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Der Wurm von der Wümme

Wochenlang terrorisiert ein unauffälliger Teenager aus Niedersachsen Millionen Internetnutzer mit seinen PC-Würmern Netsky und Sasser. Dann wird er von einem Freund verraten. Dem stern hat Sven J. exklusiv seine Geschichte erzählt.

Noch ein paar Anschläge, dann ist er endlich fertig. Kein Licht fällt durch das Kellerfenster in das Zimmer von Sven J., es ist spät geworden an diesem 14. Februar. Draußen schläft das idyllische Waffensen, ein Ortsteil von Rotenburg an der Wümme, drinnen strahlt hell ein Bildschirm: "Netsky", wie sie ihn nennen werden, hat das Licht der Welt erblickt - ein Computerwurm, der sich in den nächsten Monaten verbreiten wird. Von Waffensen nach Washington bis Wellington.

Kaum ein PC, den "Netsky" verschont. Er treibt - wie seine Vorgänger von "I love you" bis "Sobig" - Millionen Menschen in den Wahnsinn und vernichtet in Firmen wertvolle Arbeitszeit. Im vergangenen Jahr richteten digitale Schädlinge 55 Milliarden Dollar Schaden an, schätzt die Antivirus-Firma Trend Micro. "2004 wird schlimmer", sagt Mikko Hyppönen von F-Secure. Das US-Verteidigungsministerium befürchtet, ein "perfekter Wurm" könnte die amerikanische Wirtschaft auf einen Schlag 50 Milliarden Dollar kosten. Im Mai zählte das Unternehmen Sophos 959 neue Viren und Würmer - so viele wie seit Jahren nicht. Und längst stecken nicht mehr nur talentierte Teenager hinter dem Ungeziefer. Kriminelle übernehmen das Feld. Kaum einer der Virenautoren wurde erwischt. Auch der unscheinbare Junge, der von Niedersachsen aus die Welt verunsicherte, dachte lange, er könnte sich hinter seinem Wurm verstecken.

Sven genießt die Einsamkeit

Sven J. hat mit Würmern zu tun, seit er 13 Jahre alt war - da hat er seinen Angelschein gemacht. Auch mit 17 angelt er noch. Am liebsten nachts, Sven genießt das Warten und die Einsamkeit. Er besucht die Berufsfachschule für Informatik in Rotenburg; für Computer-Würmer beginnt er sich aber erst im Januar zu interessieren, als ein Wurm namens "Mydoom" die Website von Firmen lahm legen will. Sven J. hat das fasziniert: Da war ein Programm, das sich von selbst vervielfältigte und dessen Namen jeder kannte. Wäre es nicht eine tolle Idee, fragte er einen Freund, etwas zu basteln, das sich schneller verbreitet und "Mydoom" von infizierten PCs löscht? Einen Anti-Wurm? Der Kumpel fand das gut. "Er wollte sogar mitmachen", sagt Sven, "aber das war ihm zu schwer." Drei Monate später wird ihn dieser Kumpel für 250.000 Dollar an Microsoft verraten.

Sven ist schüchtern. Reden ist seine Sache nicht. Er hat nur wenige Freunde, geht ungern auf Partys, trinkt keinen Alkohol. Nur Fußball spielt er, im Sturm oder in der Abwehr, was gerade gebraucht wird. Über den Wurm aber hat er geredet - und nicht nur mit der Hand voll Kumpels in der Schule. Bald wusste jeder in der Klasse, dass Sven an einem Computerwurm sitzt. Die Geschwister waren eingeweiht, nur die Eltern hatten keine Ahnung. Die es wussten, fanden die Idee gut. "Die haben mir sogar gesagt", erinnert Sven sich, "dass ich etwas hinzufügen soll, das Schaden macht. Aber das wollte ich nie." Ihm reicht der Wurm selbst. Er will besser sein als andere Virenprogrammierer. Nicht böser.

Der Stiefvater saß ein Zimmer weiter

Bis zu zehn Stunden am Tag saß er vor dem PC, trank Selters, schaute MTV und Viva und hörte Filmmusik. An einer Zimmerwand ein Poster des Computerspiels "Worms". Neben ihm im Keller, nur durch eine Holzwand getrennt, saß sein Stiefvater am Computer und arbeitete für die Firma "PC Help", die der Mutter gehört. Er erstellt Prospekte und hilft bei PC-Problemen.

Nebenan gibt es keine. Nach drei Wochen ist "Netsky" fertig. Über 2000 Befehlszeilen hat Sven J. geschrieben, die dem Programm sagen, was es wann wie tun soll. Der Quellcode, die Befehlskette. Jetzt fühlt er sich, "als hätte ich in einer Arbeit eine Eins geschrieben". Einen Namen hat er nicht für den Wurm, aber den braucht er auch nicht: Seinen Namen bekommt das Ungeziefer meist von der Antivirus-Firma, die ein Exemplar zuerst entdeckt.

Die Freunde "helfen" beim Verschicken

Die Kugel hat er, nun fehlt ihm nur noch die Kanone - nichts ahnende Internetnutzer, die den Wurm als Erste bekommen sollen, um unfreiwillig Hunderttausende damit zu bombardieren. Noch am Abend des 14. Februar beginnt Sven J., E-Mail-Adressen aus dem Netz zu fischen, an die er den Wurm versenden will. Bereits nach einer Stunde hat er Tausende zusammen; wer auf dieser Liste steht, ist Zufall. Seine Freunde helfen ihm, den Wurm zu starten - der Schädling durchsucht ihre Festplatten, findet die gekaperten E-Mail-Adressen und verschickt sich an jede einzelne weiter, so wie er es danach bei jedem Nutzer tun wird, der ihn öffnet. So sei es gewesen, sagt Sven. Am Montag darauf, als sich die ganze Klasse mit ihm freut, wird sein Wurm von Antiviren-Firmen entdeckt. Sie nennen ihn "Netsky". "Ein schöner Name", denkt Sven.

Noch ist ihm nicht klar, was er da losgetreten hat. In den folgenden Wochen wird "Netsky" Millionen E-Mail-Nutzer nerven und das Internet mit überflüssigen Mails verstopfen. Er ist wie ein Graffiti-Sprayer mit dem Ehrgeiz, alle Züge der Welt mit seinen Tags zu schmücken. Immer schneller legt Sven nach: 29 Varianten schreibt er bis April, die sich immer besser verbreiten sollen. Er feilt an den Texten, mit denen er seine Opfer verführt, den als Datei an Mails angehängten Wurm zu öffnen. "Du bist nackt auf diesem Bild", steht da, oder, noch perfider: "Sie sind infiziert. Lesen Sie die Details."

"Einmal habe ich fünf Varianten in einer Woche geschrieben", sagt Sven, "ich habe nichts anderes mehr gemacht." Es ist Frühling, vor dem Haus in Waffensen grasen Kühe und Pferde, Vögel zwitschern - er sitzt im Keller und macht Würmer.

Endlich Anerkennung

Bis April entstehen so viele Versionen - Netsky.G, Netsky.H, .I, .J, .K -, dass den Antiviren-Firmen die Buchstaben ausgehen. Die "Netsky"-Familie entfernt von infizierten PCs nun neben "Mydoom" auch den Wurm "Bagle". "Netsky" ist nicht zu stoppen, allein die Zentralen Server des Bundesbehördennetzes bekommen rund 2,5 Millionen E-Mails, die mit Svens Wurm verseucht sind. "Wie sich Netsky verbreitet hat, war toll", sagt er, "und meine Klasse fand mich toll." Endlich Anerkennung. Sven fühlt sich gut.

Besonders am 3. März. Er chattet gerade mit seinen Kumpels, da sieht er in der ARD, wie das Nachtmagazin über "Netsky" berichtet. Sein Wurm im Fernsehen! "Das war cool", sagt Sven heute - aber er sagt es, als sei das die gute alte Zeit gewesen, in der er sich sicher gefühlt hat, "als ich nur manchmal nachts wach geworden bin und dachte, das könnte Stress geben". Aber das ging vorbei. Schließlich konnten selbst die Antiviren-Experten nur raten, woher "Netsky" stammt und wer dahinter steckt. Aus Russland müsse er sein, glauben sie, eine kriminelle Vereinigung könnte dafür verantwortlich sein - und das alles, weil Sven mit Nachrichten im "Netsky"-Code den Eindruck erweckt haben will, die Programmierer seien Russen und Osteuropäer. "Wir haben uns kaputtgelacht", grinst er. Hat er sich überlegen gefühlt? "Nein, wir haben das sportlich gesehen." Die in der Abwehr, er im Sturm.

Aufregende Zeiten nicht nur für Sven J., sondern auch für die Szene der Virenprogrammierer. Denn natürlich ist er nicht der Einzige, der Viren erschafft - schließlich ist das nicht strafbar. Sven behauptet, niemanden aus der Szene zu kennen, er sei aber ein typischer Vertreter: Er ist jung, männlich, hatte früh Interesse an Computern. Da aber enden die Gemeinsamkeiten. Denn er hat etwas getan, was die meisten "VXer", wie sie sich nennen, nicht tun würden: Er hat "Netsky" in freier Wildbahn ausgesetzt. Würden alle Autoren ihre Viren von der Leine lassen, wäre das Netz bald nicht mehr zu gebrauchen.

Im Virus steckt die Persönlichkeit des Autors

Die Gemeinschaft der "VXer" gleicht der Hacker-Szene: Einige basteln alleine, andere sind in Gruppen organisiert. Man trifft sich in Foren oder in Chats. Beliebt ist, wer anderen hilft, anerkannt wird, wer gute Ideen hat und sie umsetzen kann. Und berühmt ist, wer Außerordentliches leistet. "Sehr gute Autoren, die Neues erfinden, gibt es weltweit nicht einmal 50", sagt "VirusBuster", 30, Gründer der Gruppe "29A". Er sammelt und tauscht zwar Viren - 70.000 tummeln sich auf seiner Festplatte -, aber um deren Schadenspotenzial geht es ihm nicht. Wie viele andere fesselt ihn der Code dahinter: "Faszinierend ist nicht das Virus, sondern sein Programm. Das bewundere ich." Das gilt auch für "p0ke" aus Schweden: "Ich sehe darin die Persönlichkeit des Autors", sagt er, "wie im Buch eines Schriftstellers."

Es geht um Schönheit in Befehlszeilen, nicht um Verbreitung: Das erklärt, weshalb es laut Mikko Hyppönen zwar 90.000 Viren und Würmer gibt, aber nur rund 400 davon durchs Internet schwirren. "Wir schicken unsere Werke sogar selbst an Antivirus-Firmen", sagt "Retro", 20, aus England - damit die ein Gegenmittel entwickeln können und dem Werk einen Namen geben. Für ihn ist ein Virus "wie ein Geschöpf, das ich erschaffen habe". "Wie ein Kind, dem ich sage, was es zu tun oder zu lassen hat", fügt "Necronomikon", 21, aus Niedersachsen hinzu. Seit fünf Jahren schreibt er Viren, freigesetzt hat er noch keine. "Die Leute haben mir doch nichts getan", sagt er. "Ich möchte niemandem Schaden zufügen."

Das machen dann andere. Wer lernen will, wie man Viren schreibt, findet Tipps auf vielen Websites - sogar Programme, die Viren erstellen, oder fertige Virenskripte, an denen man sich prächtig fortbilden kann, die aber auch jeder Halblaie herunterladen und leicht abgeändert auf die Reise schicken könnte. Solche Leute gelten in der Szene als "Script-Kiddies" und stehen auf der niedrigsten Stufe der "VXer"-Hierarchie. Auch die Würmer von Sven hätte es nie gegeben ohne diese Sites.

Mangel an sozialer Ethik?

Für Vincent Weafer von Symantec steht fest, "dass es diesen Virenautoren an sozialer Ethik fehlt", und auch Gernot Hacker von Sophos ärgert sich: "Den Code eines Virus im Netz zu veröffentlichen ist unverantwortlich. Das ist, als würde man einem Kind einen Schraubenzieher geben und ihm sagen: Guck mal, damit kannst du Autos zerkratzen." Diesen Vorwurf weisen die "VXer" zurück: "Ich bin nicht verantwortlich für Idioten, die meine Arbeit missbrauchen", sagt "Benny", ein ehemaliger Autor der Gruppe "29A". "Retro" allerdings gibt zu, dass "Script-Kiddies die Drecksarbeit für die Autoren machen".

Am 29. April feiert Sven J. seinen 18. Geburtstag, das Kapitel "Netsky" ist für ihn inzwischen fast beendet. Nach der Schule geht er wieder in den Keller, es ist Zeit für den nächsten Schritt: Seit einem Monat schon bastelt er an einem neuen Wurm, der eine Sicherheitslücke in Microsofts Windows ausnutzen soll, um PCs zu infizieren. Dieses Mal wissen das nur die engen Freunde aus seiner Klasse. Was ihm fehlt, ist ein Schnipsel Code, der es ihm ermöglicht, in fremde PCs einzudringen. Den hat er jetzt im Netz gefunden. Er baut ihn ein, und am nächsten Tag macht er den teuersten Doppelklick seines Lebens - der Wurm, der "Sasser" heißen wird, legt los.

Microsoft wusste, dass so etwas passieren würde. Und hatte seinen Kunden geraten, die Lücke so schnell wie möglich zu schließen. Viele Firmen und Privatleute ignorierten die Gefahr. "'Sasser' sollte ein Warnschuss sein", behauptet Sven J. heute, "die Leute sollten sehen, dass ihre PCs unsicher sind." Doch die erste "Sasser"-Version verpufft, der Wurm verbreitet sich nicht. Noch dazu macht er Probleme: Er startet die infizierten Rechner neu, das sollte er eigentlich nicht. Sven schreibt schnell drei weitere Varianten - das Problem bleibt, doch zumindest pflanzen die neuen Würmer sich fort. Es ist Sonntag, morgen ist wieder Informatik-Schule. Mal sehen, was die Kumpels zu "Sasser" sagen.

Sie sagen dasselbe wie alle Nachrichten in den nächsten Tagen: dass sein Wurm überall auf der Welt Schaden anrichtet. Dass Delta Airlines Flugzeuge auf den Boden holen muss, dass Banken genauso betroffen sind wie die Britische Küstenwache. Die Deutsche Bahn soll in letzter Sekunde verhindert haben, dass "Sasser" in ihr System eindringt, in Australien werden Züge angehalten, Tausende von Reisenden stranden. Das ist kein Spaß mehr. Er gerät in Panik. Er weiß, dass der fremde Code, den er in den Wurm eingebaut hat, fehlerhaft ist. Dieser Fehler lässt die PCs herunterfahren. Sven weiß auch, dass er "Sasser" nicht mehr stoppen kann. Am Mittwoch, dem 5. Mai, schreibt er eine letzte Variante. Die blendet ein Fenster ein mit der Bitte, die Sicherheitslücke im System zu stopfen. Am selben Tag gibt Microsoft bekannt, 250.000 Dollar für Hinweise auf Virenprogrammierer zu zahlen.

Was hat der Autor vor?

Die Experten der Antivirus-Firmen diskutieren, was der Autor mit "Sasser" vorhat. Und warum löscht "Netsky" den Wurm "Bagle" von PCs, die er befällt? Die Autoren von "Bagle" und "Netsky" beharken sich in versteckten Nachrichten: "Ruiniert unser Geschäft nicht", steht in "Bagle", "wollt ihr Krieg?" Ein Krieg zwischen Virenautoren? Die Köpfe rauchen. "Und die ganze Zeit sitzt in Niedersachsen ein Junge und klebt jeden Zeitungsbericht über seinen Wurm in ein Album ein", sagt Raimund Genes, Europachef der Antiviren-Firma Trend Micro.

Es gibt Grund zur Unruhe: "Angriffe auf Sicherheitslücken gab es früher ein halbes Jahr, nachdem sie bekannt wurden", sagt Gernot Hacker, "heute vergehen nur einige Wochen." Was die "Bagle"-Autoren mit "Geschäft" meinen, ist den Experten bekannt: Es gibt spezielle Viren, die PCs kidnappen, um darüber Spam zu verschicken - Werbe-E-Mails oder, wie in der vergangenen Woche in Deutschland geschehen, rechtsextreme Propaganda. Der ferngesteuerte Rechner versendet diese Mails, ohne dass es der Besitzer merkt und ohne dass jemand die wirklichen Absender finden und die Flut stoppen könnte. Die Hintermänner bleiben anonym, es kostet sie nichts, und - was für ihr Geschäft am wichtigsten ist - ihre Angebote, etwa Penisverlängerungen oder Viagra (das es meist gar nicht gibt), werden seltener von Spam-Filtern aussortiert, weil sie von unverdächtigen Computern stammen. Das lohnt sich: Experten schätzen, dass eine Million Spam-Mails den Versendern bis zu 10.000 Euro einbringen.

Solche infizierten Rechner werden auch dazu missbraucht, E-Mails zu versenden, die vorgeben, von Banken oder Internetunternehmen wie Ebay oder Paypal zu stammen. In der recht vertrauenswürdig daherkommenden E-Mail wird der Empfänger gebeten, seine Kreditkartennummer oder das Passwort seines Online-Kontos auf einer Webseite neu einzugeben. Diese Seite ist gefälscht, die Daten wandern in die Hände von Kriminellen. Diese Art des Betrugs heißt "Phishing" und nimmt derzeit in den USA rasant zu: Seit Dezember 2003 verdoppelt sich die Zahl der Attacken monatlich, im April waren es fast dreimal so viele wie im März. "Bei einem einzigen Angriff im Frühjahr wurden acht Millionen E-Mails versandt", sagt Dan Maier von der "Anti-Phishing Working Group", "das bringt bis zu 20.000 persönliche Daten bei einem Versuch."

"Armeen solcher Rechner mit durch Viren geöffneten Türen stehen im Netz bereit und warten auf Befehle", sagt Vincent Weafer. Und die sind bares Geld wert: Netzwerke von infizierten PCs werden auf dem Internet-Schwarzmarkt gehandelt und dazu benutzt, Schutzgeld zu erpressen: "Englische Online-Wettbüros wurden schon von solchen Rechnerverbünden angegriffen", sagt Mikko Hyppönen, "die legen die Site einmal lahm und drohen dann vor einem großen Sportereignis, das noch einmal zu tun - außer es fließt Geld."

Die Mafia lässt sich kein Geschäftsfeld entgehen

Wer steckt dahinter? "Es ist eine Form von Organisierter Kriminalität", schätzt Eugene Kaspersky vom russischen Antiviren-Unternehmen Kaspersky Labs, "die Mafia hat sich nie ein Geschäftsfeld entgehen lassen, das illegal und lukrativ war. Heute beschäftigt sie Virenschreiber für ihre Zwecke." Beweise dafür gibt es keine, doch bei Schutzgelderpressungen führten Spuren zur St. Petersburger Mafia, sagt Raimund Genes von Trend Micro. Auf der Website einer russischen Gruppe, die darauf spezialisiert ist, Viren zu entwickeln, die Kreditkartennummern stehlen, lässt sich das Ausmaß erahnen: "2003 haben unsere Kunden Codes an mehr als 50 Millionen Adressen verschickt, infiziert wurden mehr als 1,5 Millionen PCs weltweit."

Und noch viel mehr ist möglich: An Handy-Viren denkt Hyppönen, "die Telefone befallen und darüber SMS-Spam verschicken". Oder an Viren-Unikate, die speziell für den Angriff auf ein Firmen-Netzwerk geschrieben werden. "Auftragsviren werden für 200 Dollar in Chats verkauft", sagt er. Es gibt neue Würmer, die jeden Tastendruck auf dem infizierten PC weiterschicken - längst ist das Sammeln von privatesten Informationen wichtiger, als die Festplatte des Opfers zu löschen. "Was wäre, wenn ein Virus Ihre geheimste Datei in die Welt hinaussenden würde", fragt Vincent Weafer, "oder Kinderpornografie auf Ihrem PC speichert? Es könnte Ihren Ruf ruinieren - das ist viel schlimmer als ein paar gelöschte Dateien."

So betrachtet, erscheint "Sasser" wie einer der letzten Vertreter einer Generation von Würmern, die aus Geltungsdrang erstellt wurden, nicht für Geld oder finstere Zwecke. Es bedürfte dazu nicht einmal eines besonders erfahrenen Virenautors, wie der "VXer" "VirusBuster" betont, "die Grundzüge lernt man im Informatikstudium. Das kann jeder Programmierer."

Anfang Mai weiß Sven, dass das FBI hinter ihm her ist. Er hat Angst. "Ich habe an andere gedacht, die man erwischt hat", sagt er, "und jedem geschrieben, dass ich keine Würmer mehr machen werde." Am 6. Mai löscht er Teile seiner Festplatte und verschlüsselt die Virenskripte. Dann geht er ins Bett und denkt: "Alles wird gut." Zur selben Zeit sitzt Sascha Hanke, der Datenschutzbeauftragte von Microsoft, im Bremer Hilton Svens Freund gegenüber. Er erfährt Svens Namen. Am nächsten Tag, einem Freitag, ruft er um acht Uhr das Landeskriminalamt Niedersachsen an.

Das LKA schlägt zu

Als Sven J. am frühen Nachmittag aus der Schule kommt, setzt er sich wie immer gleich an den PC. Der Freund war heute nicht in der Klasse. Kurz nach zwei öffnet sein Bruder die Tür zu seinem Zimmer. "Da sind viele Autos draußen", sagt er, und seine Mutter ruft: "Sven, komm doch mal bitte nach oben." Dazu kommt es nicht. Einige Männer in Anzügen kommen herein und beschuldigen ihn der Verbreitung von Computerwürmern. In der Hand hält er plötzlich einen Durchsuchungsbefehl. Darauf steht der Name seines Kumpels. Sven setzt sich zitternd auf sein Bett. "Ich war das nicht", sagt er auf die Frage seines Stiefvaters, was los sei. Dann sagt er eine Viertelstunde gar nichts. Währenddessen durchsuchen neun LKA-Beamte das Haus. Sie bauen PCs ab, stecken CDs ein, machen Fotos, Zettel fliegen auf den blau gemusterten Teppich. Sven weiß, es ist vorbei. "Ja, ich war das", sagt er leise und gibt den Ermittlern das Passwort für seine Viren: "SKINET" - mit "I".

Über drei Stunden wird Sven J. in Rotenburg vernommen. Nicht nur Polizisten verhören ihn, auch der Microsoft-Mann Sascha Hanke ist anwesend, wie schon bei der Verhaftung. Er sitzt bei Sven und erklärt den Beamten am anderen Ende des Raumes technische Zusammenhänge. Und stellt Fragen: Warum Sven das gemacht habe? Ob er alle Varianten von "Netsky" selbst geschrieben habe: "Netsky.A?", "Ja", "B?", "Ja" - alle 29 Versionen fragt er ab. "Eine schreckliche Situation", erinnert sich Sven. Er gibt alles zu. Auch die Namen der Freunde, die ihm geholfen haben, gibt er preis. Um 21 Uhr ist er wieder zu Hause, sein Stiefvater sitzt in der Küche und schweigt, die Mutter weint im Wohnzimmer. Er geht schlafen.

Bis das Verfahren gegen Sven J. eröffnet wird, wird noch viel Wasser die Wümme hinabfließen. Noch wird ermittelt, wie viel Schaden er angerichtet hat. "Wir müssen nachweisen, dass Daten unbrauchbar gemacht oder gelöscht wurden", sagt Helmut Trentmann, Leitender Oberstaatsanwalt in Verden. Bislang hätten sich rund 50 Geschädigte gemeldet, "einige mit beigefügter Rechnung". Eine Großstadt aus Süddeutschland ist dabei.

Er trifft jeden Tag den Freund, der ihn verraten hat

Sven geht wieder in die Schule und trifft dort jeden Tag auf den Freund, der ihn verraten hat. Keiner blickt dem andern in die Augen. "Was soll ich schon machen", sagt Sven, "zusammenschlagen werde ich ihn bestimmt nicht." Im Unterricht sitzen sie Rücken an Rücken.

"Ich habe Angst, dass mein Leben im Eimer ist", sagt Sven, "wie soll ich denn alles zahlen, wenn viele Klagen kommen? Ich kann mich doch nur bei allen entschuldigen." Er sucht eine Lehrstelle in der Computerbranche. Gern bei einer Firma für Sicherheits-Software - das interessiert ihn. Und was wünscht er sich? "Ich hoffe, irgendwann ein ganz normales Leben führen zu können."

Sven Stillich Mitarbeit: Dirk Liedtke/print

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