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"stern TV" zum Fußball-Wettskandal: René Schnitzlers Flucht nach vorn

Er hat Geld von einem Wettpaten in sechsstelliger Höhe angenommen, aber angeblich niemals ein Spiel manipuliert: der Fußballer René Schnitzler. Bei stern TV stellte er sich der Öffentlichkeit und wirkte so gar nicht wie ein Zocker.

Von Björn Erichsen

Ihm zu glauben, fällt nicht leicht. Ex-Fußballprofi René Schnitzler sitzt am Mittwochabend bei stern TV, in der Premierensendung von Jauch-Nachfolger Steffen Hallaschka, und spricht über den Fußball-Wettskandal. Seine Version: Ja, er habe Geld von dem mutmaßlichen niederländischen Wettpaten Paul Rooji angenommen, insgesamt 100.000 Euro, um fünf Spiele seines Ex-Clubs FC St. Pauli zu beeinflussen. Nein, er habe trotz der Zahlung niemals ein Spiel auf irgendeine Weise manipuliert. Seine Empfehlungen für den Wettpaten waren nur "erfunden" oder "geraten", am besten dann, wenn er selbst nicht im Kader gewesen sei. Das klingt irgendwie schräg, ein bisschen wie damals bei Bill Clinton, der fröhlich sein Marihuana rauchte, aber angeblich nie inhalierte.

Vor der Kamera ist Schnitzler angespannt. Sehr sogar für so ein Pokerface, das sich schon seit dem 18. Geburtstag in Spielcasinos rumtreibt und in einer Nacht auch schon mal 150.000 Euro verzockte. Auch momentan steht viel für ihn auf dem Spiel: Der 25-Jährige ist in Europas größten Wettskandal verwickelt, der gerade vor dem Landgericht Bochum verhandelt wird. Seit Anfang Dezember Polizisten vor seiner Wohnungstür in Mönchengladbach standen, ist er auf der Flucht nach vorn: Er packte aus und gab im stern als erster deutscher Fußballprofi überhaupt öffentlich zu, von der Wettmafia Geld bekommen zu haben.

Schnitzler bereut, was er getan hat, das nimmt man ihm durchaus ab. Brav sitzt er mit schlichtem, schwarzem Hemd neben seinem Anwalt Rainer Pohlen. Erschöpft sieht er aus, mit Dreitagebart und müden Augen. Es klingt naiv, wenn er mit seinem niederrheinischen Singsang sagt, dass ihm erst vor Kurzem klar wurde, "in was er sich da hineineinmanövriert hat". Doch wahrscheinlich stimmt das sogar. Schnitzler spricht offen über seine Schulden und seine Spielsucht, die er nun auch selbst Krankheit nennt und therapieren lässt.

Wenn Anfängerfehler zum Schicksal werden

Es ist vor allem eine Begebenheit aus dem Oktober 2008, die Schnitzlers Schilderungen so unfassbar macht: Vor dem Spiel des FC St. Pauli beim FC Augsburg hatte Schnitzler von dem niederländischen Wettpaten 10.000 Euro mehr verlangt, angeblich um den eigenen Torwart zu schmieren – und dann kassiert Pauli-Keeper Mathias Hain beim Stand von 2:2 in der Nachspielzeit nach einem läppischen Anfängerfehler das entscheidende Gegentor. "Das sieht im Nachhinein richtig dämlich aus", kommentiert Hallaschka, nach eigenem Bekunden St. Pauli-Fan. Schnitzler zuckt mit den Schultern, was soll er sagen? Er nimmt Torwart Hain (erneut) in Schutz und beschwört höhere Mächte: "Das ist Schicksal", orakelt der Fußballer und ahnt selbst, dass das kaum jemanden zufrieden stellt.

Fassungslos macht jeden Fußball-Fan eine eingespielte Szene aus St. Paulis Auswärtsspiel in Mainz im November 2008. Schnitzler spielte, sein Team sollte verlieren, so der Deal. Doch in letzter Minute schießt St. Pauli das 2:2. Und was macht Stürmer Schnitzler - der das "Glück" hat, im Strafraum nicht an den Ball zu kommen - nach einem Tor seiner eigenen Mannschaft? Steht teilnahmslos herum, jubelt nicht, wirkt im Gegenteil niedergeschlagen. Er weiß: Jetzt hat er richtig Probleme.

Scheinbar ungerührt nimmt Schnitzler dagegen im Gespräch mit Hallaschka die Aussagen von Paul Rooij im neuen stern zur Kenntnis. In einem Interview hatte der Profi-Wetter behauptet, nie ein Spiel verschoben, zu haben vielmehr nur eine Art Mittelsmann gewesen zu sein, der für Schnitzler und andere in Asien Wetten platziert hätte. "Alles Quatsch, ich hatte damals nicht mal mehr 100 Euro, die ich ihm hätte bringen können", so Schnitzler. "Aber jeder kann sich natürlich verteidigen wie er will. Ich bleibe bei meiner Aussage, die wahrheitsgemäß ist." Auf Nachfrage bekennt Schnitzler, dass er Angst vor dem einflussreichen Rooji hat.

Schnitzler muss seine Unschuld nicht beweisen

Davon, dass Schnitzler Geld genommen, aber nicht manipuliert hat, muss Anwalt Pohlen als nächstes den DFB-Kontrollausschuss und dann die Richter im Bochumer Landgericht überzeugen, um die "sportrechtlichen und strafrechtlichen Konsequenzen zu begrenzen". Die Chancen dafür stehen gar nicht mal schlecht, muss doch die Staatsanwaltschaft Schnitzler eine Manipulation auf dem Spielfeld nachweisen und nicht umgekehrt er seine Unschuld.

Der Fußballer hofft mit seinen 25 Jahren irgendwann mal wieder einen Verein zu finden, schließlich habe "doch jeder Mensch eine zweite Chance verdient". Das mag stimmen, doch ob René Schnitzler sie noch bekommen wird?

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