Daumen hoch für solche, die spannend sind, interessant, süß, lustig, abgedreht, schlau, cool, verrückt - wie auch immer, Hauptsache kurzweilig, einprägsam und kohärent. Wie es euch gefällt - ist die Weisung der Stunde. Dabei entfernen wir uns von dem, was uns außergewöhnlich macht, und posten stattdessen nur das, was unmissverständlich ist. Werbung statt Wahrheit.
Wie ein Marketingstratege, der für seine Auftraggeber eine Corporate Identity, eine Unternehmensidentität, aus Briefkopf, Werbejingle und Konzernduft erschafft, entwickeln wir ein Image von uns selbst, eine Demoversion. Der eine präsentiert sich als Abenteurer und postet nur noch Fotos in Badehose zwischen Steinklippe und Meeresoberfläche, die andere inszeniert sich als Partyqueen und teilt mit uns jeden Morgen ihre bewegten Nächte, der Dritte lädt ständig Fotos seiner angerichteten Speisen hoch. Sechs Mal Daumen hoch für einen Beitrag über einen selbst gemachten Schmorbraten, und schon hat eine Konditionierung stattgefunden. Merke: "Irgendwas übers Kochen schreibe ich mal wieder." So posten wir nur noch Sachen, von denen wir wissen, dass man sie leicht konsumieren kann, und die zu der erdachten Version von uns passen. Aber selbst die wählen wir nicht selbstbestimmt.
In einem populären Netzwerk wie Facebook kommen Freunde und Bekannte aus vielen verschiedenen Kontexten zusammen: Exfreund und Verlobter, Chef und Traumchef, Freundin und Feindin, Mutti und One-Night-Stand, Partyfreunde und Vermieter - alle in einem virtuellen Raum. Und genau dieser Umstand hindert uns daran zu tun, was man üblicherweise von Menschen im Internet erwartet: mit Identität zu experimentieren. Alles, was Missfallen hervorrufen könnte, sortieren wir aus: Faulpelz, Säufer, Lästermaul, Aggressor, Heulsuse und viele andere. Übrig bleiben nur ein paar gängige Hochglanzcharaktere - aus deren Pool können wir uns einen aussuchen.
Heißt: Am Ende haben wir uns für ein allseits geschätztes und leicht verständliches Image entschieden; geben uns eindimensional, schreiben überschwänglich freundlich, verzichten auf negative Emotionen und verkneifen uns Zynismus. Denn dafür gibt's keinen Applaus - zumindest nicht von allen in unserer heterogenen Freundesliste. Und es funktioniert, die hochgeladene Demoversion kommt gut an. Wie könnte auch eine Person, die es allen so verdammt einfach macht, sie zu mögen, auf Ablehnung stoßen? Das Publikum bestätigt uns in unserer Rolle: "Gefällt mir, was du machst. Weiter so." So gewinnt es Einfluss darüber, wer wir sind.
Identität entsteht seit jeher im Austausch mit der Umwelt. Sie ist nicht statisch. Wir probieren uns in unterschiedlichen Rollen, zeigen Facetten unserer Persönlichkeit und erhalten dafür Feedback. Erfolgreiche Stücke werden wieder und wieder aufgeführt, irgendwann akzeptieren wir dann unsere Rolle darin als Teil unserer Identität. Beachtung hat die Kraft, uns zu verändern. Sowohl im echten Leben als auch online.
Der Unterschied: Das Feedback, das wir offline bekommen, ist niemals so unmissverständlich wie der virtuelle Daumen. Internetfreunde mit ihrem "Gefällt mir"-Button prägen uns schneller, weil uns ihr Lob häufiger und unmittelbarer erreicht. Blöd nur, dass sie uns nicht bestätigen, wie wir nachts sind, wenn wir bei öliger Pizza zusammensitzen, sondern diese lahme Demoversion aus dem Internet.
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