Nun ist es oft so, dass Experten ihre jeweiligen Positionen mit Studien untermauern, die sie für richtig halten. In dieser Frage scheint die Datenlage aber eindeutig - und trotzdem hält die DGE an ihrer Überzeugung fest. Warum? Darüber lässt sich nur spekulieren. "Einige ältere Professoren haben ihre Karrieren auf dieser Theorie aufgebaut und immer noch das Sagen", meint Ulrike Gonder. "Die lassen sich offenbar auch von harten Fakten nicht überzeugen, denn es würde bedeuten, dass sie sich 40 Jahre lang geirrt haben." Und es hängen Milliardengeschäfte daran: die Diät-Industrie mit ihren Ersatzprodukten für Butter und vollfette Milchprodukte auf der einen, die Pharmaindustrie mit Cholesterinsenkern und Diabetes-Medikamenten auf der anderen Seite.
Für den Verbraucher hat die Position der DGE Konsequenzen: Die Gesellschaft bildet Ernährungsberater aus, die wiederum Patienten beraten. Viele Krankenkassen erstatten oder bezuschussen die Kosten dafür nur, wenn sich die Fachleute an die Empfehlungen der DGE halten. Ärzte verlassen sich auf ihre Informationen und auch Journalisten.
So gilt etwa der Grundsatz, dass Fett 30 bis 35 Prozent der täglichen Energiezufuhr ausmachen sollte, Eiweiß rund zehn und Kohlenhydrate bis zu 60 Prozent. Dabei wird die Sache mit dem Fett noch verzwickter. "Es gibt nicht einmal einen Nachweis dafür, dass Fett für das Entstehen von Übergewicht einen eigenständigen Effekt hat", sagt Gonder. Das heißt: Wenn der Mensch zu viel isst, hat er von allem zu viel - nicht nur Fett, sondern auch Kohlenhydrate und Eiweiß. Einen Freibrief zur Völlerei gibt es nicht. Aber für den Gesunden bringt es keinen Vorteil, Fett auszutauschen oder zu meiden - im Gegenteil. "Wer sich extrem fettarm ernährt, nimmt womöglich zu wenige mehrfach ungesättigte Fettsäuren zu sich. Oder entwickelt einen Mangel an fettlöslichen Vitaminen", sagt Gonder. Außerdem essen Menschen, die auf Fett verzichten, oft umso mehr Kohlenhydrate. Jüngere Studien geben Hinweise darauf, dass eben dies das eigentliche Übel ist, vor allem für jene Menschen mit Bauchansatz, die unter dem Metabolischen Syndrom leiden. In Deutschland sind das Millionen.
2009 gab es sogar eine Untersuchung, in der zwei Ernährungskonzepte miteinander verglichen wurden: die kohlenhydratreduzierte Logi-Diät von Worm und eine fettarme Diät nach DGE-Empfehlung. Die Teilnehmer waren Übergewichtige, die in zwei Gruppen eingeteilt wurden. Ergebnis: Abgenommen haben die Menschen in beiden Gruppen, wobei der Effekt bei der Logi-Kost etwas größer war. Entscheidend war aber, dass die kohlenhydratreduzierte Kost im Hinblick auf die Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen mehr Vorteile brachte. Interessant dabei: Einer der Autoren der Studie ist der heutige Präsident der DGE.