Während westliche Medien und Politiker sich noch darüber empören, dass Olympia-Journalisten mit derselben Internetzensur zurechtkommen müssen wie die Chinesen, schreitet der Chaos Computer Club zur Tat: Er legt Schlupflöcher in Chinas Internet-Mauer offen. Tipps, die weltweit nützlich sind. Von Markus Wanzeck

Der "Freedom Stick" des Chaos Computer Club stellt eine Verbindung zum Anonymisierungsdienst Tor her© CCC
Freier Internetzugang in China - das scheint sich nun auch für die internationalen Olympia-Berichterstatter, die eine bevorzugte Behandlung im Pekinger Medienzentrum erwartet hatten, als Illusion zu entpuppen. IOC-Präsident Jacques Rogge versuchte am Wochenende, die neue Situation mit rhetorischem Weichspüler zu entschärfen: "Größtmöglicher Zugang" zum Internet, das sei doch schon mal was. Das Wort "uneingeschränkt", von dem im Vorfeld der Olympischen Spiele bisher stets die Rede war, vermied er. "Größtmöglich", das weiß der um Diplomatie bemühte Rogge nur zu genau, ist ein dehnbarer Begriff. Verschiedene chinakritische Internetseiten wurden und werden von staatlichen Zensoren geblockt. Der deutsche Chaos Computer Club (CCC) hat sich nun entschieden, den Berichterstattern in China mit seiner Hacker-Expertise aus der Ferne zu assistieren.
"Aufgrund der vielen Anfragen beschäftigen wir uns nun schon einige Zeit mit dem Thema Zensur in China", erklärt CCC-Sprecherin Constanze Kurz gegenüber stern.de. "Wir werden versuchen, den Reportern und Sportlern in China technische Hilfe anzubieten." Der CCC hat zu diesem Zweck die Seite chinesewall.ccc.de ins Netz gestellt. Hier werden - vorerst nur auf Deutsch, demnächst auch in englischer Sprache - Umgehungsmöglichkeiten für die "Great Firewall of China" vorgestellt und anhand detaillierter, bebilderter Bedienungsanweisungen erläutert.
Eine gängige Zensurmethode in China ist das Einsetzen von Wortfiltern. So können Internetadressen, die Begriffe wie "Tibet", "Menschenrechte" oder "Falun Gong" enthalten, für chinesische Computernutzer - meist als banales Netzwerkproblem getarnt - unerreichbar gemacht werden. Diese Blockade lässt sich umgehen, indem man das Internet über einen Vermittlungscomputer jenseits der Zensurmauer betritt, einen so genannten Prox. Hat man einen solchen freien Proxy ausfindig gemacht - zum Beispiel durch die Suche nach Begriffen wie "proxy" oder "free proxy" in Google oder Yahoo -, baut man eine Verbindung zu ihm auf und sieht das Internet über den Umweg des zwischengeschalteten Vermittlers, aus dessen unzensierter Sicht.
Ein Problem allerdings bleibe, erklärt IT-Sicherheitsexperte Lars Fischer vom CCC: "Ein Proxy, der heute funktioniert, kann morgen schon von den Zensoren entdeckt und gesperrt worden sein." Er rät deshalb dazu, die Verbindung möglichst zu verschlüsseln und immer eine Liste mit Ausweich-Proxys in der Hinterhand zu haben. Davon gebe es genügend, so Fischer. "Man kann zwar versuchen, das Internet selektiv zu sperren. Aber solange man es nicht vollständig stilllegt, tun sich immer wieder neue Lücken auf." Wichtig sei der "erste Anker": Ist man von China aus erst einmal über eine Proxy-Verbindung ins freie Netz gesurft, kann man dort leicht mithilfe von Suchmaschinen weitere Proxy-Computer ausfindig machen.
Anonymisierungsdienste wie der von der Technischen Universität Dresden mitentwickelte "JAP" oder das internationale Non-Profit-Projekt "Tor" können ebenfalls behilflich sein, die eigenen Spuren im Netz vor den Augen des Großen Bruders zu verwischen. Solche Dienste leiten die Datenströme einzelner Internetnutzer über mehrere Server. Unterwegs werden die Datenpakete sowohl verschlüsselt als auch durcheinander gewürfelt. Das drückt bisweilen auf die Geschwindigkeit der Internetverbindung - doch ein bestimmtes Surfverhalten lässt sich so nicht mehr ohne weiteres einem einzelnen Computernutzer zuordnen. "Auch technisch Unbedarfte kriegen solche Dienste unserer Erfahrung nach schnell installiert", sagt CCC-Experte Fischer.