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11. Januar 2010, 18:46 Uhr

Abschied vom Internet-Pionier

Das Internet wurde in Deutschland für viele Jahre in drei Buchstaben beschrieben: AOL. Doch der alte Glanz ist längst verblasst und auch Boris Becker ist nicht mehr "drin". Nun schließt der Internetpionier in Deutschland seine Pforten. Ein Abgesang. Von Gerd Blank

AOL, Internet, E-Mail für Dich, You've got mail, AOL-Arena, HSV

Leere Flure bei AOL: Das Unternehmen zieht sich aus Deutschland zurück© Mark Lennihan/AP

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als Computermagazine wie "Online Today" und "Tomorrow" am Kiosk lagen? Das war vor über zehn Jahren und zu einer Zeit, als Deutschland noch nicht komplett digitalisiert war. Google war noch nicht das mächtigste Unternehmen und die wertvollste Marke der Welt. Wer damals über das Internet sprach, sprach über AOL.

Gegründet wurde das Unternehmen 1983 als Quantum Link, die Umbenennung in America Online fand fünf Jahr später statt. Erst 1995 wurde AOL Europe gegründet. Wer nicht mit T-Online seine ersten Gehversuche im Internet unternehmen wollte, wählte sich mit der AOL-Software ins Web ein. Und das ging bestechend einfach: Die Zugangssoftware wurde per CD verschenkt. Das Unternehmen verteilte so viele Discs, dass es sogar Anleitungen gab, was man mit den Speichermedien alles anstellen könnte. AOL war überall. Um den Deutschen zu zeigen, wie einfach die Nutzung ist, engagierte das Unternehmen Boris Becker als Werbeträger. Seine Frage "Bin ich schon drin" war so simpel wie bestechend. Zeitweise nutzten fast drei Millionen Deutsche den Service, weltweit gab es sogar über 30 Millionen Kunden. Man konnte nicht nur günstig surfen, das Unternehmen brachte auch Nachrichten und Unterhaltung auf den Schirm.

Goldgräberstimmung im Netz

Es war die Zeit der Goldgräberstimmung im Netz. Man musste nur eine gute Internetadresse haben und schon gaben Investoren und Aktionäre Unsummen aus, um zumindest einen Teil des Unternehmens zu besitzen. AOL war damals so mächtig, dass es mit Time Warner, dem damals größten Medienunternehmen der Welt, fusionierte. AOL spielte sogar die Hauptrolle in einem Tom-Hanks-Film: In "E-Mail für Dich" nutzte Hanks den Onlinedienst, um sein Herzblatt zu finden. Das Unternehmen engagierte sich auch im Sport und war mehrere Jahre Namenssponsor für das Stadion des Fußballbundesligisten HSV.

Doch die goldenen Zeiten waren für AOL schnell vorbei, die haushohen Lettern an der HSV-Spielstätte längst abgebaut. Während das Unternehmen in den USA weiterhin viele Kunden hatte, sank der Stern von AOL in Europa unaufhörlich. Kunden brauchten keine spezielle Software mehr zu installieren, um ins Netz zu kommen. Man wollte sich nicht mehr per Modem einwählen, sondern mit schneller DSL-Verbindung surfen. Der Internet-Bürger wurde bei der Wahl seines Webzugangs immer mündiger, AOL verlor Kunden um Kunden. 2007 verkaufte das Unternehmen das Internet-Zugangsgeschäft an den Konkurrenten Hansenet.

Im modernen Internet spielte AOL längst keine Rolle mehr, Google ist im Web das Maß aller Dinge. Ende 2005 ließ sich der weltgrößte Suchmaschinenbetreiber den Einstieg bei AOL eine Milliarde Dollar kosten. Im Sommer 2009 kaufte Time Warner diese Anteile deutlich günstiger zurück, nur um sich im Dezember endgültig von AOL zu trennen. Knapp drei Wochen später nun das offizielle Aus. Dabei war AOL schon längst aus dem Bewusstsein verschwunden. Nichts erinnert mehr an das Unternehmen, das für Millionen Menschen einst das Web definierte.

Nach den Erfolgsjahren fuhr das einstige Schlachtschiff einen digitalen Schlingerkurs. Der Verkauf der Kunden und ein fast jährlicher Komplettwechsel der Führungsriege konnten den Niedergang nicht stoppen. AOL stand nicht mehr fürs Internet, es stand für Nichts. Kein Deutscher fragt sich mehr "bin ich schon drin?". Der Internetzugang gehört zur Standardausstattung. Der Tod kam schleichend, war aber unausweichlich. Nun werden die Pforten in Deutschland geschlossen, AOL wird nicht mehr gebraucht. Mach's gut, AOL, und vielen Dank fürs Netz.

Von Gerd Blank
 
 
KOMMENTARE (10 von 13)
 
Julian2225 (12.01.2010, 18:45 Uhr)
Danke fuer nichts,
AOL hat die Leute die es nutzten ausgenuetzt (eine Monopolstellung machte es moeglich)! Wer erinnert sich nicht an die Kosten bevor der Flatrate???
Es ist schoen zu sehen das diese Art und Weise von Geschaeft letztendlich ihren Preis hat... Weil selbst die letzte Kuh gemolken wurde hat man den rechtzeitigen Umbau versaeumt! Dafuer ein danke!


MrMouse (12.01.2010, 14:26 Uhr)
AOL gibt es sowie schon lange..
... nicht mehr. Die Geschäfte werden über Hansanet abgewickelt , Neukunde konnte man auch schon lange nicht mehr werden und die Servicehotline ist schon seit Jahren in Indien. Wo ist also die Meldung ?

Ich selber war lange Jahre treuer und (man glaubt es kaum) zufriedener AOL Kunde. AOL war nämlich der einzige Anbieter die mir damals ohne Probleme innerhalb von 14 Tagen einen DSL Anschluß besorgen konnte , wo die Telekom und Acor behauptet haben das gäbe es nicht für meine Straße. Ich hatte auch nie Probleme mit Abrechnung oder der Software , die Leute von der Hotline waren auch immer Superfreundlich und haben schnell geholfen. Einzig das mit dem AOL eigenen Browser war tatsächlich Amateurhaft , ansonsten kann ich nix schlechtes über das Unternehmen sagen.
travelbaer1117 (12.01.2010, 12:59 Uhr)
Bin immer noch drin
Bin seit 1997 bei AOL. Damals war AOL unter Blinden der einäugige König. Aber es war eine spannende Zeit der Programmabstürze.
Manchmal zwei neue neue Versionen im Jahr.
Aber zu der Zeit war die Hotline immer erreichbar und kompetent. Heute benutze ich AOL nur noch für emails. Zu bedauern sind wieder einmal die guten Mitarbeiter, die durch das Missmanagement ihren Job verlieren.
corehead (12.01.2010, 10:31 Uhr)
Ich war auch AOL-Nutzer (oh Schreck)
ich erinnere mich noch lebhaft an die Rechnungen, die ich vor 10 Jahren produziert habe, als fast mittelloser Umschüler. AOL verlangte 10 Pfennig pro Minute, dazu kamen noch die normalen Telefongebühren der Telekom. Ich hatte in einem Monat eine Rechnung von ca. 350 Mark, was gerade mal 2 Onlinestunden pro Tag entspricht. Deshalb bin ich über heutige Tarife auch hoch erfreut, zumal ich mittlerweile etwas Geekiger geworden bin.
AttaTroll (12.01.2010, 08:46 Uhr)
Sauhaufen
Ich gebe meinen Vorpostern uneingeschränkt recht: AOL war ein ganz mieser Abzockerverein. Schrott-Modems, extrem unfreundlicher Kundendienst, Dauer-Probleme mit der Einwahl, unkorrekte Abrechnungen. AOL verwendete damals einen eigenen Browser, der nicht viel taugte und ständig Probleme bei den emails hervorrief.
Dazu kam, dass sich die AOL-Software schon fast wie ein Virus auf der Festplatte ausbreitete - die Logos multiplizierten sich regelrecht auf dem Bildschirm.
Gekickt habe ich AOL aber in dem Moment, als ich erfuhr, dass der damalige Irak-Kriegstreiber,US-Außenminister Colin Powell (ja, derselbe, der vor dem UNO-Sicherheitsrat über angebliche Massenverrnichtungswaffen Lügen erzählte und versuchte, die ganze Welt zu verarschen), dass eben dieser Colin Powell Chairman von AOL war und auf diese Weise auch noch an mir verdiente. Das mußte natürlich sofort abgestellt werden.
Ich bin dann übrigens schnell aus dem Vertrag herausgekommen: ich habe einfach nicht mehr bezahlt.
traldors (12.01.2010, 07:47 Uhr)
AOL stand auch für (...)
"All online looser". Die taten mir immer richtig leid. /wave
deeperblue (12.01.2010, 07:45 Uhr)
Keine Träne
weine ich AOL nach. Wenn ich daran denke, wie schwierig es war, aus diesem Vertrag zu kommen und wie brachial uns damals gedroht wurde! Nein, AOL bleibt mir als Abzocker-Firma im Gedächtnis, die systematisch ihre Kunden vergrault hat.
sp_002 (12.01.2010, 06:45 Uhr)
gott sei dank!
einer der größten abzocker und schlimmsten betrügerläden, unter der europäischen sonne, macht endlich dicht. ich war selbst einmal die fänge dieses kraken geraten und es war, wie hier schon erwähnt, ein hartes stück arbeit, da wieder rauszukommen. und selbst heute noch, nach knapp sechs jahren, bekommen ich noch emails von denen. bye,bye aol, auf nimmerwiedersehen!
Fakten (12.01.2010, 01:17 Uhr)
Inder sind nun mal billiger...
An die paar noch gut verdienenden Arbeitsplatz-Besitzer geniesst noch die paar Jaehrchen bis Hartz IV.
derSchuft (12.01.2010, 00:51 Uhr)
Naja
#Mach's gut, AOL, und vielen Dank fürs Netz.#

Imho war AOL schon damals so nützlich wie ein Hautausschlag, und stand auf der gleichen Stufe wie die Klingeltonterroristen der letzten Jahre.



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