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23. Juni 2008, 11:18 Uhr

Wie Medikamente die Umwelt belasten

Täglich landen Arzneimittel und ihre Abbauprodukte in Flüssen und Seen. Dass sie Fische schädigen, ist belegt. Welche Risiken die Abfälle für den Menschen bergen, ist noch ungeklärt. Wie Wasserexperten das Problem lösen wollen - und was die Pharmaindustrie tun könnte. Von Martina Janning

Die meisten Menschen werfen abgelaufene Medikamente unüberlegt weg© Picture-Alliance/DPA

Der Hustensaft aus dem Winter 1998, das übrig gebliebenen Antibiotikum oder die Schmerztabletten, die Tante Leni vergessen hat: Fast jeder Deutsche hat eine Arznei-Leiche in seiner Hausapotheke. Nur wohin damit? Lediglich 29 Prozent entsorgen nicht verbrauchte Medikamente so, wie sie sollten, und geben sie in einer Apotheke ab. Das zeigte eine Studie des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE). 43 Prozent hingegen werfen Medikamentenreste in den Hausmüll oder kippen flüssige Arzneimittel in Toilette und Ausguss, wo sie direkt in den Wasserkreislauf gelangen. Viele Menschen glauben, sie tun der Umwelt etwas Gutes, wenn sie Arzneiflaschen aus Glas entleeren, spülen und zum Recycling tragen. Das Gegenteil der Fall.

Im WC entsorgte Arzneistoffe gelangen in den Wasserkreislauf, denn Kläranlagen filtern sie oft nicht heraus. Das Gleiche gilt für eingenommene Medikamente. Der menschliche Körper kann Arzneien häufig nicht komplett verwerten, oder es entstehen Abbauprodukte, die mit dem Urin ausgeschieden werden. Diese Pharmaka gelangen über Abwasserkanäle und Klärwerke in die Gewässer. Andere Arzneimittel und Abbauprodukte nehmen den direkten Weg: In Großstädten wie Paris, New York oder Berlin, die eine alte Kanalisation haben, versickern bis zu 30 Prozent des Abwassers ungeklärt durch undichte Rohre in den Untergrund, schätzt der Geowissenschaftler Michael Bau.

Oft wird nicht richtig gesucht

Wie viel Schaden Pharmastoffe im Wasserkreislauf anrichten können, weiß niemand genau. Vom Trinkwasser gehe derzeit keine Gesundheitsgefahr aus, betonen Experten einhellig. Kein Mensch könne in seinem Leben so viel Trinkwasser zu sich nehmen, dass sich die aktuell vorhandenen Belastungen zu einer schädlichen Dosis addieren. "Mögliche chronische Effekte, auch von kleinsten Dosen, sind aber nicht erforscht", schränkt Florian Keil vom ISOE ein.

In deutschen Gewässern haben Wissenschaftler bisher gut 30 Arzneistoffe nachgewiesen, die in umweltrelevantem Umfang vorhanden sind. Weltweit fanden Forscher rund 100 Arzneistoffe in Seen, Flüssen und Trinkwasserreservoirs. Zugelassen sind in der EU rund 3000 Pharmaka, und allein in Deutschland werden pro Jahr etwa 31.000 Tonnen Wirkstoffe verkauft. Hinzu kommen circa 2500 Tierarzneimittel. "Bislang haben sich zwar nur wenige Pharmastoffe als umweltschädlich erwiesen, das heißt aber nicht, dass es nicht noch mehr gibt", sagt Keil. "Es wurde nur nicht danach gesucht oder die komplexen Stoffe sind mit derzeitigen Messmethoden nicht erfassbar."

Fische verweiblichen

Aufgefallen ist zum Beispiel Diclofenac, ein Wirkstoff gegen Schmerzen. Er schädigt Leber und Nieren von Fischen. Hormone, vor allem Östrogene aus den Anti-Baby-Pillen, bringen den Hormonhaushalt von männlichen Fischen durcheinander. Sie verweiblichen, produzieren Eizellen anstatt Spermien und pflanzen sich nicht mehr fort. "Fische reagieren auf Hormone viel sensibler als Menschen", erklärt Thomas Ternes von der Bundesanstalt für Gewässerkunde. Im Trinkwasser soll es seiner Aussage nach keine Östrogene geben. Dafür sorge die gründliche Aufbereitung des Trinkwassers.

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