Das Vermächtnis Bin Ladens

22. März 2013, 08:45 Uhr

Bei der Tötung Osama bin Ladens beschlagnahmten US-Soldaten über hundert Datenträger. FBI-Agenten verraten vor einem deutschen Gericht bislang unbekannte Details über die Geheimoperation. Von Johannes Gunst

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Terror-Pate Osama bin Laden (Archivbild von 2000) war offenbar über die Existenz Düsseldorfer Zelle informiert©

Hastig und mit Plastikbeuteln bewaffnet stürmen die "Navy Seals" von Raum zu Raum. Pakistanische Kampfjets befinden sich bereits im Anflug auf Abbottabad, aber diese Chance ist einmalig: Die Elitesoldaten der US-Armee beschlagnahmen Computer-Hardware, DVDs, Festplatten und USB-Sticks aus dem Versteck Osama Bin Ladens. Dann hieven sie den Leichnam des Terrorchefs und die Beweismittel an Bord ihrer beiden Helikopter und entschweben in die pakistanische Nacht.

Millionen Kinozuschauer haben diese Szenen im "Oscar"-nominierten Meisterwerk "Zero Dark Thirty" verfolgt.

Wer wissen will, wie es weiter ging, findet die Antwort nicht auf der Leinwand, sondern im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts. In der Hauptrolle: "Special Agent" Alexander H. Otte. Dunkler Maßanzug, durchtrainierter Körper, geschliffene Umgangsformen. Die Zeugenaussagen von ihm und zwei FBI-Kollegen geben seit Mittwoch einen seltenen Einblick in die Arbeitsweise der mächtigen US-Bundespolizei und enthüllen bislang unbekannte Details aus dem Nachklang der Operation zur Tötung Osama Bin Ladens.

Die Beute auf Tischen verteilt

Seit dem Jahr 2000 ist der Ex-"Marine" Ott Mitarbeiter des "Federal Bureau of Investigation". Als "Field Officer" in Los Angeles lernte er sein Handwerk. 2006 wurde Otte FBI-Verbindungsbeamter beim US-Kongress, 2009 folgte die Berufung ins "Counter Terrorism Center". Sein Verantwortungsgebiet: Afghanistan und Pakistan.

Es war Alexander H. Otte, der die Kommandotruppe aus nach ihrer Rückkehr aus Abbottabad in Empfang nahm. Auf einem Stützpunkt der US-Air Force habe er die Soldaten am frühen Morgen des 2. Mai 2011 in einen Raum mit vielen Tischen geführt. Die Einsatzkräfte breiteten vor Otte ihre Beute aus dem Hause Bin Ladens aus. Mit einem Lageplan des Anwesens in der Hand und mithilfe der Erinnerung der Soldaten sortierte der FBI-Agent die Fundstücke. Jedem Tisch ordnete Otte ein Zimmer in Bin Ladens Versteck zu. Über 100 Datenträger hatten die Soldaten insgesamt eingesackt und mitgebracht.

Auf einem der Tische, er repräsentierte einen Fundort im ersten Stock des Haupthauses, landete auch ein unscheinbarer weiß-brauner USB-Stick. Marke "Kingston", Kapazität 16 Gigabyte. Neben dutzenden anderen Dateien befand sich darauf auch ein "Word"-Dokument mit dem Namen: "DieOperativenSchritte.docx" (aus d. arabischen). Letztes Änderungsdatum dieser Datei: "31.03.2010". Der Inhalt: explosiv. In einem rund 30 Seiten langen Brief an Osama Bin Laden beschreibt der damalige Außenminister der al Kaida, Scheich Younis al Mauretani, die Strategie der Terror-Organisation für Europa.

Ein Brief im Zentrum des Interesses

Der stern berichtete bereits im August 2011 exklusiv über die Existenz und Beschlagnahmung dieses Dokuments.

In der aktuellen Woche nun steht das Schreiben von Scheich Mauretani im Mittelpunkt des Prozesses gegen die vier Mitglieder der "Düsseldorfer Zelle". Die Generalbundesanwaltschaft wirft der Truppe um den Marokkaner Abdeladim E.-K. vor, einen "aufsehenerregenden Anschlag" in Deutschland geplant zu haben.

Über den exakten Bezug des geheimen Strategiepapiers des al Kaida Außenministers zum Hauptangeklagten Abdeladim E.-K. hüllen sich die Bundesanwälte gegenüber der Öffentlichkeit in Schweigen. Fakt ist nach stern-Informationen: Mauretani soll Bin Laden in dem Brief mitgeteilt haben, dass es "zu den wunderbaren Gaben, die uns Allah beschert hat" zähle, dass man einen "intelligenten und sehr vernünftigen" jungen Mann für al Kaida gewonnen habe. Einer, der zu allem bereit sei. Geboren sei der Kerl am "15.06.1981" - hierbei handelt es sich um das Geburtsdatum des Chefs der "Düsseldorfer Zelle".

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