. .
Gesundheit - News und Ratgeber
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
27. Januar 2011, 21:20 Uhr

Keimnest Krankenhaus

Wer ins Krankenhaus kommt, hofft auf Hilfe. Doch jährlich erkranken gerade dort Hunderttausende Patienten - wegen mangelnder Hygiene. Nun will die Koalition dagegen vorgehen, Erfolg noch zweifelhaft. Von Lea Wolz

Keimnest Krankenhaus, MRSA-Infektionen, MRSA, Krankenhausinfektionen, nosokominale Infektionen, Zastrow

Der Kugelkeim Staphylococcus aureus ist mittlerweile gegen die meisten Antibiotika resistent© Fabrizio Bensch/Reuters

In Fulda entsetzt ein neuer Hygiene-Skandal im Klinikum die Öffentlichkeit. Wiederholt war dort mit Blutresten und Flugrost verschmutztes OP-Besteck entdeckt worden. Doch mangelnde Hygiene in Krankenhäusern ist nicht nur in Fulda, sondern deutschlandweit ein Problem. Daher plant die Koalition nun gegen diese Schlamperei vorzugehen. Wie erfolgversprechend sind die Pläne? Und wie schlimm ist es tatsächlich um die Sauberkeit in deutschen Krankenhäusern bestellt?

Glaubt man Hygiene-Experten, dann haben sich die deutschen Kliniken schon längst zu gefährlichen Keimnestern entwickelt. Klaus-Dieter Zastrow, Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin am Berliner Vivantes-Klinikum und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), kämpft seit Jahren gegen die Hygiene-Schlamperei in den Kliniken. "Jedes Jahr infizieren sich bundesweit um die 800.000 Menschen mit Krankenhauskeimen", sagt er. "40.000 Menschen sterben daran." Allerdings sind diese Zahlen geschätzt, denn eine allgemeine Meldepflicht für Infektionen, die sich Patienten erst im Krankenhaus einfangen, gibt es nicht. Bis zu einem Drittel der Fällle wäre Fachleuten zufolge allerdings vermeidbar - vor allem durch bessere Hygiene.

Schlamperei, Überlastung, Unwissenheit

Denn oftmals ist neben Schlamperei, Ignoranz und Überlastung auch schlichtweg Unwissenheit dafür verantwortlich, dass sich Patienten in der Klinik mit gefährlichen Keimen infizieren. "Viele Ärzte oder Pfleger kennen die einfachsten Hygieneregeln nicht", kritisiert Zastrow. So ziehe mancher Arzt zwar sterile Handschuhe an, greife dann aber während des Verbandwechsels gedankenlos in die Tasche, da das Handy klingele - und habe damit schon Keime an den Händen. Andere verzichteten auf einen Mund- und Nasenschutz, wenn sie Venenkatheter legen. Mitunter sei auch nicht bekannt, dass Desinfektionsmittel 30 Sekunden einwirken müssen.

Dabei kann diese Nachlässigkeit verheerende Folgen haben. Mancher verlässt die Klinik kranker, als er eingeliefert wurde. "Es kann vorkommen, dass ein Patient wegen einer harmlosen Operation ins Krankenhaus kommt, zum Beispiel um sich die Krampfadern ziehen zu lassen", sagt Zastrow. "Doch dann infiziert sich die Wunde mit Keimen, die Infektion greift auf den Knochen über und der Unterschenkel muss amputiert werden." Wund-, Harnwegs- und Ateminfektionen zählen zu häufigen Folgen der Ansteckung mit den Keimen. Seltener kommt es zu einer Blutvergiftung, die aber - ähnlich wie eine Lungenentzündung - oft tödlich verläuft.

Problemkeim MRSA

Sorgen bereitet den Experten vor allem die Zunahme von Keimen, gegen die herkömmliche Antibiotika nicht mehr helfen, sogenannte "MRSA-Superbakterien". Dabei handelt es sich um Stämme des Bakteriums Staphylococcus aureus, die gegen das Antibiotikum Methicillin resistent geworden sind. Auch mit anderen Antibiotika lassen sie sich kaum mehr bekämpfen. "Geschätzt infizieren sich jedes Jahr etwa 35.000 Patienten in Krankenhäusern mit MRSA-Keimen, 1500 sterben daran", sagt Wolfgang Witte, Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Staphylokokken, einer Behörde, die am Robert-Koch-Institut (RKI) angesiedelt ist und die Ausbreitung dieser Erreger überwacht.

Statistiken zeigen: Die Methicillin-resistenten Stämme von Staphylococcus aureus haben in den vergangenen Jahren in Deutschland massiv zugenommen. Lag ihr Anteil 1990 noch unter zwei Prozent, ist er bis 2001 auf über 20 Prozent gestiegen und verharrt seitdem auf diesem Niveau. Die Gründe für den rasanten Anstieg sind dem RKI-Experten zufolge vielschichtig. So würden immer ältere Patienten in Kliniken versorgt, die sich wiederum leichter mit multiresistenten Keimen anstecken könnten. Schuld daran sei aber auch der leichtfertige und oft auch falsche Einsatz von Antibiotika, kritisiert Zastrow - und, in erster Linie, mangelnde Hygiene. Denn bei vielen Menschen kommen MRSA-Keime natürlicherweise vor: Sie besiedeln den Nasen- und Rachenraum sowie die Haut. Gelangt das Bakterium so unbemerkt ins Krankenhaus, kann es sich durch Hygiene-Schlamperei weiter verbreiten und für Menschen mit geschwächtem Immunsystem zum Problem werden.

Niederlande haben MRSA besser unter Kontrolle

Doch das muss nicht sein, wie das Beispiel Holland zeigt. Dort ist es dank eines konsequenten Kampfes gegen multiresistente Erreger gelungen, die MRSA-Quote deutlich zu senken. "Search and destroy" heißt das Konzept, demzufolge in den Niederlanden Risikopatienten zuerst isoliert, auf MRSA-Keime untersucht und dann "saniert" werden. Wer aus dem MRSA-Problemgebiet Deutschland einreist, um sich dort behandeln zu lassen, kommt ebenfalls erst einmal in Quarantäne. Auch der Umgang mit Antibiotika ist in Holland anders: Diese werden deutlich zurückhaltender verschrieben - Resistenzen entwickeln sich daher seltener.

In Deutschland hat der Erfolg der Nachbarn mancherorts bereits ein Umdenken bewirkt. In der Uniklinik Münster und rund 40 weiteren Krankenhäusern im Münsterland werden seit 2007 alle Risikopatienten per Nasenabstrich auf MRSA untersucht - ganz wie in Holland. "In jedem Krankenhaus in den Niederlanden arbeitet zudem ein hauptamtlicher Hygieniker", sagt der Mikrobiologe Alexander Friedrich, der das Projekt mit angestoßen hat. Krankenhäuser mit guten Hygienestandards werden mit einem Siegel ausgezeichnet, dessen Vergabe eine unabhängige Stelle kontrolliert. Ein erster positiver Trend zeichnet Friedrich zufolge ab: "In diesem Gebiet gibt es die niedrigste MRSA-Rate in Nordrhein-Westfalen." Auch finanziell lohne sich die Vorsorge, sagt Friedrich: Ein Abstrich koste ein paar Euro, bei einer Infektion mit MRSA kämen dagegen schnell einige tausend Euro zusammen.

Seite 1: Keimnest Krankenhaus
Seite 2: Koalition sagt Keimen den Kampf an
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
EU-Gesundheitskommissar warnt Jede zehnte Klinikbehandlung ist schädlich

Infektionen mit Krankenhauskeimen, Behandlungsfehler von Ärzten und Pflegern: Die EU schlägt Alarm wegen der Situation in Europas Kliniken. Jede zehnte Behandlung sei für die Patienten schädlich. mehr...

Krankenhauskeim MRSA Nach der Routine begann der Horror

Über eine halbe Million Menschen stecken sich pro Jahr in deutschen Krankenhäusern mit gefährlichen Keimen an. Das kann auch bei einem Routine-Eingriff passieren. mehr...

Hygiene-Schlamperei Der Tod lauert im Krankenhaus

Ein Routineeingriff kann tödlich enden: Bis zu einer Million Patienten werden jährlich im Krankenhaus mit gefährlichen Keimen, sogenannten MRSA, infiziert. Mehr als 40.000 sterben Schätzungen zufolge daran. Eine neue Entscheidung des Bundesgerichtshofs erleichtert Klagen gegen Hygiene-Schlamperei. mehr...

Resistente NDM-1-Bakterien Das doppelte Antibiotika-Versagen

Neue, resistente Bakterien breiten sich aus: In Deutschland wurden NDM-1-Keime nachgewiesen. Ihr Auftreten zeigt, dass wir falsch mit vorhandenen Antibiotika umgehen, und zu wenig Wert auf neue legen. mehr...

Verwandte Fragen

Sie kennen die Antwort? Beantworten Sie die Frage hier oder senden Sie selber eine Frage