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Digitales Leben »Ich bestelle LSD im Netz«

Digitales Leben: »Ich bestelle LSD im Netz«
Die NSA-Affäre lässt viele kalt, weil sie meinen, sie hätten ja eh nichts zu verbergen. Aber stimmt das? Sieben digitale Geständnisse.

Text und Protokolle: Lars Gaede, Martina Kix | Fotos: Markus Burke (2), Monika Keiler (2), Jakob Börner (2), Frederike Wetzels

Man müsste wütend sein, sehr wütend. Im Juni 2013 berichtete die britische Zeitung »Guardian « erstmals über die Überwachungstätigkeiten des amerikanischen Geheimdienstes NSA, und seitdem wurde von Woche zu Woche klarer, wie umfassend man durchleuchtet, überwacht, beobachtet werden kann – oder schon wird. Was auch immer man bei Skype, Facebook, Google, Googlemail, Yahoo, Youtube, AOL macht: Es wird aufgezeichnet. Die deutsche Regierung sah sich lange nicht zu Interventionen animiert. Erst als durch die Informationen des Ex-NSA-Mitarbeiters Edward Snowden klar wurde, dass sogar Angela Merkels Mobiltelefon vom amerikanischen Geheimdienst überwacht wurde, führte der Skandal zu einer politischen Krise. Angela Merkel, schien es, war wütend.

Die Öffentlichkeit ist es aber immer noch nicht so recht. Auf der bisher größten deutschen Anti-NSA-Demo im September in Berlin waren nicht 150 000, sondern 15 000 Menschen. Statt uns zu empören oder ein paar Anstrengungen zu unternehmen, um unsere Kommunikation einigermaßen zu verschlüsseln, machen wir lieber Witze auf Facebook: »Wenn ihr schon alles über mich wisst, sagt mir wenigstens, wo mein Fahrradschlüssel ist!« Dass wir uns auf eine abstrakte Art aufregen, mit leidenschaftsloser Missbilligung, liegt sicher auch an dem Gefühl, dass die Überwachung ebenfalls etwas Abstraktes zu sein scheint: Wir können die Eingriffe der Geheimdienste nicht sehen und nicht spüren, sie führen weder zu Gehaltskürzungen noch zu Mieterhöhungen oder zu schlechtem Wetter. Hinzu kommt der Eindruck, solchen Machtstrukturen hilflos ausgesetzt zu sein – Fatalismus.

Doch der gewichtigste Grund dafür, dass die Gesellschaft ruhig bleibt, ist die so verbreitete wie erstaunliche Ansicht, es sei ja irgendwie auch egal – sollen sie uns doch überwachen: Das hat eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ergeben. 44 Prozent halten die aktuelle Diskussion für überbewertet. Sie können sich nicht vorstellen, dass irgendetwas aus ihrem Leben für den amerikanischen Geheimdienst interessant sein könnte. 76 Prozent glauben nicht, dass ihnen durch Abhöraktionen Nachteile entstehen könnten. Der Satz, der das auf den Punkt bringt, ist: »Ich hab ja nichts zu verbergen.« Doch das ist ein großer Irrtum.

Denn wenn man genauer darüber nachdenkt, welche Videos man im Netz angeschaut, welche Seiten man besucht oder welche Fotos man per SMS verschickt hat: Dann merkt man, dass es Dinge gibt, die vielleicht nicht strafbar oder objektiv peinlich sind – von denen man aber einfach nicht will, dass sie irgendjemand weiß. Um zu zeigen, dass jeder irgendetwas zu verbergen hat, haben wir sieben Menschen um ein digitales Geständnis gebeten.

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Seite 4:Sven, 32, kauft Drogen
Seite 5:Jessica, 27, lebt im Traum
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Seite 7:Sophie, 26, besuchte Bulimieforen
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