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Philipp Lahm und René Schnitzler Schluss mit Teamgeist


Unterschiedlicher können Fußballerkarrieren kaum sein: Philipp Lahm ist Kapitän der Nationalelf, René Schnitzler gesperrt und spielsüchtig. Doch sie haben eines gemein: In ihren Büchern räumen sie auf mit Teamgeist, mit "Wichtig-ist-die-Mannschaft"-Gehabe - und sehen Fußball als reinen Konkurrenzkampf.
Von Klaus Bellstedt

Müssen Fußballspieler erst Bücher schreiben oder an ihnen mitwirken, um ein wenig offener zu werden? Zumindest ist das bei den beiden Büchern zu beobachten, die gerade auf den Markt gekommen sind. Fußballbücher verkaufen sich nicht, heißt es in der Verlagsbranche oft. "Der feine Unterschied" von Philipp Lahm und "Zockerliga" über René Schnitzler, an dem stern-Redakteur Wigbert Löer mitgeschrieben hat, beweisen das Gegenteil. Am Montag werden sie in der Bestsellerliste von "Buchreport" auf Platz 16 (Lahm) und Platz 26 (Schnitzler) stehen. Bei Amazon liegt Lahm sogar auf 1.

Vor allem aber bringen beide Werke die gut geölte Floskel-Maschine Profifußball ins Stottern. Beide Profis sprechen Klartext. In Schnitzlers "Zockerliga", wo die Thematik dazu einlädt - es geht viel um Sex, Frauen, Autos und um die Liebe zum Pokerspiel – aber auch, trotz aller Aufregung diplomatischer, in Lahms "Feinem Unterschied". Dort hat der Kapitän der Nationalelf und des FC Bayern ja auch mehr zu verlieren als René Schnitzler, der vom DFB für zweieinhalb Jahre gesperrt wurde.

Man muss es nicht überbewerten, aber freuen darf man sich doch, dass da zwei Zwischenrufe ertönen im lauten Fair-Play-Chor der vom Sportsgeist durchdrungenen Fußballprofis. "In einer Fußballmannschaft ist sich jeder selbst der nächste", urteilt René Schnitzler, 26, der bei Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach mit den Profis trainierte und dann zwei Jahre für den FC St. Pauli in der Zweiten Liga stürmte, nebenbei hohe Spielschulden auftürmte und sich mit der Wettmafia einließ. Schnitzler erklärt seine These von der Mär des Mannschaftsdenkens in der "Welt": "Kein Mensch freut sich, wenn der Konkurrent ein Tor schießt. Keiner freut sich, wenn ein anderer gut spielt. Dass man auf der Bank aus Anstand aufspringt und das Tor beklatscht, ist selbstverständlich. Aber es ist nicht ehrlich."

"Jeder belauert seine Kollegen"

Offen und ehrlich war bekanntlich auch Philipp Lahm, als er seinem Ghostwriter seine Meinung zu seinen Ex-Trainern Rudi Völler, Jürgen Klinsmann und Louis van Gaal diktierte. Und auch Lahm räumt auf mit der uneigennützigen Für-andere-Freude im Fußball: "Es ist eine romantische Vorstellung, dass eine Mannschaft aus elf Freunden besteht. Mag sein, dass es Ausnahmen gibt, aber die Regel lautet, dass eine Mannschaft aus 20, 25 Konkurrenten zusammengeschmiedet wird. Natürlich steht der gemeinsame Erfolg im Vordergrund, die Mannschaft muss ja als Mannschaft funktionieren, aber bis es so weit ist, findet unter den 20, 25 Männern ein beinharter Konkurrenzkampf statt." Lahm unverblümt: "Jeder – ich sage: jeder – belauert seine Kollegen und schaut darauf, aus jeder Situation einen Vorteil für sich selbst herauszuziehen.“

Wie weit der Spieler dabei gehe, müsse dieser selbst entscheiden, schickt Lahm noch hinterher, und man muss kurz daran denken, wie er im südafrikanischen WM-Quartier 2010 just an dem Tag seinen Anspruch auf das Kapitänsamt untermauerte, als Michael Ballack verletzt und geknickt abreiste.

Im Gegensatz zu anderen Lahm-Passagen, die erst medial zu Aufregern gemacht wurden, wird beim Thema Konkurrenzkampf kein Blatt vor den Mund genommen. Schnitzler wiederum war ohnehin nie jemand, der sich um sein Image schert, er tut es in seinen Schilderungen in "Zockerliga" ebenfalls nicht, schildert sein Profileben stattdessen mit schonungsloser Offenheit. Zwei unterschiedliche Typen äußern sich, der eine berichtet von Champions-League-Spielen, der andere von Mannschaftsabenden im Strip-Lokal. Aber in der Bewertung des Egoismus’ von Fußballprofis sind sie sich beide einig.


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