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"Die Leute um dich herum sterben wie die Fliegen"

Das "Time Magazine" kürte Ella Watson-Stryker zur Person des Jahres – für ihren Kampf gegen Ebola. Im stern-Interview erzählt die Ärztin, wie sie und ihre Kollegen die Lage vor Ort erlebt haben.

  Ella Watson-Stryker war während der Ebola-Epidemie in Westafrika für "Ärzte ohne Grenzen" vor Ort, bildete Helfer aus und packte mit an. Das "Time Magazine" ehrte sie und ihre Kollegen dafür schon Ende 2014 als Personen des Jahres.

Ella Watson-Stryker war während der Ebola-Epidemie in Westafrika für "Ärzte ohne Grenzen" vor Ort, bildete Helfer aus und packte mit an. Das "Time Magazine" ehrte sie und ihre Kollegen dafür schon Ende 2014 als Personen des Jahres.

Von Anfang 2014 bis weit in das Jahr 2015 hinein tobte in Westafrika das todbringende Ebola-Fieber. 28.640 Menschen steckten sich an. 11.315 starben. Obwohl die Krankheit und ihre extreme Gefährlichkeit bekannt sind, gab es immer wieder Schwierigkeiten, die Lage zu beherrschen. Gerüchte besagen: Die Menschen vor Ort wollten sich nicht helfen lassen, sie scheuten den Kontakt mit ausländischen Ärzten in ihren "Mondanzügen", sie seien gefangen gewesen in altertümlichen Brauchtum. Doch wie war es wirklich?

Ella Watson-Stryker war dort. Für "Ärzte ohne Grenzen" unterstützte sie örtliche Initiativen. Sie bildete Helfer aus, packte zu, wo immer es ging. Dafür ehrte das "Time Magazine" sie und ihre Kollegen schon Ende 2014 als Personen des Jahres – ein Jahr vor Angela Merkel. Doch die Seuche tobte weiter. Und die Helfer halfen weiter. Erst im September 2015 wurde Liberia als letztes der betroffenen westafrikanischen Länder für ebolafrei erklärt. Die Seuche ist zwar vorüber, doch für Ella Watson-Stryker bleibt mehr als die Erinnerung. Im Interview erzählt sie, wie der Kampf gegen Ebola ablief und was in Zukunft zu tun ist.

Frau Watson-Stryker, welche Erinnerungen bleiben?

Du siehst jeden Tag Menschen, für die du keine heilende Behandlung hast. Für Malaria, ja sogar für seltene tropische Erkrankungen gibt es erfolgreiche Therapiemethoden. Ebola ist anders. Hier haben wir kaum Fortschritte gemacht. Extrem gefährlich, extrem ansteckend, unheilbar – tödlich. Wer mit Ebola zu tun hat, braucht ein spezielles Training. Das ist überlebensnotwendig.

Sie haben dieses Training durchgeführt?

Wir waren 15 Experten von außerhalb. Wir haben 425 lokale Helfer ausgebildet. Und gelernt: das Problem war nicht Ebola. Das Problem war das Management des Ausbruchs. Lokale Politiker nahmen keine Notiz von den ersten Warnzeichen. Kein Staat will zugeben, dass in seinem Land Ebola wütet – schädlich für die Wirtschaft, schädlich für den Tourismus. Politik verlangsamte die Hilfe. Ich fürchte, weil die Kranken eine Minderheit sind, keine politisch bedeutsame Größe. Anfangs fanden wir kein Gehör. Selbst die Weltgesundheitsorganisation hat uns Übertreibung vorgeworfen. Du siehst Leute um dich herum wie die Fliegen sterben, und weder die Regierung, noch die internationale Gemeinschaft will es wahrhaben. So habe ich das anfangs erlebt.

Man hat später den Menschen in den Dörfern die Verantwortung zugeschrieben, sie seien zu störrisch, um sich wirksam zu schützen.

Zunächst hatte ich den Eindruck, dass viele den Ärzten und den Hospitälern nicht trauten. Wir mussten gemeinsam Vertrauen schaffen. Das gelang. Liberia etwa hat am besten auf den Ausbruch reagiert. Sie haben den Ausbruch sozusagen mehr wahrhaben wollen als Guinea oder Sierra Leone. Stämme und deren Oberhäupter haben sich zusammengetan und uns Helfer benachrichtigt: "Wir wollen selbst helfen! Bringt uns das bei!" So konnten wir alle Ressourcen, Hilfsmittel und Informationen, die wir besaßen, in die Hand der lokalen Helfer geben. Das war entscheidend: Wie die Leute mit unserer Hilfe am besten selbst weitermachen, die lokalen Gemeinschaften, dass wir ihre Selbsthilfe voranbringen.

Wie überwindet man die Fremdheit, die zwischen entfernten Kulturen liegen mag?

Das Schreckliche an Ebola ist: Es separiert die Leute voneinander. Eltern können ihre infizierten Kinder nicht beim Sterben begleiten, Kinder nicht ihre infizierten Eltern. Wer erkrankt, muss von allen anderen getrennt werden, Familien werden zerrissen. Das sind Afrikaner nicht gewohnt. Keine Begleitung, keine helfende Handreichung. Du stirbst qualvoll und allein. Als Erwachsener, als Kind. Wer will das? Warum soll das leicht zu akzeptieren sein? Sehr grausam ist es, die Toten nicht traditionell bestatten zu können, ihnen Respekt und Liebe zu erweisen. Es ist diese radikale Isolation der Kranken, die diese Krankheit zum furchtbaren Trauma macht.

Das Bild vom naiven Landbewohner, der vor dem Schutzanzug davonrennt, ist also falsch?

Sie hatten keine Angst vor uns in unseren Astronautenanzügen und unserem seltsamen Gebaren. Weil wir alles erklärt und Vertrauen gewonnen haben. Das kannst Du nur erreichen, wenn die Helfer vor Ort Dir vertrauen. Wir mussten den Menschen die Kontrolle zurückgeben, dann kontrollieren sie sich selbst. Dann funktioniert das. Wir haben erklärt, wie man sich selbst effektiv schützt. Und wenn sie damit einverstanden waren, ihre Leute nicht wie bisher zu bestatten, selbst, wenn das unendlich schwer fiel, dann wussten wir, wir haben das Vertrauen gewonnen.

Ich empfinde das Bild, das sie zeichnen, als sehr positiv.

Positiv ist, zu erfahren, was man erreichen kann. Und dennoch ist wahr: Es dauerte fünf Monate bis die ersten großen Hilfsorganisationen ansprangen, bis sie sich für Westafrika interessierten und uns halfen. Wir dürfen in Zukunft nicht erlauben, dass Gesundheitssysteme versagen, dass Menschen nicht geholfen wird, dass die internationale Gemeinschaft solche Katastrophen lange ignoriert.

Was muss geschehen?

Wir müssen daraus lernen: Wir waren zu wenige, und viele andere kamen sehr, sehr spät. Wir standen vor Entscheidungen wie: Wer stirbt im Hospital-Bett, wer stirbt auf der Straße? Es waren einfach zu viele. Wenn dem Tod geweihte Eltern Dir, wenn es zu Ende geht, ihr Baby überreichen wollen, dann weißt Du, dass Dir die Berührung mit diesem Baby den Tod bringen kann. Ich habe das Baby entgegengenommen und es auf den Arm genommen. Ich werde beim nächsten Ausbruch, wenn er denn kommt, wieder hingehen. Ich gehe dahin, wo ich gebraucht werde. Das ist mein Job. Das ist das, was ich mache.

Interview: Ralph Kray
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