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15. Oktober 2009, 10:44 Uhr

Lieber Meyer als Müller

Herta Müller - noch nie gehört? So ging es den meisten Deutschen in der vergangenen Woche. Denn das Volk der Dichter und Denker liest lieber Trivialliteratur, wie die Bestsellerlisten beweisen. Aber darf man zugeben, statt mit Müller lieber mit Stephenie Meyer einzuschlafen? Von Meike Bruhns

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Gegen Stephenie Meyer, Autorin von "Biss zum Morgengrauen", hat Herta Müller keine Chance© Michael Probst/AP

Jeder, der vor einer Woche wusste, wer Herta Müller ist, bitte die Hand heben! Ach, doch so viele? Sieh mal einer an. Und Kathrin Schmidt? Irgendjemand? Nein? Ich gebe es zu, mir waren die beiden Damen unbekannt. Nun sollen Nobel- und Buchpreise uns vielleicht auch zeigen, dass es da draußen noch eine literarische Welt jenseits von Feuchtgebieten und Elfen-Abenteuern gibt. Trotzdem: Wenn die Jurys im Herbst die Namen der Preisträger verkünden, fühlt es sich oft so an, als habe man das Klassenziel wieder mal verfehlt. Literarisches Wissen? Sechs, setzen! Sicher, es gibt auch tolle Schmöker-Autoren, die den Nobelpreis bekommen haben, so wie Gabriel Garcia Márquez oder John Steinbeck. Doch von den meisten haben die wenigsten von uns je etwas gehört, geschweige denn gelesen. Und so manche, von denen wir gehört haben, möchten wir, wenn wir ganz ehrlich sind, gar nicht lesen.

Doch darf man zugeben, dass einem diese oft so schwere Kost nicht schmeckt? Dass Gerhardt Hauptmann in der Schule eine Qual war, Thomas Mann sich gerne hätte kürzer fassen können oder dass ein Günther Grass manchmal einfach nur nervt? Romane, so scheint es, sind hochliterarisch nur relevant, wenn die Figuren an Selbstzweifeln und widrigen politischen Systemen zerbrechen, gegen schwere körperliche Gebrechen kämpfen oder im Arbeitslager über Hunger phantasieren. Gute Literatur, so könnte man meinen, darf auf keinen Fall leicht zu lesen sein. Lachen darf man schon gar nicht. Sonst wäre sie ja trivial. Und Triviales darf man nicht gut finden. Oder doch?

Vampire und Feuchtgebiete

Schon ein kurzer Blick auf die Beststellerlisten zeigt, dass "Landschaften der Heimatlosigkeit" (die Nobel-Jury über Müller) nach einem langen Arbeitstag bei den meisten von uns keine Chance haben gegen die Frage, wann der niedliche Vampir Edward Cullen endlich mit seiner rothaarigen Freundin Bella schläft. Seit dem Erscheinen des ersten deutschen Bandes 2006 steht Stephenie Meyers Vampir-Teenie-Drama ganz oben auf der "Spiegel"-Liste. Fünf Millionen Exemplare wurden allein in Deutschland verkauft. Gibt es überhaupt noch so viele Teenager, die lesen? Wohl kaum. Der Verlag hat da eher die Mütter in Verdacht, will das aber nicht offiziell verkündet wissen. Auch wer die 1,3 Millionen Leser sind, die 2008 die "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche kauften, wird wohl niemand erfahren. Oder kennen Sie jemanden, der zugibt, das Buch durchgelesen zu haben?

Wie praktisch, dass ein Ausflug in den Buchladen oder zu Amazon so herrlich anonym ist. Da merkt keiner, dass wir nicht bei der Hochkultur stöbern, sondern eher auf den Tischen, wo in dicken Stapeln liegt, was wir Deutschen am liebsten lesen: düstere skandinavische Krimis, herrlich kitschige historische Romane über Wanderhuren und Päpstinnen, wortreiche Zauberwelten, in denen Jungs im Drachenkampf zu Männern reifen oder Elfenköniginnen versuchen, ihr Phantasiereich vor dem Untergang zu bewahren.

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