Sinnvolle Auswahl oder Designer-Babys?

6. Juli 2010, 11:25 Uhr

In der Debatte um Gentests an künstlich befruchteten Eizellen fürchten Kritiker Kinder aus dem Katalog. Heute beschäftigt sich der BGH mit dem sensiblen Thema. Er könnte ein Grundsatzurteil fällen. Von Lea Wolz

Gentests an Embryonen, BGH, Präimplantationsdiagnstik, PID, pränatale Diagnostik

Wo sind die Grenzen der modernen Fortpflanzungsmedizin? Eine Eizelle wird hier gerade im Labor befruchtet©

Darf ein Mediziner künstlich befruchtete Eizellen mit einem Gentest auf mögliche Krankheiten untersuchen – und dann entscheiden, ob er diese vernichtet oder in die Gebärmutter einpflanzt? Oder macht er sich in diesem Fall strafbar? Heute beschäftigt sich der Bundesgerichtshof mit dieser heiklen Frage. Das Urteil könnte weitrechende Konsequenzen haben, denn es geht dabei auch um die Auslegung des Embryonenschutzgesetzes.

Ausgelöst hat die aktuelle Debatte ein Berliner Mediziner. Bei drei erblich vorbelasteten Paaren, die sich für eine künstliche Befruchtung entschieden hatten, hatte er Gentests an Embryonen vorgenommen. Danach pflanzte er den Frauen nur die Embryonen ein, bei denen kein Gendefekt gefunden worden war. Die anderen bebrütete er nicht mehr, sie starben. Um Rechtssicherheit zu schaffen, zeigte der Mediziner sich anschließend selbst an. Nun muss das oberste deutsche Gericht entscheiden, ob er sich strafbar gemacht hat.

Ein Gesetz mit Spielraum

Damit zwingt der Fall die Richter, Stellung zu einem seit Jahren kontrovers diskutierten Thema zu beziehen. Ärzte und betroffene Eltern warten mit Spannung darauf, wie sich der BGH entscheidet. Denn das Verfahren mit dem sperrigen Namen Präimplantationsdiagnostik (PID) ist in Deutschland verboten. Jedenfalls nach der bis jetzt gängigen Lesart des Embryonenschutzgesetzes. Das sieht unter anderem eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren für denjenigen vor, der einen im Reagenzglas erzeugten Embryo zu einem "nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck" verwendet. Als Embryo gilt die "bereits befruchtete, entwicklungsfähige menschliche Eizelle vom Zeitpunkt der Kernverschmelzung an". Pro Behandlung dürfen in Deutschland maximal drei Embryonen aus befruchteten Eizellen heranreifen und diese müssen gleichzeitig in die Gebärmutter eingesetzt werden.

Für die PID lassen Mediziner mehr Embryonen heranreifen, als sie der Frau einsetzen. Zumeist am dritten Tag nach der Befruchtung wird eine Zelle des Embryos entnommen und das Genom auf Erbkrankheiten untersucht. Die Zellen gelten zu diesem Zeitpunkt als "totipotent", können sich also selbst noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt. In dem Berliner Fall, der jetzt vor Gericht verhandelt wird, hat der Arzt ein paar Tage später im sogenannten Blastozystenstadium Zellen entnommen, die sich noch in verschiedene Gewebe entwickeln können und als "pluripotent" gelten. Für den Test selbst opferte er somit der offiziellen Definition nach kein Leben, doch im Anschluss wählte er aus den getesteten Embryonen aus.

Grenzüberschreitung oder nicht?

Hat der Berliner Mediziner somit eine Grenze überschritten? Das Berliner Landgericht sah dies nicht so. Es hatte den Arzt bereits im Mai 2009 von dem Vorwurf freigesprochen, das Embryonenschutzgesetz verletzt zu haben, da der Wortlaut des Gesetzes eine PID nicht verbiete. Der Gesetzgeber habe zwar die Zucht von Embryonen zu reinen Forschungszwecken verboten, nicht aber eine "Selektion wegen erheblicher schwerster Schäden". Der Arzt habe zudem in der Absicht gehandelt, bei seinen Patientinnen eine Schwangerschaft herbeizuführen. Da die Frauen die kranken Embryonen nicht eingesetzt bekommen wollten, habe der Mediziner diesem Wunsch folgen müssen. Denn einen Transfer der Eizellen gegen den Willen der Frau verbietet das Embryonenschutzgesetz ebenfalls. Die Berliner Staatsanwaltschaft legte allerdings Revision gegen das Urteil ein.

Jan-Steffen Krüssel, Fortpflanzungsmediziner an der Uni Düsseldorf und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, wünscht sich, dass der BGH das Urteil des Berliner Landgerichtes bestätigt. Die PID wie in anderen Ländern auch für einen eng begrenzten Personenkreis zuzulassen, hält er für sinnvoll. "Für 150 bis 200 Paare pro Jahr mit schweren genetischen Erkrankungen könnte es von Nutzen sein und die Erfolgsaussichten der künstlichen Befruchtung erhöhen", sagt der Mediziner. "Wäre es erlaubt, die Embryonen in diesen Fällen nach den besten Entwicklungsmöglichkeiten auszusuchen, bliebe diesen Paaren viel Leid zum Beispiel durch Fehlgeburten oder Schwangerschaftsabbrüche erspart." Und sie müssten zur Behandlung nicht in andere Länder wie Belgien, Frankreich oder England fahren, in denen die PDI erlaubt ist.

Angst vor Designer-Babys

Für Krüssel ist es zudem nicht schlüssig, dass die PID in Deutschland verboten, die pränatale Diagnostik und damit ein Test auf Krankheiten des Kindes im Mutterleib dagegen erlaubt ist. Wird dabei eine Behinderung festgestellt, ist eine Abtreibung des Fötus unter bestimmten Voraussetzungen möglich. "Eine Vorauswahl durch die PID könnte Schwangeren diese Qual und den schlimmeren Gewissenskonflikt ersparen", meint Krüssel.

Kritiker der PID befürchten, dass die Methode irgendwann nicht nur bei Paaren mit genetischen Defekten angewendet wird. Tatsächlich wird in Ländern, in denen die PID zugelassen ist, ein Vorgehen immer häufiger abgenickt, das eigentlich nur unter engen Voraussetzungen erlaubt ist: Die bewusste Zeugung von sogenannten "Retterbabys", deren Gewebe mit dem eines kranken, auf Stammzellen angewiesenen Geschwisterkindes übereinstimmt. Schlagworte wie Designerbabys tauchen in der Debatte auf. Die Idee, dass die PID Kinder aus dem Katalog ermöglicht, ist für Krüssel aus der Luft gegriffen. "Seriöse Ärzte sortieren Embryonen nicht nach Geschlecht aus", sagt er. "Ein Rundum-Screening ist bei der PID ohnehin nicht möglich, je nach Paar wird gezielt nach vorkommenden Erbkrankheiten gesucht." Auch in England, wo die Methode seit 1990 erlaubt ist, habe sie nicht zu einem Dammbruch geführt.

Rechtssicherheit als Ziel

Genau diesen befürchtet allerdings Giovanni Maio, Medizinethiker aus Freiburg, sollte der BGH dem Urteil des Berliner Landgerichtes folgen. Die PID kommt für ihn einer Auswahl gleich, "welcher Mensch leben darf und welcher nicht". Irgendwann werden dann die Embryonen nach den Wünschen der Eltern ausgesucht, vermutet er. "Ist die PID einmal erlaubt, bekommen sie dieses Tor nie mehr zu." Würde diese Methode zugelassen, würde das am Rande auch andere Fragen berühren. Denn die nicht verwendeten Embryonen wecken Begehrlichkeiten - zum Beispiel von Stammzellforschern. Maio sieht den Gesetzgeber daher in der Pflicht, das Embryonenschutzgesetz in Bezug auf die PID eindeutig zu formulieren.

Dass es nötig ist, in dieser Frage Rechtssicherheit zu schaffen, finden auch andere. Die Bundesärztekammer legte bereits vor zehn Jahren einen Diskussionsentwurf zu einer PID-Richtlinie vor. Auch deutsche Ethikgremien sprachen sich dafür aus, die Rahmenbedingungen für diese Methode zu präzisieren, etwa mit einem Fortpflanzungsmedizingesetz.

Ob die Richter noch am Dienstag ein Urteil aussprechen, ist offen. Die Bundesanwaltschaft ging in ihrer Antragsschrift davon aus, dass die Strafbestände im Fall des Berliner Arztes nicht erfüllt sind. Der BGH ist daran zwar nicht gebunden. Spricht das Gericht den Mediziner allerdings frei, wird sich auch die Politik wieder mit dem Thema PID befassen und das Embryonenschutzgesetz eindeutig formulieren müssen.

So unterschiedlich ihre Meinungen auch sind. Bei einem sind sich Krüssel und Maio einig: Es ist gut, dass der BGH sich mit dem Thema beschäftigt.

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KOMMENTARE (9 von 9)
 
blablubbla (08.07.2010, 13:03 Uhr)
Oh man, manche von Euch sollten erstmal lesen, was sie selbst überhaupt geschrieben haben! Da wird einem ja schlecht bei manchen Kommentaren! Wie kann es sein, dass man es erlaubt voll entwickelte Lebewesen abzutreiben-zu töten-"nur" weil sie eine Krankheit haben, aber gegen etwas ist, was dies vermeiden - verringern könnte?! Es ist jawohl besser einen 3-Tage alten Zellhaufen zu "Selektieren" , als einen lebenden Menschen?! Also sprecht nicht von Selektion darf nicht sein, deshalb sollte es verboten sein mit der PID.... die Selektion passiert schon lange ständig auf viel brutalerer weise durch Abtreibung!
Mein Gott, denkt doch erstmal etwas nach, bevor man sich anmaßt, gewisse Meinungen zu äußern! Traurig geht die Welt zu Grunde durch Menschen die nicht um die Ecke denken können! Leute die keine Ahnung von dem ganzen haben, die sich überhaupt nicht annähernd mit dem Thema auskennen, sollten echt schweigen, oder sich voher vernünftig mit dem ganzen auseinandersetzen!
Nachtnelke (07.07.2010, 00:37 Uhr)
Mensch ist nur Teil, nicht Macher der Evolution
Die Evolution ist so umfassend und komplex, dass der Mensch sie nicht verstehen KANN. Deshalb soll er es unterlassen, darin herumzubasteln, denn es schadet nur ihm selbst.
Nachtnelke (07.07.2010, 00:34 Uhr)
Ihr pfuscht damit nur an euch selber
Der bekannte Physiker Bernhard Philberth schreibt in seinem Buch "Der Souverän", dass es ein Verbrechen ist, die Zygote (befruchtete Eizelle, Embryo) zu manipulieren und zu malträtieren, und beschreibt die üblen Folgen.

siehe auch
"?Geschäft Abtreibung? ? Ein dreckiges Geschäft mit dem Tod wird enthüllt":

http://www.blauenarzisse.de/v3/index.php/rezension/1727-geschaeft-abtreibung-ein-dreckiges-geschaeft-mit-dem-tod-wird-enthuellt

"...die kleine Vorstellung der bestehenden Abtreibungsmethoden soll nur als Einstieg dienen: Denn hauptsächlich soll es um das Geschäft gehen, das nach der Abtreibung betrieben wird: Ein Geschäft mit Föten, mit dem Unternehmen Milliardengewinne erzielen."

Denen wird genau der Himmel auf den Kopf fallen, den sie uns wegnahmen und zerstörten.
Luciano (06.07.2010, 18:56 Uhr)
Super, Designerkinder!
Und wenn dann eines dieser super gesunden Kinder durch irgendeinen dummen Schicksalschlag doch mal querschnittsgelehmt oder geistig behindert sein sollte, bringt man es zum Arzt und lässt es einschläfern. Anschließend kann man gleich die nächste Kind-Bestellung abzugeben.
Aber in meinem Vorkommentator Recht geben: Es ist nur konsequent:
Eine Gesellschaft die pervers genug ist ihre eigenen Kinder im Mutterleib zu töten _muss_ früher oder später auf so schräge Ideen kommen.
Daneel (06.07.2010, 15:57 Uhr)
Man muss konsequent sein
"Darf ein Mediziner künstlich befruchtete Eizellen mit einem Gentest auf mögliche Krankheiten untersuchen ? und dann entscheiden, ob er diese vernichtet oder in die Gebärmutter einpflanzt? Oder macht er sich in diesem Fall strafbar?"

Egal, wie man hierzu steht, muss man zugeben, dass es nicht konsequent, wenn man das Kind wegen derselben genetischen Defekts (durch Fruchtwasseruntersuchung festgestellt) noch in der 20. Woche abtreiben kann.
acitapple (06.07.2010, 15:26 Uhr)
HHMM
klar, man muß eine grenze ziehen. den horrer der design-schwangerschaft möchte ich nicht erleben. ABER: in diesem fall gebe ich dem arzt recht. er hat den eltern ermöglicht ein gesundes kind zur welt zu bringen. es ist nicht so als hätten die sich ein blondes kind mit blauen augen gewünscht und der arzt hätte so lange rumgefummelt, bis es soweit war. es ging hier um eine erbkrankheit.

ich finde es viel moralischer die möglichkeit zu ergreifen, einem neugeborenen eine menschenwürdige zukunft zu ermöglichen, statt auf teufelkommraus leben zu erhalten, egal wie erbärmlich dieses leben aussehen würde. tri.star hat das auch schon erwähnt.
Wahrhyde (06.07.2010, 14:47 Uhr)
"Sinnvolle Auswahl" bedeutet Selektion
Das Wort "Selektion" ist mit Recht aufs Schwerste belastet. Es darf hier kein Aufweichen geben. Die Büchse der Pandora muss geschlossen bleiben.
h.o.n.k. (06.07.2010, 14:47 Uhr)
Das wär doch geil!!!
Wähler, die ihr Kreuz immer an der richtigen Stelle machen! Soldaten, die ohne zu hinterfragen tun, was man ihnen befiehlt (noch mehr als jetzt). Mütter, die ohne Murren ihre Küche und ihre Kinder versorgen. Männer, die für Hungerlöhne arbeiten gehen, mit muskulösen Körpern Fließbänder ersetzen. Wahrhaftig, was für Zeiten! Und über allem ein Patent von Dupont oder Bayer oder wem auch immer.
tri.star (06.07.2010, 14:12 Uhr)
sorry so nicht
Ich bin kein Gegner des medizinischen Fortschritts, aber wenn ein Paar nicht schwanger wird, dann ist das eben so. Ich halte die ganzen künstlichen Bemühungen doch irgendwie ein Kind zu basteln für falsch. Es gibt genug hungernde Kinder auf der Welt, da sollte man schauen, ob man nicht eins adoptiert.

Wenn es denn aber unbedingt sein muß, künstlich Schwangerschaften zu erzeugen und es andererseits möglich ist, festzustellen ob die Babys dann überhaupt gesund sein werden, dann sollte man das auch testen. Ich denke es ist nicht hilfreich künstlich behinderte Babys zu erzeugen, das kann doch niemand wünschen.
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