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7. Mai 2009, 15:44 Uhr

Die lange weiße Linie

Ob Manager oder Bahnhofshure: Die Droge Kokain ist in allen Schichten angekommen - weltweit. Das Geschäft mit dem Rauschgift ist hochkomplex, vom kleinen Bauern in Kolumbien bis zum Dealer in Hamburg. Roland Schulz ist dem langen Weg des Kokains gefolgt und hat für diese Reportage den Hansel Mieth Preis 2009 erhalten.

Kokain, Kolumbien, Schmuggel, Dealer, Droge

Kolumbianische Kokabauern müssen mitansehen, wie ihre Farm von staatlichen Sicherheitskräften niedergebrannt wird.© Luca Zanetti/Lookatonline

Jemand nimmt die Zweige in die Hand, ein ganzes Büschel am besten, fasst sie fest am Strunk und lässt sie dann durch die Hände gleiten wie ein Tau, nicht zu schnell, das tut weh, nicht zu langsam, dann bleiben zu viele Blätter am Zweig. Damit fängt es an.

Jemand nimmt einen Strohhalm, am besten von McDonald´s, schneidet ihn entzwei, stößt sich das eine Ende des schöneren Stücks in die Nase, hält das andere an die Linie und zieht an. Damit hört es auf.

Dazwischen liegen ein Meer, ein Dutzend Grenzen und je nach Sichtweise viel Geld oder ein großes Problem. Der Begriff dafür ist gleich: Drogenhandel.

Die Kokabäuerin

Es geht um (2R,3S)-3-Benzoyloxy-tropan-2-carbonsäure-methylester, auch genannt Powder, Schnee, Charlie, Weißes, Coca, Koks oder einfach Kokain, in Guaviare sagen sie: Mercancía. Das heißt Ware und sagt viel über diese Gegend in Kolumbien, die von Koka so selbstverständlich lebt wie Kuwait von Öl. Hier wohnt Doña Mercedes.

Sie sitzt auf ihrer Veranda und macht Limonade. Es ist Mittag, eine sengende Sonne steht am Himmel, die Männer sind durstig. Seit dem frühen Morgen haben sie auf den Feldern gearbeitet, jetzt stehen sie schweigend im Schatten des Vordachs, ein Dutzend Tagelöhner, die Tragetücher schwer in den schwieligen Händen. Sie sind voller Blätter. Fast sieben Arroba haben sie den Sträuchern hinter dem Farmhaus heute entrissen. Ein Arroba Koka-Blätter sind 11,5 Kilo. Ein Arroba Blätter macht 18 Gramm Paste macht 36 000 Pesos macht Leben für eine Woche, mindestens. Doña Mercedes löst Rohrzucker in Wasser, rührt Limonade an, reicht den Männern zu trinken. Dann tritt sie hinaus in die Hitze, um nach den Sträuchern zu sehen.

Doña Mercedes, 42 Jahre alt, pflanzt die Peruana. Schon ihr Mann hat immer die Peruana gepflanzt. Er ist vor drei Jahren gestorben. Seitdem trägt sie seine Armbanduhr, so wie er sie immer trug. Und sie führt seine Farm, so wie er sie immer führte: 80 Hektar gutes Land am Ende aller Straßen, davon sechs Hektar Maniok, Papaya, Mango, für das Essen, und zwei Hektar Peruana, für das Geld. Mit schnellen Schritten eilt Doña Mercedes den verborgenen Saumpfad entlang, der von der Farm zu den Feldern führt, teilt ein Dickicht aus Bananenstauden, und da sind sie. Aus der Ferne sehen die Sträucher aus wie Gestrüpp, aber das täuscht.

Doña Mercedes hat prächtiges Koka. Reihe um Reihe steht es dort, bis zum Waldrand glänzt das grelle Grün, das Zeichen gesunder Koka-Büsche ist. Wenn es keine Probleme mit der Polizei gibt, schafft Doña Mercedes mit der Peruana sechs Ernten im Jahr. Keine Koka-Art ist in Kolumbien häufiger als diese, die in der komplizierten Sprache der Biologen Erythroxylum coca var. coca heißt und als geduldige Pflanze gilt. In Guaviare sagen sie einfach: Sie ist hurenzäh. "Ein echtes Kraut", sagt Doña Mercedes. Sie lacht. Sie baut Früchte an, süßer als Honig, sie hat einen Fischteich, zehn Rinder und zwei Dutzend Truthähne, aber das einzige Produkt, das sich lohnt, ist das Kraut. "So ist das Leben", sagt sie. Sie hat schon gehört von den Gringos in Amerika und anderswo, die horrendes Geld zahlen, für nur ein einziges Gramm Kokain. Aber sie hat aufgehört, sich darüber zu wundern. Sie ist eine Witwe mit zwei Kindern. Sie versucht, aus der Gier nach dem Kraut das Beste zu machen. Sie hat sich extra eine Kokaküche eingerichtet dafür.

Sechs Ernten, drei Felder, zwei Hektar und eine eigene Küche. Das macht Doña Mercedes interessant. Für die Guerilleros der Siebten Front der FARC, Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, die größte Guerilla-Organisation im Land, gerade in Guaviare stark. Und für einen indischen Satelliten mit der Kennung IRS-P6, der in knapp 800 Kilometern Höhe die Provinz Guaviare überfliegt, alle 24 Tage einmal. Jemand gibt jetzt die Order aus, doch einmal mit einem Trupp die Witwe Doña Mercedes zu besuchen, Mutter von Angie, 13, Ziehmutter von Shirley, 4, der Ernte wegen.

Jemand fügt jetzt Zahlen in seine Auswertung, den Blick fest auf ein Foto aus dem All gerichtet, auf dem die Felder von Doña Mercedes im Dunkel des Regenwalds glimmen wie Glühwürmchen.

Der Zauberer der Kokainpaste

Ein Unterstand, mit Wellblech gedeckt, darin eine Plane, ein paar Plastikfässer und eine motorbetriebene Sense. Mehr Gerät braucht es nicht für eine Kokaküche. Der Chemiker kommt auf Bestellung. Wie alle seines Wissens ist er an der rissigen Haut seiner Hände zu erkennen, die aussieht wie von einer Pflugschar aufgebrochen. Er ist 23. Doña Mercedes grüßt ihn knapp. Er macht ihr die meisten Ernten. Der Chemiker tritt in den hüfthohen Haufen Blätter, den die Tagelöhner aufgeschüttet haben, senkt die Sense hinein, sirrend fressen sich die Schneiden durch das Koka. "El Picado", sagt Doña Mercedes. Das Häckseln. Sorgfältig lässt der Chemiker die Sense durch die Blätter fahren, in einer weitschweifigen Bewegung, als wolle er die Blätter streicheln. So geht es eine Stunde.

Ein guter Chemiker zeigt sich an der Sorgfalt, die er auf das Häckseln verwendet. Je kleiner die Stücke, desto besser geben sie ihr Kokain frei. Als der Chemiker zufrieden ist, bereitet er seine Zutaten: Zement, Benzin, Schwefelsäure, Salmiakgeist. Alles da. Er reißt einen Sack Zement auf und streut mit vollen Händen Zementstaub über die zerschnittenen Blätter. "El Salado", sagt Doña Mercedes. Das Salzen. Das Kokain in den Blättern ist ein Alkaloid und gebunden, man muss es herauslocken. Das Zement ist der erste Schritt, das Benzin der zweite. Der Chemiker gießt die Blätter mit Benzin, stopft sie in ein leeres Plastikfass, gießt mehr Benzin dazu, beginnt zu rühren. "El Guarapeado", sagt Doña Mercedes. Das Panschen, so nennen sie es im Witz, weil Guarapo der böse Fusel ist, den man aus Zuckerrohr gärt, und der Fusel aus Koka ihm so gleicht.

Nach drei Stunden Rühren hat der Chemiker einen hellen, gelbgrünen Saft gewonnen, der sich im Fass absetzt. Er tippt den Zeigefinger hinein, leckt ihn ab, nickt. Muss schön sauer schmecken. Dann noch dreimal Rühren, her mit Sieb und Filter, schnell abseien. Einen Schuss Schwefelssäure hinein und noch einen für die Gastgeberin, grinsend ahmt der Chemiker einen Koch nach, Doña Mercedes lacht. Sie kennt das schon. Jeder Chemiker macht einen Zauber aus seiner Mischung, dabei ist der Prozess in Guaviare schon den Kindern vertraut. Es ist Kokainsulfat entstanden, eine Flüssigkeit, die aussieht wie dunkles Bier. Vorsichtig tröpfelt der Chemiker Salmiakgeist hinein, bis eine gummiartige Masse von verwaschenem Braun ausfällt. Das ist Kokainpaste. Getrocknet und verpackt, bekommt Doña Mercedes pro Gramm 2000 Pesos, das sind knapp 70 Cent. Sie ist nun Teil eines Geschäfts geworden, das von ihrer Farm am Rande des Regenwalds bis zur Bar einer Diskothek auf der Hamburger Reeperbahn reicht.

Die Guerilleros

Sie tauchen stets am Ende des Viehpfads auf, automatische Gewehre im Arm und auf den Lippen die Frage: Wo ist der Herr dieser Farm? Wer dann sagt, er handle nicht mit ihnen, der hört die immergleiche Antwort: Kein Problem, wenn du nicht mit uns handelst, handeln wir eben mit deiner Witwe. Sie wiegen die Ware aus, tragen Hersteller und Menge in eine Liste ein, zahlen bar. Wer wagt, seine Paste zu strecken, schwimmt danach tot im Fluss. Deswegen die Liste.

Sie sitzen vor ihren Computerbildschirmen und fügen das gewonnene Wissen in das große Bild ein: Sechs Ernten, das ist gut. An der Küste kommen Kokapflanzer auf zwei, im Dschungel von Putumayo mit Glück auf vier Ernten im Jahr. Drei Felder auf zwei Hektar, das ist Durchschnitt. Die Größe der Felder ist gesunken, wegen der Sprühflugzeuge, die sich mit ihrem Gift auf allzu offensichtliche Felder stürzen; sie liegt nur noch bei 0,85 Hektar pro Pflanzung. Eine eigene Küche, aber nur für Paste, das ist bemerkenswert. Gewöhnlich produzieren Pflanzer gleich Kokainbase, gerade in Guaviare, wo der Staat schwach ist und die Guerilla stark. Sie vermuten einen zauderhaften Farmer und nehmen die Pflanzung in ihre Datenbank auf.

Es gehört zum Wesen des Geschäfts, dass es ohne Unterlass vermessen, berechnet, kalkuliert wird. Die auf der einen Seite stehen, füllen ihre Listen mit Tarnnamen, Containernummern und Koordinaten von Kokainverstecken. Die auf der anderen tun es ihnen gleich und sammeln Datenbanken voller Statistiken, über Festnahmen, Sicherstellungen, Drogenmengen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie das Kokain den kolumbianischen Dschungel verlässt

Der Hansel Mieth Preis... ...wird seit 1998 von der Agentur Zeitenspiegel an besonders engagierte Fotografen-Journalisten-Teams vergeben. 2009 wurden der Autor Roland Schulz und der Fotograf Luca Zanetti für ihre Reportage "Die lange weiße Linie" geehrt. Sie teilen sich den Preis mit dem Autor Stefan Scheytt und der Fotografin Cira Moro, die in ihrer Reportage "Amerika gnadenlos" über in den USA zum Tode verurteilte Kinder und Jugendliche berichteten. Der Hansel Mirth Preis 2008 ging an Wolfgang Bauer und Daniel Rosenthal für ihre Reportage "Die Knochenmühle", in der sie vom Schicksal chinesischer Wanderarbeiter berichteten

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