. .
Online-Neuigkeiten und Internet-Trends
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
19. März 2010, 20:00 Uhr

Wir Facebook-Schauspieler

Wir entwickeln eine Demoversion von uns selbst

Daumen hoch für solche, die spannend sind, interessant, süß, lustig, abgedreht, schlau, cool, verrückt - wie auch immer, Hauptsache kurzweilig, einprägsam und kohärent. Wie es euch gefällt - ist die Weisung der Stunde. Dabei entfernen wir uns von dem, was uns außergewöhnlich macht, und posten stattdessen nur das, was unmissverständlich ist. Werbung statt Wahrheit.

Wie ein Marketingstratege, der für seine Auftraggeber eine Corporate Identity, eine Unternehmensidentität, aus Briefkopf, Werbejingle und Konzernduft erschafft, entwickeln wir ein Image von uns selbst, eine Demoversion. Der eine präsentiert sich als Abenteurer und postet nur noch Fotos in Badehose zwischen Steinklippe und Meeresoberfläche, die andere inszeniert sich als Partyqueen und teilt mit uns jeden Morgen ihre bewegten Nächte, der Dritte lädt ständig Fotos seiner angerichteten Speisen hoch. Sechs Mal Daumen hoch für einen Beitrag über einen selbst gemachten Schmorbraten, und schon hat eine Konditionierung stattgefunden. Merke: "Irgendwas übers Kochen schreibe ich mal wieder." So posten wir nur noch Sachen, von denen wir wissen, dass man sie leicht konsumieren kann, und die zu der erdachten Version von uns passen. Aber selbst die wählen wir nicht selbstbestimmt.

In einem populären Netzwerk wie Facebook kommen Freunde und Bekannte aus vielen verschiedenen Kontexten zusammen: Exfreund und Verlobter, Chef und Traumchef, Freundin und Feindin, Mutti und One-Night-Stand, Partyfreunde und Vermieter - alle in einem virtuellen Raum. Und genau dieser Umstand hindert uns daran zu tun, was man üblicherweise von Menschen im Internet erwartet: mit Identität zu experimentieren. Alles, was Missfallen hervorrufen könnte, sortieren wir aus: Faulpelz, Säufer, Lästermaul, Aggressor, Heulsuse und viele andere. Übrig bleiben nur ein paar gängige Hochglanzcharaktere - aus deren Pool können wir uns einen aussuchen.

Heißt: Am Ende haben wir uns für ein allseits geschätztes und leicht verständliches Image entschieden; geben uns eindimensional, schreiben überschwänglich freundlich, verzichten auf negative Emotionen und verkneifen uns Zynismus. Denn dafür gibt's keinen Applaus - zumindest nicht von allen in unserer heterogenen Freundesliste. Und es funktioniert, die hochgeladene Demoversion kommt gut an. Wie könnte auch eine Person, die es allen so verdammt einfach macht, sie zu mögen, auf Ablehnung stoßen? Das Publikum bestätigt uns in unserer Rolle: "Gefällt mir, was du machst. Weiter so." So gewinnt es Einfluss darüber, wer wir sind.

Identität ist nicht statisch

Identität entsteht seit jeher im Austausch mit der Umwelt. Sie ist nicht statisch. Wir probieren uns in unterschiedlichen Rollen, zeigen Facetten unserer Persönlichkeit und erhalten dafür Feedback. Erfolgreiche Stücke werden wieder und wieder aufgeführt, irgendwann akzeptieren wir dann unsere Rolle darin als Teil unserer Identität. Beachtung hat die Kraft, uns zu verändern. Sowohl im echten Leben als auch online.

Der Unterschied: Das Feedback, das wir offline bekommen, ist niemals so unmissverständlich wie der virtuelle Daumen. Internetfreunde mit ihrem "Gefällt mir"-Button prägen uns schneller, weil uns ihr Lob häufiger und unmittelbarer erreicht. Blöd nur, dass sie uns nicht bestätigen, wie wir nachts sind, wenn wir bei öliger Pizza zusammensitzen, sondern diese lahme Demoversion aus dem Internet.

stern.de bei Facebook Werden Sie Fan von stern.de

Von Lara Fritzsche
Seite 1: Wir Facebook-Schauspieler
Seite 2: Wir entwickeln eine Demoversion von uns selbst
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
gaidaphotos (20.03.2010, 15:49 Uhr)
So ein Quatsch
So einen Quatsch habe ich LANGE nicht über FB oder Internet gelesen.
Hab ich andere Freunde? Meine loben und ZERREISSEN Musik, Film, TV, Restaurants, Bücher, Zeitungen ... Ich bin eher über die Offenheit und Ehrlichkeit der meisten erschrocken als von Übertreibungen überrascht.
Das ist ein Beitrag aus der Reihe "Du FB ist wichtig schreibt mal was darüber - kenn ich aber nicht wirklich - ist egal, lass Dir was einfallen.
gaidaphotos.com
saulus (20.03.2010, 10:07 Uhr)
@ marcelrot1
"...aber können 400 Millionen aktive Nutzer weltweit irren?..."

Milliarden Fliegen können nicht irren, Scheiße muss schmecken?!
marcelrot1 (20.03.2010, 09:32 Uhr)
400 Millionen aktive Nutzer weltweit
Natürlich gibt es nicht nur positives von Facebook zu berichten aber können 400 Millionen aktive Nutzer weltweit irren? Trotzdem ein guter Artikel zum Nachdenken.
AttaTroll (20.03.2010, 09:16 Uhr)
Lügen
Man liest immer wieder, dass Personalchefs auf Facebook, StudiVZ und inzwischen auch bei Twitter recherchieren, um Informationen über Mitarbeiter oder/und Bewerber einzuholen und diese dann entsprechend, je nach Bedarf verwenden. Das ist bekannt.
Wen wundert es da, dass Findige die Sache umkehren und gezielt manipulierte Informationen über sich verbreiten oder sich - in manchen Fällen - sogar bestimmte Pseudo-Identitäten aufbauen?
In solchen Fällen sehe ich die sozialen Netzwerke als Spiel, bei dem der Clevere die Nase vorn hat.
Ansonsten stimme ich simon 1986 zu: das Ganze ist Zeitverschwendung.
lenea (20.03.2010, 09:05 Uhr)
wow
ohhh das war ein sehr guter artikel. sehr sehr gut. danke dafür. hab mich im dezember nach langer mitgliedschaft aus facebook abgemeldet, und war überrascht über die welle von negativreaktionen, die mir entgegenschlug (?). Sie schreiben einen sehr interessanten gedanken über die person, die aus mosambik berichtet und einen tag später katzenbilder hochlädt - dass die meisten menschen keine lust drauf haben, sich auf jemanden einzustellen, etwas mehr nachzugraben, um festzustellen, wie die ECHTE persönlichkeit von diesem menschen ist (könnte ja anstrengend sein), und genau das ist mir in FB auch so gegangen. ich war überrascht, wie gut Sie das in worte gefasst haben. also, nochmal grosses lob für die gute beobachtung u zusammenfassung.
simon1986 (20.03.2010, 08:32 Uhr)
Digitaler Selbstmord - Kündigung bei facebook
Schöner Artikel, gerne gelesen.

Es passt zu meiner momentanen Situation. Erst vor drei Wochen habe ich mich persönlich für einen digitalen Selbstmord bei StudiVZ und facebook entschieden. Die Hauptgründe dafür liegen bei mir erstens darin, dass man sich mit Menschen über facebook, mit denen man im wahren Leben nicht unbedingt befreundet wäre, weil Meinungen oder Interessen viel zu weit auseinandergehen. Außerdem ist facebook meiner Ansicht nach eine wahnsinnige Zeitverschwendung, man investiert Stunden und Stunden darin, Fotos hochzuladen, zu Posten, was man gerade isst, und blättert durch Fotos von unbekannten Alkoholleichen. Dann habe ich mich zurückgelehnt und mich gefragt: Hat mir facebook jemals irgendetwas gebracht? Also, irgendetwas sinnvolles?

Ich war seit 2005 im StudiVZ und seit 2007 bei facebook aktiv und hatte über die Jahre mehr als 1.500 Fotos hochgeladen. Ich hatte es sogar bis auf 90.000 Punkte in farmville geschafft.

Ich vermisse nichts :-)
Jeremiah82 (20.03.2010, 07:50 Uhr)
Danke
für diesen Artikel.

Ja, Journalisten sind auch nicht immer die, die das wahre Leben beschreiben wie es ist. Insbesondere hier. Dennoch hoffe ich, dass dieser Artikel den ein oder anderen Socialnetwork-Junkie zeigt, dass es nunmal auch Ok ist, wenn das Leben auch mal Scheiße und Langweilig aussieht.
Leider haben viele Menschen die Fähigkeit verloren, es dann trotzdem noch zu genießen und das beste draus zu machen.
MarthaMuse (20.03.2010, 07:30 Uhr)
So neu nun auch wieder nicht
Zitat von Popobawa :Da hat die Unterschicht ein neues Medium gefunden.

Die Unterschicht, die Aldi-PC-Zuerstkäufer waren schon im Internet, da haben Menschen, die gearbeitet haben, noch behauptet, so etwas käme ihnen nicht ins Haus.

Meine These, dass die Dummen das Netz beherrschen, hat mir noch niemand widerlegt. Soziales Netzwerk hört sich so wunderbar modern an, man ist ein Teil von etwas, wenn auch nur virtuellem. Es finden Verschiebungen von Wortbedeutungen statt. Da wirbt eine Plattform mit "Bei xy lernen Sie neue Freunde kennen". Unter denkenden Menschen lernt man neue Menschen kennen, die irgendwann mal Freund werden können, im Netz reicht ein Klick und jemand ist Freund. Am Ende hat man 3194 Freunde, aber niemand geht abends mit, einen Rotwein beim Italiener um die Ecke trinken.

Natürlich wird gelogen, was das Zeug hält; da jeder lügt wie gedruckt, denkt auch jeder, dass alle anderen lügen, man schließt ja gern von sich auf andere. Menschen, deren Naturell die sozial-kompatible Lügnerei nicht zulässt, vereinsamen, denn wenn solche Gruppen etwas beherrschen, dann das eiserne Zusammenhalten gegen jeden, der an ihrer heilen Welt kratzt.

Es entwickelt sich eine Sprache, die jedem Menschen, der seine Muttersprache beherrscht, einen virtuellen Amoklauf nahelegt; ?mal dich begrüße lieb?? so ein absurder Satzbau muss doch jedem peinlich sein, aber in Communitys sind sie üblich und werden niemals kritisiert. Und wenn es doch jemand tut, muss er den geballten Hass der Com aushalten oder schleunigst verschwinden. Ich habe früher im Scherz gesagt, dass ich auf den Tag warte, an dem jemand in der realen Welt so redet. Es ist inzwischen soweit. Neulich im Restaurant in der Schicki-Gegend Prenzlberg hörte ich vom Nachbartisch ein glucksendes LOLlololol an Stelle eines Lachen, und der Mann gegenüber der Frau runzelte dazu nicht einmal die Stirn.
So, und jetzt gehe ich meine seidenen China-Teppiche bürsten und hole mein 180.000 ? Auto aus der Garage ( will sagen: ich muss staubsaugen und später mit dem Linienbus zum Einkaufen fahren)
SchroedingersGlatze (20.03.2010, 00:27 Uhr)
En vogue über soziale Netzwerke zu schreiben?
Immer wieder bigott, Artikel wie solche in Medien zu lesen, die selbst Profile auf diesen Netzwerken vertreiben.
Es gibt kaum einen Unterschied zwischen Selbstdarstellung im Alltag/Berufsleben ("Konnte wieder keine Mittagspause machen. Bin wieder mit Arbeit zugeschüttet") oder im Internet ("Bin so gestresst, brauche 'ne Pause"). Selbstdarstellung ist schlichtweg eines der natürlichsten und ältesten funktionierendsten Methoden überhaupt, "sich bemerkbar zu machen", wie es das federnaufgeplusterte Vogelmännchen ebenso vom Baum herunterpfeift. Allerdings impliziert der Artikel es gäbe nur Blender und Schönredner in sozialen Netzwerken - und das wiederum entspricht nicht der Wahrheit. Es sind immer wieder tatsächlich interessante Menschen kennenzulernen von irgendeinem Fleck auf diesem Planeten, den man ohne ein solches Netzwerk eher nicht getroffen hätte. Letzlich sind diese Netzwerke ein weiteres Werkzeug der Kommunikation, wie es im alten Ägypten Papyrus-Rollen waren. Wer sich moralisch über solches erhebt, sollte doch dann gleich die gesamte Sprachkultur der Menschheit in Frage stellen. Denn täglich lügt auch der Nicht-Virtuelle durchschnittlich 200 mal. Wer im Schlachthaus sitzt, sollte nicht mit Schweinen werfen.
acitapple (19.03.2010, 23:08 Uhr)
kommt wohl auf das maß an...
ich nutze auch soziale netzwerke, aber eben nur mit bekannten in verbindung zu bleiben. ganz und gar nicht verstehen kann ich aber die o.g. klientel. warum sollte ich auf meiner profilseite darüber sinnieren wie das letzte wochenende war. am schlimmsten finde ich das bei twitter. als der hype anfing hab ich mich gleich mal dort umgeschaut. von wegen grenzenlose kommunikation. 99% der ergüsse dort begrenzen sich auf "hab schlecht geschlafen" oder "war mal eben ordentlich aufm topf" oder "scheiß wetter, es regnet". wow, leute das ist echt tiefgründig. das hat der welt noch gefehlt: eine plattform, mittels derer ich die ganze welt an meinem stuhlgang teilhaben lassen kann. glücklicherweise DARF man sich zu allem äußern, aber man MUSS es doch nicht, oder ???
MEHR ZUM ARTIKEL
Gekidnapptes Facebook-Profil Ex-Freund-Ärger 2.0

Bizarre Geiselnahme: Ein US-Amerikaner hat das Facebook-Profil seiner Ex-Freundin gehackt und Lösegeld für dessen Rückgabe gefordert. Damit nicht genug: Der Mann spielte in der Community die Rolle der Frau - und änderte auch den Eintrag für "sexuelle Orientierung". mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Partnerangebot Der stern.de-DSL-Vergleich Der stern.de-DSL-Vergleich Sparen bei DSL-Flatrates

Mit einem DSL-Tarif-Vergleich finden Sie einfach und schnell den zu Ihnen passenden Anbieter. Kostenlos, schnell und sicher! mehr

 
 
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft