5. Januar 2011, 11:23 Uhr

Das Spiel ist aus

Den Stürmer René Schnitzler trieb die Spielsucht in die Hände der Wettmafia: Er nahm Geld und sollte Partien des FC St. Pauli manipulieren. Erstmals packt ein deutscher Profiüber die Schattenwelt des Fußballs aus - er will aber niemanden betrogen haben. Von W. Löer, R. Schäfer, N. Plonka, O. Schröm und A. Mönnich

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Die Spielsucht trieb Ex-Profi-Fußballer René Schnitzler in die Fänge der Wettmafia©

Der Pate hat geladen, nach Noordwijk an die Nordsee.

Er hat schmale Schultern und eine Glatze, trägt einen dunklen Anzug und feine Lederschuhe, spricht vornehm leise, aber bestimmt und empfängt im Huister Duin, einem Luxushotel mit Sternerestaurant und Hubschrauberlandeplatz.

René Schnitzler und Thomas Jacobs* fahren an diesem 15. Mai 2008 in einem Mercedes-Geländewagen vor. Schnitzler ist Stürmer beim FC St. Pauli, zweite Liga. Jacobs betreibt Wettbüros am Niederrhein. Dem Glücksspiel verfallen sind sie beide.

Der Pate, den sie nur als "Paul" kennen, wartet in der Lobby und will mit ihnen ins Geschäft kommen.

Schnitzler soll Spiele seines Vereins verschieben, Paul will darauf wetten. Thomas Jacobs hat den Kontakt gemacht, er verkehrt seit vielen Jahren mit Paul und steht in seiner Schuld. Schnitzler weiß das, außerdem kennt er Jacobs schon lange. Er will ihm einen Gefallen tun. Vor allem braucht er Geld. So viel Geld, dass er bereit ist, seine Karriere als Profifußballer zu riskieren.

Ein Wettskandal, der den Fußball erschüttert

In gutem Deutsch schildert Paul seinen Plan: St. Pauli soll verlieren, am nächsten Sonntag in Mainz, je höher, desto besser.

Paul fragt, ob Schnitzler im Kader stehe. Schnitzler nickt.

Am Bochumer Landgericht wird in diesen Wochen der Wettskandal verhandelt, der Fußballligen in ganz Europa erschüttert.

In den Anklagen geht es derzeit um 32 Spiele, 17 davon in Deutschland, und um Gewinne von 1,6 Millionen Euro. Interne Ermittlungsakten, die dem stern vorliegen, zeigen aber, dass die Staatsanwaltschaft von Hunderten verschobener Spiele ausgeht. Und dass viel gigantischere Summen gewonnen und verloren wurden.

Bislang haben die Ermittler nur sechs mutmaßliche Spieleverschieber in Haft genommen. Der Berliner Kroate Ante Sapina gilt als dicker Fisch, auch gegen seinen Landsmann Marijo Cvrtak wird ermittelt. Aber am liebsten würde die Staatsanwaltschaft mit Paul reden. Cvrtak und Sapina sind emsig futternde Karpfen im trüben Tümpel der Wettbetrüger.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 02/2011

 
 
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