Viele Medikamente sind Kopien von anderen - für die Pharmaindustrie ein einträgliches Geschäft. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig) soll diese Scheininnovationen, die das Budget der Krankenkassen belasten, aussieben - gegen den erbitterten Widerstand der Pharmalobby. Von Jens Lubbadeh

Köln-Kalk auf der "schäl Sick": Hier würde man sicher nicht einen der wichtigsten Bausteine der Gesundheitsreform erwarten© Jens Lubbadeh
Für seine zahlreichen Kritiker passt es vielleicht wie die Faust aufs Auge, dass es auf der "schäl Sick" gelegen ist - der "scheelen", schlechten Seite, wie der Kölner alle Stadteile auf der rechten Rheinseite nennt. Für seine Befürworter jedoch könnte die Lage im ehemaligen Arbeiter- und Problem-Stadtteil Köln-Kalk symbolischer nicht sein: Hart arbeitend, unprätentiös und unabhängig soll das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz Iqwig, sein. Aufräumen soll es im deutschen Gesundheitssystem. Und dafür muss sich das Iqwig mit einer der einflussreichsten Lobbys Deutschlands anlegen: der Pharmaindustrie.
Ihren Basisauftrag zu erfüllen - jedem Versicherten eine angemessene Basisgesundheitsversorgung zu gewährleisten - ist für die gesetzlichen Krankenkassen zunehmend schwerer geworden im Dschungel der Präparate.
"In Deutschland haben wir doppelt so viele Medikamente wie einige Länder rund um uns herum, ohne dass die Patienten dort schlechter versorgt sind", sagt Peter Sawicki, Leiter des Iqwig. Man will das Notwendige und nicht das Überflüssige, das, was dem Patienten wirklich nutzt und das zu einem angemessenen Preis. Und nicht zu dem, den die Pharmakonzerne in der Regel selbst für ihre Präparate festlegen - und den die Krankenkassen zahlen müssen.

Wie eine kleine Trutzburg wirkt die Dillenburger Str. 27, wo das Iqwig beheimatet ist© Jens Lubbadeh
An der Haltestelle Trimbornstraße in Köln erwartet einen die kulturelle Vielfalt des wieder auf die Beine gekommenen Köln-Kalk. Genauso wenig wie man das Gesundheitsministerium in Berlin-Kreuzberg erwartet, vermutet man eines der wichtigsten Bollwerke der 2004er Gesundheitsreform neben einer arabischen Bäckerei, Massimos mittlerweile geschlossener Pizzeria und der "Jolly-Bar". Weit weg von den Wahrzeichen Kölns, dem Dom und der Hohenzollernbrücke, die nur noch als Schemen sichtbar sind.
Abgelegen an einer Kreuzung in Köln-Kalk, errichtet von dem Geld von 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten für die Interessen von 70 Millionen Krankenversicherten, wirkt das Gebäude in der Dillenburger Str. 27 wie eine kleine Trutzburg. Man fragt sich, ob man hier, neben der verlotterten Werkhalle des ehemaligen Motorenbetriebs Klöckner-Humboldt-Deutz, tatsächlich richtig ist. Doch die schlichte Inschrift an der Glastür räumt den letzten Zweifel aus: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Eingang 2. Stock. Herein in die Trutzburg.

Noch etwas verloren residiert das Iqwig in dem nüchternen Neubau© Jens Lubbadeh
In den langen, mit grauem Teppichboden ausgelegten Gängen, residiert seit zwei Jahren Institutsleiter Peter Sawicki über mittlerweile rund 60 Mitarbeiter, die auf viert Stockwerke verteilt sind. PTS nennen sie ihn, aber nicht, weil er etwas Besonderes ist. Viele sprechen sich mit ihren Initialen an - eine Marotte der ganzen Mannschaft.
Das Iqwig hatte im Jahr 2004 einen schweren Start - die Schublade war schnell gefunden, in die es hineingepackt wurde - zu tief saß wohl noch die Enttäuschung über die Reform-Flickschusterei. Als reines Sparinstitut wurde das Institut abgekanzelt, einzig und allein dazu da, die explodierenden Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Und das - so die Kassandrarufe der Lobbyisten - womöglich noch auf Kosten der Gesundheit der Versicherten.
Doch das Iqwig ist keine Finanzbehörde, in der Excel- Tabellen rauf- und runtergescrollt werden. Hier sind Wissenschaftler am Werk, Mediziner, die das zu tun, was alle Wissenschaftler tun: Theorien bestätigen oder widerlegen. Ihre Arbeit füllt eine klaffende Lücke im deutschen Gesundheitssystem. Denn bislang gab es keine unabhängige Instanz, keinen TÜV, keine Stiftung Warentest, die Medikamente auf ihren Nutzen hin überprüft.
Evidenzbasierte Medizin "EBM ist der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten externen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten. Die Praxis der EBM bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestmöglichen externen Evidenz aus systematischer Forschung."
David L. Sackett et al. - Was ist evidenz-basierte Medizin und was nicht?