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"Schreiben war eigentlich immer Folter"

"Der Medicus" war ein Bestseller. Nun kommt der Film in die deutschen Kinos. Autor Noah Gordon freut sich, das noch miterleben zu dürfen - auch wenn ihm einiges nicht gefällt.

Von Alexandra Kraft, New York

Noah Gordon musste von der Verfilmung seines Romans "Der Medicus" erst überzeugt werden

Noah Gordon musste von der Verfilmung seines Romans "Der Medicus" erst überzeugt werden

Herr Gordon, Sie sind ein echter Spätzünder. Der erste Bestseller mit 60, der erste Film mit 87 Jahren. Warum dauerte es 27 Jahre, bis aus Ihrem Buch endlich ein Film wurde?
Das ist eine komplizierte Geschichte. Ich versuche es einfach zu machen. Im Laufe der Jahre wollte immer wieder jemand den Film drehen, aber am Ende fehlte das Geld. So wanderten die Rechte durch viele Hände.

Unter anderem durch die von Dietrich Grönemeyer, dem Bruder des Sängers Herbert. Wie kam er dazu?


Er rief mich an, sagte, er sei Arzt und Bruder eines berühmten Künstlers. Ich kannte beide nicht, habe ihn auch nie getroffen. Aber es hörte sich gut an, was er versprach. Also verkaufte ich ihm eine Option. Er hatte leider überhaupt keine Ahnung vom Filmgeschäft. Als er nichts zustande brachte, fielen die Rechte wieder an mich zurück.

Nun hat es doch noch geklappt. Haben Sie den Film schon gesehen?


Ja, mit meiner Frau Lorraine und den Kindern hier in Boston.

Wie fühlten Sie sich dabei?


Lorraine weinte, sie hat es sehr bewegt. Weil wir das noch erleben durften. Sie sagt immer: Ich bin so froh, dass wenigstens eines deiner Bücher vor deinem Tod verfilmt wurde.

Mochten Sie den Film?


Ich fand ihn extrem interessant. Er riecht wie mein Buch. Sehr, sehr schmutzig, wirklich richtig unhygienisch. (lacht) Leider sind das letzte Drittel und das Ende nicht mehr meine Geschichte. Das wurde komplett neu geschrieben. Natürlich bin ich darüber nicht glücklich. Kein Autor wäre das.

Warum wurde das Ende neu geschrieben?


Weil mein Schluss nicht funktionierte. Er war zu kompliziert für einen Film. Ich weiß, dass die Produktionsfirma wirklich alles probiert hat. Meine Tochter Lisa und ich versuchten es auch noch einmal. Aber es gefiel nicht. Also fand ich mich damit ab, dass es anders gemacht werden musste.

Schmerzt das?


Natürlich. Ich könnte mich natürlich beklagen, dass mein Kunstwerk verändert wurde. Aber ich bin froh, dass es den Film noch gibt, bevor ich nicht mehr bin. Es war ein weiter Weg. Nun hoffe ich darauf, dass die Fans meiner Bücher nicht enttäuscht sind. Auf jeden Fall freue ich mich auf die Premiere in Deutschland. Ich reise extra dafür nach München.

Sie wirken voller Tatendrang. Was können wir als nächstes von Ihnen erwarten?


Ich habe mir mit meinen Erfolgen als Schriftsteller wirklich Zeit gelassen. (lacht) Deswegen ist Ihre Frage ja berechtigt. Aber ich muss Sie enttäuschen: Für einen neuen Roman fehlt mir die Kraft. Schreiben war für mich eigentlich immer Folter. Ich leide unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Mich auf ein Thema zu konzentrieren, ist eine Herkulesaufgabe. Heute reicht es nur noch für Kurzgeschichten.

Aber warum sind Sie dann Schriftsteller geworden? Ihre Eltern drängten, dass Sie Arzt werden.


Nur weil sie glaubten, als Mediziner sei man finanziell abgesichert. Ich war ein Kind der Großen Depression. Wir waren furchtbar arm und gingen nie auf spannende Reisen. Aber wir hatten eine große Bibliothek. Dort reiste ich mit wunderbaren Autoren im Gedanken durch die Welt. Für mich stand fest: Ich wollte Geschichtenerzähler werden. Egal, was meine Eltern sagten.

Trotzdem ließ die Medizin Sie nicht los. In Ihren Romanen sind meist Ärzte die Hauptfiguren.


Mediziner arbeiten an der Schaltstelle zwischen Leben und Tod. Das alleine ist schon aufregend. Zu Anfang meiner Karriere arbeitete ich als Wissenschaftsjournalist und erlebte viele medizinische Entwicklungen hautnah mit. Als Buchautor erinnerte ich mich daran. Davon was die Leser wollten, hatte ich ja keine Ahnung. Also habe ich immer die Bücher geschrieben, die ich gerne selbst gelesen hätte.

Operationen schildern Sie bis ins letzte blutige Detail. Warum schockieren Sie so gerne?


Das Leben ist eben so - zumindest wie ich es erlebt habe.

Sie arbeiteten als Rettungssanitäter...


Richtig, wenn Sie eine Herzattacke hätten, könnte ich Sie wiederbeleben. Mit meiner Familie lebte ich einige Jahre weit draußen in Massachusetts. Am Ende einer langen, kurvigen Bergstraße. Ein Krankenwagen brauchte mindestens eine halbe Stunde rauf. Wollte man überleben, musste man sich zu helfen wissen. Also ließ ich mich zum Rettungssanitäter ausbilden. Wir hatten viele Jagdunfälle. Und das sah selten gut aus.

Tom Payne (Mitte) spielt den Rob Cole in der "Medicus"-Verfilmung. In weiteren Rollen sind Olivier Martinez (r.) und Ben Kingsley (l.) zu sehen. Mit Fahri Yardim und Elyas M’Barek sind auch zwei deutschsprachige Schauspieler dabei.

Tom Payne (Mitte) spielt den Rob Cole in der "Medicus"-Verfilmung. In weiteren Rollen sind Olivier Martinez (r.) und Ben Kingsley (l.) zu sehen. Mit Fahri Yardim und Elyas M’Barek sind auch zwei deutschsprachige Schauspieler dabei.

Stammten aus dieser Zeit auch die Ideen für Ihre Romane?
Ein paar Erlebnisse habe ich wirklich eingebaut, vor allem in mein letztes Buch. Aber viel kam aus meiner Arbeit als Journalist und von den Menschen, die ich dort traf.

In Ihrem Leben scheint einiges los gewesen zu sein.


(lacht) Langweilig war es nicht. Einmal rief ich zum Beispiel für eine Recherche den Direktor der Pathologie an der Harvard University an. Er hasste Interviews. Um mich loszuwerden, sagte er, dass er nur während der Arbeit mit mir spreche. In diesem Fall bei einer Autopsie an einem Baby, das bei einem Brand erstickt war.

Und, sind Sie darauf eingegangen?


Warum nicht? Ich fand das interessant. Er wollte mich austesten, dachte, ich kippe um. Am Ende schob er das Baby in die Kühlbox und lud mich zum Essen ein. Ich bestellte mir ein Steak. Danach waren wir Freunde. Er war lange ein wichtiger Berater für mich. Leider erschoss er sich später.

Auch Ihre Geschichten nehmen viele tragische Wendungen. Wie viel ist real davon?


Die Charaktere habe ich mir ausgedacht. Aber die historischen Fakten stimmen. Bevor ich mit einen Buch begann, verbrachte ich mindestens ein Jahr in Bibliotheken, um zu recherchieren. Trotzdem ist mir immer noch mal etwas durchgerutscht.

Zum Beispiel?


In "Der Schamane" hält ein Zug an einer Haltestelle, die in Wahrheit erst viel später eröffnet wurde. Findet der Leser Fehler, ruiniert das alles. Dann hat sich der Zweifel eingeschlichen.

Sie sind aber trotzdem stolz auf Ihr Werk. Wir sitzen in Ihrem Appartement vor einem großen Bücherregal voll mit Ausgaben Ihrer Romane aus aller Welt...


Auch 20 Jahre später kann ich es noch immer nicht glauben. Ich bin in 42 Ländern erschienen. 42! Natürlich bin ich stolz darauf. Ich hatte so viel Glück.

Naja, Sie müssen als Autor auch etwas gekonnt haben!


Glauben Sie mir, ein gutes Buch allein reicht nicht aus. Ich hatte viele Freunde, die geniale Schreiber waren und in gammligen Kammern in New York starben. Ohne Glück wird man nichts.

Das hatten Sie auch nicht sofort. Ihre Bücher waren in den USA keine großen Erfolge...


Mein allererstes "Der Rabbi" schon, es war 26 Wochen in der Bestseller-Liste. Dafür riskierte ich alles und ließ mich vier Jahre von meinem Job als Reporter freistellen. Obwohl ich meine Familie zu versorgen hatte.

Die machte das alles klaglos mit?


Meine Frau Lorraine war und ist die perfekte Partnerin für einen Schriftsteller. Sie gab ihre Karriere auf und suchte sich einen Job, damit wir über die Runden kamen. Leider lief es nach "Der Rabbi" einfach nicht gut für mich. Meine nächsten drei Bücher floppten.

Wie fand das Ihre Frau?


Lorraine, die immer zu mir gehalten hatte, sagte: "Noah, schreib noch eins. Wenn das nicht verkauft, sucht du dir den besten Zeitungs-Job, den du finden kannst." Ich hatte also ein bisschen Druck. (lacht)

"Der Medicus" erschien und lag wie Blei in den Läden. Sind Sie auf Jobsuche gegangen?


Ja, aber zum Glück bekam ich bald einen Anruf von Kurt Blessing, einem Verleger aus Deutschland, dem das Buch in die Hände gefallen war und der es unbedingt nach Deutschland bringen wollte. Was ihm ja auch hervorragend gelungen ist.

In der Tat, Sie verkauften sieben Millionen Bücher.


Die Deutschen, später die Spanier und irgendwann ganz Europa liebten mich.

Und wenn der Film ein Erfolg wird, hoffen Sie darauf, dass Ihre Bücher in den USA doch noch Bestseller werden?


Ich würde mich gegen den Erfolg nicht wehren. Aber ehrlich gesagt, genieße ich meine Ruhe hier. Wenn ich in Deutschland bin, bekomme ich eine Ahnung davon, was es heißt, ein Star zu sein. Aber ich freue mich natürlich, dass schon jetzt meine E-Book-Verkäufe in den USA kräftig steigen.

Noah Gordons Ehefrau Lorraine kommt ins Wohnzimmer. Sie geht am Stock, stellt sich neben ihn, legt ihre Hand auf seine Schulter und sagt: "Komm Noah, wir müssen in die Bibliothek."

"Ja, Schatz. Wissen Sie, meine Frau und ich haben unserer Seniorenresidenz eine Bibliothek geschenkt. Und da müssen wir jetzt hin. Wir betreuen sie. Kaufen Bücher, lesen viel, arbeiten das Personal ein. Das beschäftigt uns und hält uns in Bewegung. Ich bin jeden Tag dankbar für das große Glück in meinem Leben."

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo

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