Üblicherweise füllt man in einem Menschenleben x Formulare aus. Bei der Frage "männlich oder weiblich" gibt es kein langes Grübeln. Oder doch? Nach Schätzungen leben in Deutschland etwa 80.000 Menschen, deren Geschlecht sich nicht eindeutig zuordnen lässt. Von Sylvie-Sophie Schindler

Mädchen oder Junge - das Rätselraten beginnt meist schon im Kreißsaal© Colourbox.com
Zwei bis drei von 1000 Neugeborenen sind betroffen. Der medizinische Fachbegriff für dieses Phänomen lautet Intersexualität. Früher wurden die Begriffe Hermaphroditen oder Zwitter verwendet. Nicht Junge, nicht Mädchen - selten ein Zustand auf Dauer: seit Jahrzehnten werden intersexuelle Kinder auf Wunsch ihrer Eltern chirurgisch und hormonell "korrigiert", um ihnen ein eindeutiges Geschlecht zuzuweisen. Wie sehr aber braucht die Gesellschaft tatsächlich eine geschlechtliche Vereindeutigung? Oder ist die unbedingte Festlegung auf eines der beiden Geschlechter anzuzweifeln?
Der Druck von außen ist natürlich groß: eine Geschlechtsfestlegung wird in vielen Alltagssituationen gefordert, angefangen bei dem "standesamtlichen Geschlecht" im Personalausweis und der Anmeldung im Kindergarten. Doch die Zwangsfestlegung, insbesondere im frühen Kindesalter, wird mehr denn je kritisch betrachtet. In Netzwerken von Intersexuellen wird gefordert, Genitaloperationen erst dann durchzuführen, wenn der Intersexuelle der Operation aus eigenem Willen zustimmt. Auch in der medizinischen Praxis hat sich durchgesetzt, intersexuelle Säuglinge nicht sofort unter das Messer zu legen. "Wenn sich das Geschlecht nicht eindeutig bestimmen lässt, bildet sich idealerweise ein Team aus unterschiedlichen Fachrichtungen, um die weitere Vorgehensweise abzustimmen", sagt Hertha Richter-Appelt, Leiterin der Forschergruppe "Intersexualität" am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).
Bis zur entscheidenden Operation müssen die Eltern von Intersexuellen eine vorläufige Entscheidung treffen, wie sie ihr Kind aufziehen wollen - als Mädchen oder als Jungen. Ute Thyen vom Netzwerk Intersexualität erklärt: "Diese Entscheidung muss man allerdings überdenken, falls sich herausstellt, dass sich das Kind im Laufe der Zeit anders fühlt." Im Idealfall entscheiden die Betroffenen selbst, welche Geschlechterrolle sie annehmen wollen. "Das hört sich einfach an, ist es aber nicht", sagt Thyen. Es komme auch vor, dass sich Betroffene weder für das Leben als Mann noch als Frau entscheiden würden, sondern als "etwas dazwischen".
Eltern von intersexuellen Kindern sind oft verunsichert. "Viele behandeln ihre Kinder wie Behinderte, obwohl sie körperlich vollkommen gesund sind", sagt Hertha Richter-Appelt. Die Expertin rät zum offenen Umgang: "Es ist wichtig, intersexuelle Menschen über ihre Situation vollständig aufzuklären. Diagnose und Behandlungsmaßnahmen sollten weder tabuisiert noch verheimlicht werden." Ute Thyen weiß: "Es ist vor allem die Geheimhaltung, die Betroffene traumatisiert." Auch ihr Rat lautet: "Klarheit von Anfang an." Bis zur Pubertät sollte man allerdings nicht warten: "Das ist eine empfindliche Phase. Wenn Betroffene dann erst eingeweiht werden, überfordert sie das möglicherweise." Die psychische Belastung steht bei Intersexuellen im Vordergrund, insbesondere die Angst, ausgeschlossen zu werden. Auch physische Komplikationen können zu dauerhaften psychischen Schäden führen. Etwa wenn Betroffene aufgrund einer Verkleinerung die Sensibilität der Klitoris verlieren oder wenn vernarbte Stellen bei sexueller Erregung Schmerzen verursachen.