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29. Dezember 2010, 18:47 Uhr

Knappheit made in China

Alarm in der Hightech-Branche: China drosselt den Export Seltener Erden stärker als erwartet. Die Rohstoffe stecken in fast allen IT-Geräten - Handy und PC könnten deutlich teurer werden. Von Gerd Blank

Seltene Erden, Lanthan, Cerium, Praseodym, Neodym, Promethium, Samarium, Europium, Gadolinium, Terbium, Dysprosium, Holmium, Erbium, Thulium, Ytterbium, Lutetium, Scandium und Yttrium. 192018

Ein Arbeiter schmilzt Seltene Erden in einem chinesischen Werk© David Gray/Reuters

Viele Jahre wurden in der Mountain Pass Mine, einem Bergwerk in Kaliforniens Mojave-Wüste, Seltene Erden gefördert. Der Rohstoff ist so etwas wie das Lebenselixier der Hightech-Branche. Es handelt es sich um eine Gruppe von 17 Metallen, die meist am selben Standort vorkommen und unverzichtbar sind für die Herstellung von Computern und Monitoren, DVD-Spielern, leistungsstarken Akkus, Hybrid-Autos, Halbleitern, Rüstungsgütern und Windturbinen. Man braucht sie im Prinzip überall dort, wo Computerchips eingebaut werden. Die Mine schloss 2002 ihre Pforten. Nicht, weil das Vorkommen der Seltenen Erden erschöpft war, sondern weil China sie viel günstiger fördern konnte. Die Preise für den begehrten Rohstoff brachen ein, eine eigene Förderung in den USA lohnte nicht mehr, und der Weltmarkt wurde vollends abhängig von China. Doch damit soll es bald vorbei sein - und die Mine in der Mojave-Wüste erlebt wohl ein Comeback.

Grund des Schwenks ist ein Strategieschwenk Chinas, der die Hightech-Branche beunruhigt. Rund 97 Prozent der weltweit geförderten Menge, 120.000 Tonnen pro Jahr, stammen inzwischen aus China. Auf Platz zwei der Forderstaaten liegt Indien mit vergleichsweise läppischen 2700 Tonnen. Doch das Regime in Peking setzt auf künstliche Verknappung: Seit 2005 senkt China die Exporte kontinuierlich, in der zweiten Jahreshälfte 2010 wollten die chinesische Regierung nur noch 8000 Tonnen ausführen. Für 2011 kündigt China weitere Einschnitte an. Am Dienstag war der Westen noch von zehn Prozent ausgegangen, am Mittwoch kaum raus, dass die Exporte faktisch gar um ein Drittel gedrosselt werden sollen. Das könnten die Verbraucher bald zu spüren bekommen - durch steigende Preisen für Handy, Computer oder Spielkonsole.

So konstatiert ein Sprecher des IT-Bundesverbandes Bitkom: "Die künstliche Verknappung kann zu deutlichen Preiserhöhungen und Lieferengpässen führen." Der Grund für die Rohstoffbremse liegt auf der Hand. China ist zum wichtigsten Hersteller von Unterhaltungselektronik avanciert. Ob Apple oder Intel: Die wichtigsten IT-Unternehmen lassen in China produzieren, schließlich sind die Produktionskosten dort gering. Durch eine Ausfuhrverknappung eines wichtigen Elektronikanteils werden Konkurrenten geschwächt, die außerhalb Chinas fertigen. Produkte, die nicht im Reich der Mitte enstehen, werden zwangsläufig teurer.

Die Autobranche sieht die Situation dagegen noch entspannt. Der Stuttgarter Autobauer Daimler erwartet keine Engpässe. "So selten wie man annimmt, sind die Seltenen Erden nicht", sagte eine Sprecherin. Daimler beziehe die in vielen Ländern vorkommenden Metalle von Zulieferern und könne künftig auch Elektromotoren einsetzen, die keine Seltenen Erden benötigten. Auch der Autozulieferer Bosch winkt ab: "Das ist kein großes Thema für uns", sagte ein Sprecher. Noch sei das Zeitalter der Elektromobilität nicht im großen Stil in der Autobranche angebrochen. Die Auswirkungen der gedrosselten Exporte auf die Elektronikindustrie seien größer. Noch im Herbst hatte Bosch-KFZ-Technik-Chef Bernd Bohr hingegen vor Engpässen und der Abhängigkeit von China gewarnt. Bosch benötigt die Seltenen-Erden-Metalle Neodym und Dysprosium für Elektromotoren, Zündspulen und Sensoren, um elektromagnetische Effekte zu erzeugen und nutzen zu können.

Alternativen verzweifelt gesucht

Aber besondes in der Hightech-Branche wächst die Abhängigkeit von China, nach Alternativen wird händeringend gesucht. Auch die Bitkom wünscht sich von der Politik mehr Unterstützung. So fordert der Interessenverband eine gesetzliche Recycling-Lösung für Alt-Elektronik, Hilfestellung bei der Erforschung von Rohstoffalternativen und Länder-Partnerschaften mit Rohstofflieferanten.

USA, die EU und Japan hatten bereits ihr Unbehagen über die ausbleibenden chinesischen Exporte der Seltenen Erden ausgedrückt. "Aber bis heute ist China nicht willens, seine Politik zu ändern", heißt es in dem jährlichen Handelsbericht an den US-Kongress. Die USA würden "energische Auseinandersetzungen mit China über dieses Thema führen." Dazu gehöre zur Not auch, den Konflikt vor die WTO zu bringen. China begründet die Ausfuhrbeschränkungen mit dem Umweltschutz und der Konsolidierung seiner Rohstoff-Industrie.

Allerdings ist nicht nur die Politik gefordert. Länder mit eigenem Vorkommen an Seltenen Erden planen den Abbau des wertvollen Rohstoffes. So steigt Australien in die Förderung ein, und in den USA will Molycorp den Betrieb der stillgelegten Mountain Pass Mine wieder aufnehmen. Ende 2012 sollen die Vorbereitungen dafür abgeschlossen sein und die Förderung beginnen. Trotz Kritik und Zweifel an einem wirtschaftlichen Betrieb des Bergwerks versetzt das Vorhaben die Anleger in Verzückung, die Molycorp-Aktie befindet sich im Höhenflug.

Doch bis die Förderung Seltener Erden außerhalb Chinas auf Touren kommt, muss die Hightech-Industrie mit den Mengen vorlieb nehmen, die China übrig lässt - mit den Brotkrumen "Made in China".

Seltene Erden Bei den Seltenen Erden handelt sich um eine Gruppe von 17 Elementen: Lanthan, Cerium, Praseodym, Neodym, Promethium, Samarium, Europium, Gadolinium, Terbium, Dysprosium, Holmium, Erbium, Thulium, Ytterbium, Lutetium, Scandium und Yttrium.

mit Reuters
 
 
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