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25. August 2011, 12:45 Uhr

Wer salbt jetzt Apple?

Abgang eines Messias: Das wertvollste Unternehmen der Welt wird noch einige Zeit gut ohne seinen genialen Gründer auskommen. Und danach? Eine Analyse von Ralf Sander

Erdbeben, Hurrikanes, der Mittlere Osten kurz vor dem Krieg, und jetzt tritt auch noch Steve Jobs zurück! Die Apokalypse ist ganz, ganz nah, Leute", macht ein Twitterer seiner Aufregung mit leichter Übertreibung Luft. Apple-Fans weltweit trauern um Steve Jobs, als wäre er gestorben. "Er hat die beste Tech-Company der Welt erschaffen", heißt es in einem anderen Tweet, "und viel Glück für Tim Cook, der in Fußstapfen der Schuhgröße 100.000.000 treten muss." Steve Jobs übergibt die Geschäftsführung von Apple an Tim Cook und zieht sich in den Verwaltungsrat zurück. Chefs kommen und gehen in der Wirtschaftswelt, doch bei Apple ist alles anders. Kein anderer Businesslenker gilt so sehr als Herz und Hirn des gesamten Unternehmens wie Jobs. Aber ist bei Apple wirklich alles anders?

Niemand wird Steve Jobs Bedeutung für Apple, ja die Tech-Branche insgesamt kleinreden. Seine Fähigkeit, Trends zu erkennen und sie in Massenprodukte mit tollem Design und einfacher Bedienung zu überführen, ist legendär. Mit dem iPod, iPhone und dem iPad hat er gleich drei IT-Revolutionen - MP3-Player, Smartphones und Tablet-PCs - ausgelöst. Jobs' Riecher für Innovation ist unbestritten. "Was Steve geleistet hat, ist einfach phänomenal", sagt sogar Microsoft-Gründer Bill Gates, Jahrzehnte lang ein harter Konkurrent von Jobs.

Doch dass der Tag kommen würde, an dem der schwer kranke Jobs seinen Chefposten räumen würde, war seit Jahren abzusehen. Das Unternehmen hat sich darauf vorbereitet. Michael Gartenberg, Analyst beim US-Marktforschungsunternehmen Gartner, sagt "USA Today": "Ist das das Ende einer Ära? Absolut! Aber Veränderungen geschehen ständig." Und so erwarten die meisten Experten einen fließenden Übergang. Der 50-jährige Tim Cook hat während Jobs' Krankheitspausen bereits bewiesen, dass er das Unternehmen mit ruhiger Hand steuern kann. Die Apple-Aktie hat - wie immer nach einer Krankmeldung von Jobs - nach unten gezuckt, diesmal waren es fünf Prozent. Doch auch in Jobs' Abwesenheit haben die Umsätze immer gestimmt.

Die Pläne sind längst fertig

In den nächsten Jahren wird sich bei den Apple-Produkten und damit für den Konsumenten wenig bis gar nichts ändern. Im Herbst kommt höchstwahrscheinlich das iPhone 5, danach ist mit dem iPad 3 zu rechnen. Apple lege die Grundzüge zukünftiger Produkte fünf Jahre im Voraus fest, schreibt Apple-Kenner Tim Bajarin, "und bei Apple gibt es eine große Riege fähiger Manager, die wissen, wie Steve Jobs denkt und was seine Vision für die nächste Dekade ist". Es ist an der Zeit, sich von der Illusion zu verabschieden, Steve Jobs sei Apple. "Kein Individuum kann so etwas allein", sagt auch Gartner-Experte Gartenberg.

"Apple ist eine gut geölte Maschine", erklärt Charles Golvin vom Marktforscher Forrester Research gegenüber CNN. "Das operative Geschäft wird von guten Leute geführt, die ihren Wert bewiesen haben." Jobs hat über die Jahre Mitarbeiter um sich versammelt, die seine Leidenschaft teilen. Wer das nicht tut, hält es sowieso nicht bei ihm aus. Analyst Bajarin meint: "Apple ist nicht in unmittelbarer Gefahr, weil Jobs' Denken tief in vielen der 46.600 Angestellten verwurzelt ist."

Sorge um die ferne Zukunft

"Unmittelbar" ist allerdings ein wichtiges Stichwort. Bei der Frage, wie es langfristig mit Apple weitergeht, mischt sich Skepsis unter die Spekulationen. Viele zweifeln, ob der neue CEO Tim Cook Jobs' Kreativität und Risikobereitschaft ersetzen kann. Der ehemalige Apple-Manager Trip Hawkins hatte das Unternehmen schon Anfang August in einem Interview mit dem Römischen Reich verglichen, das nach dem Überschreiten des Höhepunkts seiner Macht unaufhaltsam dem Zerfall entgegenstrebte. Aber auch weniger dramatische Stimmen wie die von Guy Kawasaki, ebenfalls ein Ex-Appler, äußern zumindest Sorge: Er vergleicht Jobs mit einem Familienvater. "Wenn Dad die Familie verlässt, prügeln sich die Kinder. Im Moment sagt Steve Jobs allen, was sie zu tun haben", so Kawasaki in einem Video-Interview mit "Fortune". Forrester-Research-Experte Golvin ist sich zumindest in einem sicher: "Wir werden frühestens in eineinhalb Jahren sehen, wie Apple ohne Steve Jobs wirklich ist."

Ob Apple bis dahin wirklich ganz ohne seinen Übervater auskommen muss, ist nicht einmal ganz sicher. Der immer sehr gut informierte IT-Journalist Walt Mossberg schreibt: "Um es ganz klar zu sagen. Jobs ist trotz seiner schweren Krankheit sehr lebendig. Er hat vor, sich weiter in die Entwicklung zukünftiger Produkte und Strategien einzumischen."

Und wer weiß: Wenn es die Gesundheit zulässt, treibt es Steve Jobs vielleicht noch einmal in schwarzem Rollkragenpulli, Jeans und Turnschuhen auf die Bühne, um ein neues Gerät zu zelebrieren. Viele Apple-Fans werden diese Hoffnung nicht aufgeben.

Eine Analyse von Ralf Sander
 
 
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