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29. August 2008, 11:36 Uhr

Ping Pong is coming home

Da stand er, der Londoner Bürgermeister Boris Johnson im Pekinger Vogelnest: Freudestrahlend schwenkte er die olympische Fahne, in seinen verkrumpelten Hosen, mit offenem Blazer und grinste unzähmbar in die Kameras. Seitdem fragen die Briten bange: Haben wir uns blamiert in Peking - oder nicht? Von Cornelia Fuchs, London

Er verkörpert die Eigenheit der Briten: Londons Bürgermeister Boris Johnson© Michael Gottschalk/DPA

Er kam ins Stadion, sah die Übergabe-Bühne und wusste nicht, wohin mit seinen Händen. Mit der ihm typischen Unbekümmertheit winkte und salutierte Boris Johnson lustig in die Menge, steckte seine Hände in die wild wippenden Taschen seiner nicht zugeknöpften Anzugjacke, bevor er es sich anders überlegte und sie doch an seiner Seite hängen ließ. Dann freute er sich des Momentes, der da kommen sollte. Neben ihm standen der IOC-Präsident und der Pekinger Bürgermeister, die mit ernsthaften Mienen versuchten, die Olympia-Fahne nach Protokoll zu schwenken. Boris dagegen soll sogar gerufen haben: "Gebt mir das Ding!"

Chinesische Blogger, so vermelden es nun englische Zeitungen, waren entsetzt über den Auftritt des Londoner Bürgermeisters. Er hätte keinen Respekt gezeigt, sagen sie, die Fahne nur mit einer Hand angenommen und überhaupt so wenig ernst dreingeblickt, dass er seine Gastgeber beleidigt habe. Und das war noch nicht alles. Es folgte der Acht-Minuten-Auftritt der Londoner Tanztruppen Zoo Nation, CanDoCo und des Royal Opera Houses vor einem roten Doppeldecker-Bus, der sich nach oben zu einer Art künstlicher Hecken-Skyline öffnete und Leona Lewis, Jimmy Page und David Beckham ausspuckte.

Briten machen über ihre eigene Dummheit Witze

"Anders als in China üblich, das seine Schwächen Außenseitern nicht zeigt, scheinen die Briten über ihre eigene Dummheit Witze zu machen", schrieb ein chinesischer Blogger erstaunt. "Als der Londoner Bus heranfuhr, liefen alle Wartenden gleichzeitig auf die Tür zu - das beschädigte wirklich das Bild der Briten." Es sind diese acht Minuten, die auch drei Tage nach der Feier der Übergabe in Peking die Gemüter in Großbritannien erregen. Es waren die erfolgreichsten olympischen Spiele seit 1908 für das britische Team, es gewann allein 19 Goldmedaillen. Aber die große Frage, die Diskussionsforen und Kolumnisten umtreibt, ist: Waren diese acht Minuten im Vogelnest gut oder schlecht? Sie waren auf jeden Fall ein ausgesprochener Kontrapunkt zur Inszenierung in Peking, die Massen von perfekt choreographierten Tänzern und Feuerwerken mit ein bisschen Schummeln zu einmaligen Fernsehbildern formten. Die britische Tanzchoreographie dagegen zeigte, was jeder Londoner aus seiner Stadt kennt: Das ewige Warten an der Bushaltestelle, das Wegwerfen der kostenlosen Zeitungen auf der Straße, das Drängeln an den Bustüren und das Problem, das Rollstuhlfahrer haben, in Busse und Bahnen zu kommen. Niemand war perfekt in dieser Truppe und, vor allem: Niemand war gleich. Und dann spannten am Ende auch noch alle Regenschirme auf - die Tageszeitung "Guardian" fragte ihre Leser, was das wohl als Gruß an die Welt zu bedeuten habe: "Willkommen! Hier schüttet es! - ist es das, was wir mitteilen wollen?"

Tausende Fernsehzuschauer beschwerten sich

Besonders vehement wurde die kurze Aufführung in den patriotisch überhöhten Blättern wie der Tageszeitung "Daily Mail" kritisiert. Tausende Fernsehzuschauer, hieß es dort, hätten die BBC mit Beschwerden bombardiert. Wer jedoch die Kommentare in den Blogs liest, bemerkt vor allem eines: Die Briten besinnen sich angesichts der kommenden Olympiade auf ihren berühmten Witz: "Als Gegensatz zu den im Gleichschritt marschierenden Massen in Peking könnten wir einen Korps von Männern in Nadelstreifen und Bowler-Hüten mit Regenschirmen ausstatten, die John Cleeses "Minister of Silly Walks" nachahmen.", schreibt Nigel MacNicol auf der BBC-Webseite. Und ein Mister Gay fügte einen kurzen Abriss einer Eröffnungsfeier hinzu, die Nerven der Fernsehzuschauer schonen und viel Geld und Aufwand sparen könnte: "Erstens: eine kleine Schar Trompeter, für die Aufmerksamkeit. Zweitens: Boris Johnson schneidet ein Band im größten Stadion durch. Drittens: Er erklärt die Spiele für eröffnet mit den Worten: "Ich hoffe, alle haben eine Super-Zeit". Viertens: Der älteste noch lebende britische Medaillengewinner entzündet die Flamme mit einer Fackel. Fünftens: Es geht los!"

Boris Johnson wird entweder gehasst oder geliebt

Es ist der Bürgermeister, der bei aller Schlampigkeit die Eigenart der Briten verkörpert. Boris Johnson wird entweder geliebt oder gehasst für seine unorthodoxe Art, seine Reden sind jedoch berühmt für ihre rhetorischen Spitzfindigkeiten. Und so war er es auch, der auf der Übergabe-Feier die richtigen Worte fand, als er die Welt daran erinnerte, dass ein Spiel namens Whiff-Whaff im 19. Jahrhundert auf britischen Esstischen erfunden wurde: "London ist die Welthauptstadt des Sportes. Ich sage zu den Chinesen, und ich sage der Welt: Ping Pong is coming home!"

Cornelia Fuchs

Cornelia Fuchs London ist der Nabel der Welt und Europa immer noch "der Kontinent". stern-Korrespondentin Cornelia Fuchs beschreibt in ihrer wöchentlichen stern.de-Kolumne das Leben zwischen Canary Wharf und Buckingham Palace, zwischen Downing Street und Notting Hill.

Von Cornelia Fuchs, London
 
 
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