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Kommentar

Wir sollten über Depressionen reden. Jetzt!

Der Amokschütze von München war an Depressionen erkrankt. Doch ob das für den Tathergang eine Rolle spielt, ist fraglich. Seine Tat mit der Krankheit in Verbindung zu bringen, wäre eine fatale Botschaft.

Ein depressiver Mann sitzt an einem Tisch

Depressionen sind auch heute noch mit Vorurteilen behaftet

Die neue Diskussion ist eigentlich eine alte. Sie wurde schon einmal geführt, damals, im März 2015, als Co-Pilot Andreas Lubitz eine Germanwings-Maschine in die französischen Alpen steuerte und 150 Menschen mit in den Tod riss. Lubitz litt an Depressionen – wie auch Ali David S., der vergangenen Freitagabend in einem Münchner Einkaufszentrum um sich schoss und neun Menschen tötete.

Die Fälle ähneln sich in keiner Weise, und doch werden sie in der öffentlichen Wahrnehmung miteinander verknüpft. Beide Täter waren männlich. Beide litten unter psychischen Problemen. Und beide töteten auf sinnlose Weise. Das bietet Raum für Spekulationen – und verleitet zu teilweise kruden Theorien. "Bringen Depressionen Mörder hervor?", fragte etwa ein Hamburger Boulevardblatt. "Führen Depressionen in den Amoklauf?", betitelte eine große überregionale Zeitung einen Artikel zum Thema.

Das tun sie natürlich nicht. Doch es sind Vermutungen wie diese, die zeigen, wie groß das Unwissen über Depressionen ist. Und wie groß das Stigma, das Betroffenen anhaftet. Auch heute noch.

Eine Depression ist eine Krankheit, keine Befindlichkeitsstörung. Sie wird von einem Arzt diagnostiziert. Wer an ihr erkrankt, erhält Medikamente und eine Therapie. Eine Depression ist kein unausweichliches Schicksal, sondern gut zu behandeln. Und: Sie kann jeden treffen.

Es ist bezeichnend und traurig, dass die Stiftung Deutsche Depressionshilfe am Sonntag eine Stellungnahme veröffentlichen musste – zwei Tage nach dem Amoklauf in . Bezeichnend ist auch die Überschrift des kurzen Schreibens: "Depression ist nicht die Ursache für den Amoklauf."

Depression: Ängste sollten echten Informationen weichen

Selbst wenn der junge Täter wegen einer behandelt worden sei, bedeute dies nicht, "dass diese bei der Tat eine Rolle gespielt hat", heißt es darin. Vielmehr das Gegenteil sei der Fall: "Depressiv erkrankte Menschen sind im gesunden Zustand meist besonders verantwortungsvolle, fürsorgliche Menschen. In der depressiven Krankheitsphase neigen sie zu übertriebenen Schuldgefühlen, und dies ist sogar ein zentrales Diagnosemerkmal. Sie geben immer sich selbst die Schuld, nicht anderen und würden deshalb nie auf den Gedanken kommen, fremde Menschen in einem Amoklauf zu töten." Auch gebe es keine Hinweise, dass depressiv Erkrankte häufiger Gewalttaten als andere begehen.

Wer Depressive dennoch zu Tätern macht, denkt in Schwarz-Weiß-Mustern und schürt die Stigmatisierung Betroffener. Als könnte eine Krankheit einen Grund liefern für all das Gräuel, das diese Menschen in die Welt gebracht haben.

Es ist wichtig, dass depressive Menschen Hilfe bekommen und sich vertrauensvoll an Ärzte wenden können. Dass sie offen mit Freunden, Arbeitgebern und Familie über ihre Wünsche, Probleme und Ängste sprechen. Eine unsachliche "Täter"-Zuweisung steht diesem Prozess nur im Wege.

Damit in Zukunft Depressiven noch besser geholfen werden kann, muss das Thema endlich enttabuisiert und Vorurteile abgebaut werden. Über Depressionen sollte mehr gesprochen und geschrieben werden – im Freundeskreis, aber auch auf der Arbeit. Erst dann können irrationale Ängste echten Informationen weichen.

Am besten fangen wir noch heute damit an.

Antworten auf häufig gestellte Fragen zum Thema Depression hat die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hier zusammengestellt. Hilfe bei akuten Krisen bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar.

Ein Kommentar von Ilona Kriesl

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