Startseite
stern exklusiv

Die geheimen Vermerke des Niersbach-Vertrauten

Dem stern liegen Vermerke eines hohen DFB-Funktionärs vor. Sie erhellen den Vorgang um die Millionen-Provision an die Fifa. Den Deutschen ging es nur um 70, nicht um 170 Millionen Euro für die Organisation der WM 2006.

Internes DFB-Papier und drei Köpfe des früheren Ok zur WM 2006: Niersbach, Beckenbauer, Radmann

Wolfgang Niersbach, Franz Beckenbauer, Fedor Radmann (v.l.): Interne Notizen belegen, dass im DFB lange vor der verunglückten Niersbach-Pk im Oktober das Thema diskutiert wurde.

Es war auch ein großes Theaterstück, das der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach vor den Medien aufführte: Frankfurt, DFB-Zentrale, 22. Oktober 2015, der "Spiegel" hatte den DFB-Skandal enthüllt, es ging um eine dubiose 6,7-Millionen-Zahlung und um die Frage, ob das deutsche Sommermärchen nur ein Märchen war. Nach Tagen des Wegduckens trat nun Niersbach vor. Ausführlich erklärte er, was er wusste. Noch ausführlicher erklärte er, was er nicht wusste.

Von der Pressekonferenz existiert ein Zusammenschnitt des Fernsehmoderators Arnd Zeigler. Der Clip zeigt, wie Niersbach mit Worten und Gesten immer wieder sein Nichtwissen demonstrierte. Ein zweiseitiges Papier mit dem Logo "Deutscher Fußball-Bund“, das dem stern vorliegt, zeigt, dass Niersbach an diesem Donnerstagmittag verschleierte, was er wirklich wusste.

Bis heute nämlich ist unbekannt, dass die 6,7-Millionen-Zahlung der Deutschen gar nicht dafür gedacht war, von der Fifa einen WM-Organisationszuschuss von 170 Millionen zu bekommen. Es ging, so ist dem zweiseitigen DFB-Papier zu entnehmen, nur um 70 Millionen. 100 Millionen Euro hatte die Fifa dem WM-Ausrichter Deutschland zugesagt.

Keine Gegenleistung für 100 Millionen

Stefan Hans, Vertrauter des früheren DFB-Verbandschef Wolfgang Niersbach

Stefan Hans, Vertrauter des früheren DFB-Vorsitzenden Wolfgang Niersbach, verfasste interne DFB-Gesprächsnotizen, die dem stern vorliegen

Das Dokument ist eine Zusammenfassung mehrerer Gespräche und Treffen, verfasst hat es Stefan Hans. Hans war Niersbachs Vertrauter. Beim DFB verantwortete er bis zu seiner Freistellung vor einigen Wochen die Direktionen Recht, Finanzen und Personal. Seine Vermerke sind an mehreren Stellen in einer Handschrift korrigiert oder ergänzt, die wie die Handschrift von Wolfgang Niersbach aussieht.

Unter der Zeile "Gespräch mit Fedor Radmann am 03.06.2015, 16:40 Uhr bis 18:30 Uhr" notierte Stefan Hans, dass Radmann beim Fifa-Kongress 2015 in Zürich ein Fifa-Mann angesprochen habe. Radmann ist ein guter Freund von Franz Beckenbauer und war über mehrere Jahre Vize-Chef des Organisationskomitees (OK) der WM, das der DFB gebildet hatte. Den Fifa-Mann kürzte Hans als "MK" ab. Er meinte damit Markus Kattner, einen Deutschen, der 2003 als Finanzchef zur Fifa kam und dort heute als Geschäftsführender Generalsekretär amtiert.

Interne DFB-Notiz zu einem Gespräch zur WM 2006 am 9.6.2015

Einer der Vermerke des DFB-Vize-Generalsekretärs Stefan Hans. FB steht für Franz Beckenbauer, WNI für Wolfgang Niersbach, HRS für Horst R. Schmidt, TZW für Theo Zwanziger. SHA ist der Autor Stefan Hans selbst, HSA der Generalsekretär Helmut Sandrock. Sie alle wussten frühzeitig Bescheid. Die handschriftlichen Korrekturen und Ergänzungen sind einer Handschrift vorgenommen, die so wie die Handschrift Wolfgang Niersbachs aussieht.


Es sei um einen "Vorgang aus der WM 2006" gegangen, heißt es in dem Vermerk, und weiter: "Ursprünglich sei für das OK WM 2006 ein sehr viel niedrigerer (laut Fedor Radmann € 100 Mio. umgerechnet) als der tatsächlich gezahlte (€ 170 Mio.) Zuschuss vorgesehen gewesen." Für diese 100 Millionen Euro mussten die Deutschen jedoch keineswegs eine Gegenleistung erbringen. Ein Geldfluss an die Fifa war laut des Papiers nur nötig, um eine "Steigerung" des WM-Zuschusses zu erhalten. Und für diese Steigerung verlangte die Fifa dann offenbar rund zehn Prozent Provision.

Niersbach verstärkte Mär von der Geldnot

Dass die Fifa offenkundig 100 Millionen Euro problemlos bereit stellte verblüfft. Bisher wurde der Sachverhalt immer so dargestellt, als sei Deutschland in der Frühphase der Organisation von dem Fifa-Geld abhängig gewesen. So wirkte es auf manchen Betrachter fast schon verzeihlich, dass heimlich 6,7 Millionen Euro in die Kanäle der Fifa geleitet wurden.

In seiner Pressekonferenz im vergangenen Oktober hätte Wolfgang Niersbach den Sachverhalt richtig darstellen können. Stattdessen sprach er erneut nur von der Gesamtsumme, von den 170 Millionen, ließ die 100 zugesagten Millionen unerwähnt.

Er spreche "in aller Offenheit und Ehrlichkeit", mit diesen Worten begann Niersbach seine Ausführungen vor den Journalisten. Das klang gut, doch das ihm bekannte Papier seines Vertrauten Stefan Hans erlaubt eine andere Einschätzung.

Ex-DFB-Chef wusste früh sehr viel

Auf der Pressekonferenz im Oktober sagte Niersbach: "Ich bin vorgestern, also am Dienstag, bei Franz Beckenbauer in Salzburg gewesen und kenne erst seitdem einigermaßen genau diesen ersten Teil, also wie überhaupt der Kontakt zu Robert Louis-Dreyfus zustande gekommen ist." Einigermaßen genau? Stefan Hans hielt fest, dass Niersbach mit Franz Beckenbauer, Fedor Radmann und dem früheren DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt über den 6,7-Millionen-Deal bereits am 9. Juni 2015 gesprochen habe.

Noch am selben Tag, so ist zu lesen, habe Niersbach den Generalsekretär Helmut Sandrock und Hans davon informiert. Es ging bei Niersbachs Gespräch mit Beckenbauer und Co. laut Hans um den Deal und sogar um den möglichen Verwendungszweck der DFB-Millionen: Von dem katarischen Fifa-Funktionär Mohammed Bin Hammam ist die Rede und vom Blatter-Wahlkampf 2002.

Interne Notiz des DFB zu einem Gespräch zur WM 2006 am 10.6.2015

Stefan Hans notiert, was er beim Länderspiel in Köln erlebt hat. Der frühere WM-OK-Vize Horst Schmidt hat ihm allerlei bestätigt. RLD steht für den früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus, der für die Deutschen 6,7 Millionen Euro an die Fifa schickte.

Einen Tag später spielte in Köln die deutsche Nationalmannschaft gegen die USA. In der Halbzeitpause kam Horst R. Schmidt auf Stefan Hans zu. Schmidt habe ihm "vollumfänglich bestätigt", was Niersbach erst 48 Stunden vor der Pressekonferenz erfahren haben will, schreibt Stefan Hans und zählt auf:

  • "Ausgang sei ein Gespräch Blatter-FB gewesen.
    (FB ist Franz Beckenbauer, die Redaktion)
  • RLD Geld an Katar, Schuldschein von Schwan
    (RLD ist Robert Louis Dreyfus, Schwan ist Beckenbauers damaliger Manager Robert Schwan)
  • Jahre später habe RLD Geld zurück gefordert
  • TZW + HRS seien bei RLD in Lugano gewesen
    (TZW ist der damalige DFB- und OK-Schatzmeister Theo Zwanziger, HRS ist der damalige OK-Vizepräsident und DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt)"

Niersbach soll DFB weiter bei Uefa und Fifa vertreten

Portrait von DFB-Funktionär Horst R. Schmidt

Der ehemalige DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt: Der Verband möchte, dass Niersbach den DFB auch weiterhin bei Fifa und Uefa vertritt

Wolfgang Niersbach wusste demnach früh viel. Und im Juli 2015 erfuhr er noch mehr. Da hatte der DFB-Chef nach Kaltern in Südtirol geladen, um sich mit den Weltmeistern von 1990 des damaligen Titels zu erinnern. Bei dieser Gelegenheit tauschte sich Wolfgang Niersbach auch über weniger schöne Ereignisse der Vergangenheit aus. Mit Horst R. Schmidt etwa, so vermerkte Stefan Hans nach einem Gespräch mit Niersbach, habe sich dieser über „den Vorgang (Dreyfus)“ unterhalten.

Ende Juli 2015 kamen in Kitzbühel Franz Beckenbauer, Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt zusammen. Niersbach erfuhr umgehend davon und erzählte auch Stefan Hans davon. Der vermerkte dann, Zwanziger habe „den Vorgang einem Anwalt gegeben“.

Die Vermerke, verfasst von seinem Vertrauten, zeigen, wie Wolfgang Niersbach in der Krise agierte. Sie zeigen, was Niersbach unter "Offenheit und Ehrlichkeit" versteht. Im Moment hält sich Niersbach, 65, in Zürich auf. Es ist Fifa-Kongress, Niersbach ist Mitglied der Exekutiv-Komitees von Fifa und Uefa.

Diese Ämter will er behalten. Die neue DFB-Spitze will das auch. "Das Präsidium hat einstimmig Wolfgang Niersbach gebeten, seine persönlichen Ämter bei der Fifa und Uefa zu behalten", sagte der kommissarische DFB-Präsident Reinhard Rauball.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools