gleich am nächsten Tag, mit Kollegen bei Sanders das Gerät zu entwickeln.

Auch wenn das Erfinden von Spielzeug nicht wirklich zum Arbeitsfeld in einer Rüstungsfirma zählt: Baers Boss ist angetan und lässt sie machen. Es dauert trotzdem mehr als ein Jahr, bis etwas entstanden ist, dass sich vorzeigen lässt: ein Prototyp, "Brown Box" genannt, mit dem man gegeneinander auf dem Fernseher Pingpong spielen kann. "Da wussten wir, dass wir etwas in der Hand haben", sagt Baer, und er lächelt dabei. Schnell meldet er ein US-Patent an für die Konsole. Nun muss er nur noch jemanden finden, der das Gerät bauen und in die Regale stellen will. Niemand bei der Rüstungsfirma hat damit jedoch Erfahrung. Und so wird es 1972, bis die Firma Magnavox seine Konsole endlich herausbringt - unter dem Namen "Odyssey". In den kommenden drei Jahren werden 350.000 Stück verkauft. Ralph Baer ist nun über 50 Jahre alt.

Plötzlich steht ein anderer im Rampenlicht

Jetzt könnte die Geschichte wie ein Märchen glücklich zu Ende sein: Ein Ingenieur hatte eine geniale Idee. Er patentiert sie, das Produkt ist erfolgreich - er ist der "Vater der Videospielkonsole". Doch Ralph Baers Kampf um Anerkennung fängt 1972 gerade erst an. Denn plötzlich ist da ein anderer, ein Jüngerer. Nolan Bushnell heißt er. Er hält sein Gesicht in jede Fernsehkamera und behauptet, er habe die Videospiele erfunden. Er sagt es immer wieder, über Jahre hinweg, und je öfter er es sagt, desto größer wird er.

Im Web RalphBaer.com: Baers Homepage bietet Einblicke in sein Schaffen, zum Beispiel das handschriftliche Konzept für die "Odyssey"-Konsole.

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